RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
Agyptische Mythen
und Mysterien
im Verhaltnis zu den wirkenden
Geisteskraften der Gegenwart
Ein Zyklus von zwolf Vortragen
gehalten in Leipzig
vom 2. bis 14. September 1908
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgeseheaen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage (Zyklus 5) Berlin 1911
2. Auflage Dornach 1931
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Biblibgraphie-Nr. 106
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1978 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl
ISBN 3-7274-1060-4
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof-
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehalte-
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindli-
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif-
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi
gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick-
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlu£
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Leipzig, 2. September 1908
Das Wesen der Anthroposophie. Das Reinkarnationsgesetz. Die
nachatlantischen Kulturen : Der Zusammenhang der siebenten mit
der altindischen Kultur ; der sechsten mit der urpersischen Kultur ;
Wiederholung der agyptischen in dem Leben der gegenwartigen
Kultur, Materialismus, eine Folge der Einbalsamierung; keine
Wiederholung erlebt die vierte nachatlantische Kulturepoche.
Zweiter Vortrag, 3. September 1908
Das Werden der Erde. Das Urerdenatom als Urbild der Menschen-
gestalt. Sonne, Mond und Erde als ein Korper. Die Abspaltung der
Sonne ; die Abspaltung des Mondes und die Trennung von Wasser
und Luft wahrend der lemurischen Zeit. Das BewuBtsein der atlan-
tischen Zeit. Die Widerspiegelung des kosmischen Geschehens in
den religiosen Anschauungen der nachatlantischen Kulturen.
Indische Kultur: Brahma; persische: Ormuzd und Ahriman; agyp-
tische : Osiris, Isis und Horus ; griechisch-lateinische : Gottergestal-
ten, eine Erinnerung an hohere Wesenheiten der atlantischen Zeit;
unsere Kultur: die gotterlose Zeit, sie muB den Christus-Impuls
aufnehmen und in die Zukunft blicken. Das BewuBtsein muB apo-
kalyptisch werden.
Dritter Vortrag, 4. September 1908
Die letzte atlantische und die nachatlantische Menschheit. Das Be-
wuBtsein der Atlantier. Der atlantische Mensch drang noch in das
innere Wesen der Dinge ein, die er wahrnahm. Die Gestalt des
Menschen in der atlantischen Zeit. Der Atherleib war viel groBer
als heute. Seine vier typischen Gestalten: Adler, Lowe, Stier,
Mensch. Die Eingeweihten der atlantischen Zeit. Die atlantischen
Einweihungsschulen. Dem Einzuweihenden wurde das Urbild der
Menschengestalt als Meditationsinhalt gegeben. Durch die Kraft
der Gedanken konnte so noch auf den physischen Leib gewirkt
werden, daB sich dieser unmittelbar umgestaltete.
Vierter Vortrag, 5. September 1908
Das geistige Urbild des Menschen am Anfang der Erdentwicke-
lung. Die urindische Einweihung: Bild, Ton und Wort. «Veda» -
das Wort. Die sieben Rishis, die Schuler des Manu. Die Abspaltung
der Planeten. Jeder der sieben Rishis verstand die Geheimnisse
eines der sieben Planeten in ihren Wirkungen auf den Menschen.
Das Verhaltnis des Lehrers zum Schiiler in der indischen, agypti-
schen und griechischen Zeit. Der heilende Tempelschlaf, eine
kiinstliche Herstellung des atlantischen BewuBtseins. Der Herab-
stieg des Urwortes, Christus.
Funfter Vortrag, 7. September 1908
Die Entwickelung der Erde im Urzustande. Die polarische Zeit.
Das Licht als das Kleid der Liebe. Die hyperboraische Zeit. Die
Abspaltung der Sonne. Sie nahm die feinsten Substanzen (Licht)
mit heraus. Dadurch verfestigte sich die Erde zu Wasser: die
«Wassererde». Der Mensch als Wasserwesen. Fische, Amphibien,
Drachen und Drachentoter. Das Schlangensymbol. Die lemurische
Zeit. Die Abspaltung des Mondes von der Erde. Der Mensch bildet
das Knochensystem aus und die Anlage zur Luftatmung sowie das
BewuBtsein von Geburt und Tod. Licht und Luft; Osiris und
Typhon.
Sechster Vortrag, 8. September 1908
Sonnen- und Mondkrafte, ihre Wirkung auf den Menschen. Der
Osirismythos. Das vom Monde zuriickgeworfene Sonnenlicht bil-
det die vierzehn Nervenstrange des Menschen. Osiris wirkt in den
vierzehn Mondphasen vom Neumond bis zum Vollmond. In der
Zeit vom Vollmond bis zum Neumond wirkt Isis. Sie bildet die
weiteren vierzehn Nervenstrange. Die Entstehung des Mannlichen
und Weiblichen. Die Entstehung der Lunge, des Kehlkopfes und
des Herzens durch die Wirkung des Horus.
Siebenter Vortrag, 9. September 1908
Die Osirislegende. Die Menschheitsentwickelung. Die Gestalt des
Menschen in der polarischen Zeit. Die Entstehung des Tierreichs.
Die hyperboraische und lemurische Zeit, Das Leucht- und Wahr-
nehmungsorgan des damaligen Menschen, die heutige Zirbeldruse.
Der Tierkreis im Zusammenhang mit der menschlichen Gestalt:
Fische = FiiBe, Wassermann = Unterschenkel, Steinbock = Knie,
Schutze = Oberschenkel, Skorpion = Sexus. Entstehung der Ge-
schlechtlichkeit durch Abspaltung des Mondes. Isis und Osiris als
die Bildner der oberen menschlichen Gestalt. Die Leier des Apollo.
Achter Vortrag, 10. September 1908
Die stufenmaBige Entwickelung der Menschenformen entspre-
chend dem Gang der Sonne durch die Sternbilder des Tierkreises
(Waage, Jungfrau). Das AbstoBen der Tierformen (Fische). Chri-
stus geht mk der Sonne von der Erde fort. Das Fischsymbol der
ersten Christen. Der EinfluB der Sonnen- und Mondkrafte auf die
Gestalt des Menschen. Die vier Menschentypen der Atlantis. Die
Geschlechtertrennung : Mann und Weib entstehen durch das Uber-
wiegen der Osiris- beziehungsweise Isiskrafte. Der Nerthus-
Mythos. Die Bilder der Mythen, eine Darstellung realer Tatsachen,
Neunter Vortrag, 11. September 1908 109
Die Wirkung der Sonnen- und Mondgeister, der Osiris- und Isis-
krafte. Die Entstehung des Auges. Schlaf- und Wachzustand des
Menschen in der lemurischen und atlantischen Zeit. Die indische
Kultur: Die Welt als Maja. Die persische Kultur: Die physische
Welt wird Arbeitsfeld. Die agyptisch-babylonisch-assyrisch-chal-
daische Kultur: Die Welt als Gotterschrift. Die griechisch-latei-
nische Kultur : Der Mensch pragt sein Selbst der Materie ein. Am
tiefsten Punkt der Menschheitsentwickelung erscheint Christus
Jesus physisch auf der Erde, damit der Mensch den Weg in die gei-
stige Welt zuriickfindet.
Zehnter Vortrag, 12. September 1908 123
Die alten Sagen als Bilder von kosmischen Tatsachen und Ereig-
nissen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Die Verdunke-
lung des geistigen BewuBtseins der Menschheit; die Gefahr des
geistigen Todes. Eine Aufhellung kann errungen werden durch
das Einweihungsprinzip der Mysterien. Die Rettung durch den
Christus. Die Eingeweihten als Vorlaufer des Christus ; ihr prophe-
tisches BewuBtsein. Durch Bilder wird der Geist des Schulers der
agyptischen Einweihung geformt bis zum Begreifen der Ich-Ent-
wickelung des Menschen. Viele dieser auf okkulten Tatsachen
beruhenden Bilder sind durch die griechischen Sagen hiniiber-
gegangen in das BewuBtsein der Menschen.
Elfter Vortrag, 13. September 1908 141
Das Wesen der agyptischen Einweihung: die Einpragung iiber-
sinnlicher Schauorgane in den Astralleib, die er dann dem Ather-
leib wie Siegelabdriicke eindriickt wahrend eines todahnlichen Zu-
standes von dreieinhalbTagen, in dem der Atherleib herausgehoben
wird aus dem physischen; die in den iibersinnlichen Gefilden erleb-
ten Erfahrungen machen den Wiedererweckten zum Erleuchteten.
Die kosmische Organkunde der agyptischen Hierophanten. Heute
sieht der Mensch auf materielle Art, was er friiher im Geistigen
gesehen hat. Die Bedeutung der Tat des Christus fur die verstorbe-
nen Seelen.
Zwolfter Vortrag, 14. September 1908 158
Der Abdruck des Geistes in den griechischen Kunstschopfungen;
der Geist als Sklave der Materie in unserer Zeit. Der Christus-
Impuls als Oberwinder der Materie. Auch die zeitliche Gruppen-
seelenhaftigkeit in der Generationenreihe ist durch die Christus-
Kraft iiberwunden worden. Der Vaterweg und der Gotterweg der
alten Agypter. Isis als die agyptische Volksseele. Pharao als der
Sohn der Isis und des Osiris. Die Ahnen als Sammler und Spender
geistiger Giiter und als die zweiundvierzig Totenrichter ; das Er-
erbte sollte in der physischen Welt kultiviert werden. Wieder-
erstehung dessen, was damals die Seele erlebt hat zwischen Tod
und neuer Geburt in unserer Zeit.
Einladung zum Vortragszyklus 176
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 1 79
Hinweise zum Text 180
Namenregister 182
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 183
ERSTER VORTRAG
Leipzig, 2. September 1908
Wenn wir uns fragen, was Geisteswissenschaft den Menschen sein
soli, so werden wir wohl aus allerlei Empfindungen und Gefuhlen
heraus, die wir uns im Verlaufe unseres Arbeitens auf diesem Ge-
biete gebildet haben, eine Antwort immer wieder vor unsere Seele
stellen: Es soli uns sein Geisteswissenschaft ein Weg zur hdheren
Entwickelung unserer Menschheit, des Menschentums in uns.
Damit haben wir ein in gewisser Beziehung fur jeden denkenden
und fuhlenden Menschen selbstverstandliches Lebensziel hingestellt,
ein Lebensziel, das einschlieBt die Erreichung der hochsten Ideale,
das aber auch einschlieBt die Entfaltung der bedeutsamsten, tiefsten
Krafte in unserer Seele. Im Grunde haben die Besten der Menschen
zu alien Zeiten sich die Frage gestellt: Wie kann der Mensch das,
was in ihm veranlagt ist, richtig zur Entfaltung bringen? - Und in
der mannigfachsten Art sind Antworten gegeben worden. Man kann
vielleicht keine, die kiirzer und bundiger ist, ftnden als diejenige,
die aus einer tiefen Gesinnung heraus Goethe gegeben hat in den
«Geheimnissen» :
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet.
Ungeheuer viel und ein tiefer Sinn liegt in diesen Worten, denn
klar und pragnant zeigen sie uns das, worauf es ankommt in bezug
auf alle Entwickelung. Darauf kommt es an, daft der Mensch sein
inneres Empfinden dadurch entwickelt, daB er iiber sich selbst hin-
auskommt. Dadurch finden wir, daB wir uns sozusagen iiber uns
selbst erheben. Die Seele, die sich iiberwindet, die findet den Weg
iiber sich hinaus und damit zu den hochsten Giitern der Menschheit.
Es darf an dieses hehre Ziel der Geisteswissenschaft erinnert
werden, wenn wir im BegrifTe stehen, gerade ein solches Therm zu
behandeln wie das, das uns hier beschaftigen soil. Es wird uns
zunachst hinausfiihren von dem gewohnlichen Horizonte des Lebens
zu hohen Angelegenheiten. Weite Zeitraume werden wir zu iiber-
blicken haben, wenn wir behandeln sollen unseren Gegenstand, eine
Zeitepoche, die sich erstrecken soli von dem alten Agypten bis in
unsere Zeit. Jahrtausende sind es, die wir zu iiberblicken haben, und
es wird das, was wir gewinnen wollen, wirklich etwas sein, was mit
unseren tiefsten Seelenangelegenheiten zusammenhangen soli, was
in das Innerste unseres Seelenlebens eingreift. Denn nur scheinbar
ist es, dafi der Mensch dadurch, daB er zu den Hohen des Lebens
strebt, sich entferne von dem, was ihm unmittelbar gegeben ist;
gerade dadurch kommt er zu dem Verstandnis fur das, was ihn
stiindlich beschaftigt. Der Mensch mufi von der Misere des Tages,
von dem, was der Alltag bringt, abkommen und zu den groBen
Ereignissen der Welt- und Volkergeschichte hinaufschauen, dann
erst flndet er das, was die Seele als ihr Heiligstes bewahrt Sonder-
bar konnte es scheinen, wenn angedeutet wird, daB Beziehungen
aufgesucht werden sollen, intime Beziehungen zwischen dem alten
Agypten, den Zeiten, in denen die gewaltigen Pyramiden und die
Sphinx entstanden, und unserer eigenen Gegenwart. Es konnte vor-
erst etwas merkwurdig erscheinen, daB man unsere Zeit dadurch
besser verstehen will, daB man den Blick so weit zuruckwirft. Nun
werden wir gerade darum noch iiber viel umfassendere, weitere
Zeitraume zuriickblicken miissen. Aber auch das wird uns das Ergeb-
nis liefern, das wir vor Augen haben, das wir suchen, das Ergebnis :
die Moglichkeit zu finden, iiber uns selbst hinauszukommen.
Es kann demjenigen, der sich schon mit den elementaren Begrif-
fen der Geisteswissenschaft griindlicher beschaftigt hat, gar nicht
sonderbar erscheinen, daB man den Zusammenhang sucht zwischen
weit auseinanderliegenden Zeitraumen. Denn das ist ja eine Grund-
iiberzeugung von uns, daB die Menschenseele immer wiederkehrt,
daB die Erlebnisse zwischen Geburt und Tod wiederholt fur den
Menschen ablaufen. Die Lehre der Wiederverkorperung ist uns
immer vertrauter geworden. Indem wir das iiberlegen, konnen wir
fragen: Ja, diese Seelen, die heute in uns wohnen, waren schon oft
da; ist es nicht moglich, daB sie auch schon einmal im alten Agypter-
lande da waren, zur Zeit der agyptischen Kulturepoche, daB die-
selben Seelen in uns sind, die damals aufgeschaut haben zu den gigan-
tischen Pyramiden und den ratselhaften Sphingen im alten Agypten?
Diese Frage ist zu bejahen. Es hat sich das Bild erneuert, und un-
sere Seelen haben aufgeschaut zu den alten Kulturdenkmalern, die
sie heute wiedersehen. So sind es im Grunde dieselben Seelen, die
damals gelebt haben, die durchschritten haben spatere Zeitraume
und wieder erschienen sind in unserer Zeit. Und wir wissen, daB
kein Leben ohne Frucht bleibt, wir wissen, dafi dasjenige vorhanden
ist und bleibt in der Seele, was sie an Erlebnissen und Erfahrungen
durchgemacht hat, daB es in Form von Kraften, im Temperamente,
in Fahigkeiten, Anlagen wieder erscheint in spateren Verkorperun-
gen. So ist die Art, wie wir heute die Natur anschauen, wie wir
das, was unsere Zeit hervorbringt, aufnehmen, die Art, wie wir
heute die Welt anschauen, im alten Agypten, dem Lande der Pyra-
miden, veranlagt worden. Damals sind wir so hergerichtet worden,
wie wir heute hinausblicken in die physische Welt. Wie sich geheim-
nisvoll die weiten Zeitraume verketten, das wollen wir einmal er-
griinden.
Wenn wir den tieferen Sinn dieser Vortrage betrachten wollen,
so mussen wir weit in unserer Erdenentwickelung zuriickgehen. Wir
wissen, daB unsere Erde sich oft verandert hat. Dem alten Agypten
gingen noch andere Kulturen voraus. Mit den Mitteln der okkulten
Forschung konnen wir auch noch viel weiter zuriickschauen, in graue
Vorzeiten der Menschheitsentwickelung, und da kommen wir aller-
dings in solche Zeiten, in denen die Erde ganz anders aussah als
heute. Es war ganz anders auf dem Boden des alten Asiens und
Afrikas. Schauen wir hellseherisch hinab in uralte Zeiten, da kom-
men wir in jene Zeiten, wo eine gewaltige Katastrophe, durch Was-
serkrafte bewirkt, auf unserer Erde stattgefunden und deren Antlitz
grundlich geandert hat. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, so
kommen wir in uralte Zeiten, in denen die Erde eine ganz andere
Physiognomie hatte; da kommen wir in Zeiten, wo das, was heute
zwischen Europa und Amerika den Boden des Atlantischen Ozeans
bildet, oben war, Land war. Da kommen wir in eine Zeit, in der
unsere Seelen in ganz anderen Leibern lebten als heute, wir kommen
in' die alte Atlantis, in uralte Zeiten, von denen die auBere Wissen-
schaft uns heute noch wenig Kunde geben kann.
Dann haben durch groBe Wasserkatastrophen diese Lander der
Atlantis ihren Untergang gefunden. Andere Formen hatten damals
die Leiber der Menschen, andere Formen haben diese spater ange-
nofflmen. Aber die Seelen, die heute in uns wohnen, wohnten auch
in den alten Atlantiern. Das waren unsere Seelen. Dann bewirkte
die Wasserkatastrophe eine innere Bewegung der atlantischen Vol-
ker, einen groBen Volkerzug vom Westen nach dem Osten. Diese
Volker waren wir selbst. Gegen das Ende der Atlantis wurde es
recht bewegt, wir selbst wanderten von Westen nach Osten, durch
Irland, Schottland, Holland, Frankreich und Spanien. So wanderten
die Volker nach dem Osten und bevolkerten Europa, Asien und die
Nordteile von Afrika.
Nun darf man nicht glauben, daB das, was heriiberzog aus dem
Westen als letzter groBer Volkerzug, daB dieser auf den Gebieten,
die sich nach und nach als Asien, Europa, Afrika gebildet haben,
keine Volker angetroffen hatte. Fast ganz Europa, die Nordteile
Afrikas und groBe Teile Asiens waren damals schon bevolkert. Es
wurden diese Landesteile nicht nur von Westen her bevolkert, son-
dern sie waren schon fuher bevolkert worden, so daB eine im
Grunde genommen fremde Bevolkerung es war, die schon da war,
auf welche dieser Volkerzug stieB. Wir konnen uns denken, daB, als
ruhigere Zeiten eintraten, sich besondere Kulturverhaltnisse heraus-
hoben. Es war zum Beispiel in der Nahe Irlands ein Gebiet, da
wohnten vor der Katastrophe, die Jahrtausende hinter uns liegt,
die vorgeschrittensten Teile der ganzen Erdbevolkerung. Diese Teile
zogen dann durch Europa unter besonderer Fiihrung von groBen
Individualitaten bis in ein Gebiet Mittelasiens, und von dort aus
wurden Kulturkolonien nach den verschiedensten Gegenden ge-
sandt. Eine solche Kolonie der nachatlantischen Zeit, die dadurch
entstand, daB von jener Gruppe von Menschen eine Kolonie nach
Indien geschickt wurde, traf dort schon eine Bevolkerung, die seit
uralten Zeiten da war, die auch eine Kultur hatte, und indem die
Kolonisten das schon Vorhandene beriicksichtigten, griindeten sie die
erste nachatlantische Kultur, die viele Jahrtausende alt ist, von der
auBere Dokumente kaum etwas vermelden. Das, was diese sagen,
liegt Jahrtausende spater. In jenen bedeutsamen Sammlungen von
Weisheit, die wir bezeichnen als die Sammlungen des Veda, in den
alten Veden haben wir nur die letzten Nachklange von dem, was
geblieben ist von einer sehr friihen indischen Kultur, die von iiber-
irdischen Wesen geleitet wurde und begriindet wurde von den
heiligen Rishis. Es war eine Kultur einziger Art, von der wir uns
heute nur schwache Vorstellungen machen konnen, denn die Veden
sind nur der Abglanz jener uralt heiligen indischen Kultur.
Auf diese Kultur folgte eine andere, die zweite Kulturepoche der
nachatlantischen Zeit, die Kultur, aus der spater die Weisheit des
Zarathustra geflossen ist, die Kultur, aus der die persische hervor-
gegangen ist. Lange hat die indische Kultur gedauert, lange dauerte
die persische Kultur, die einen AbschluB in Zarathustra erreichte.
Dann entsteht, wieder unter dem EinfluB von Kolonisten, die ins
Nilland geschickt wurden, die Kultur, die wir zusammenfassen kon-
nen mit den vier Namen: Chaldaisch-agyptisch-assyrisch-babylonische
Kultur. In Vorderasien, in den Nordteilen Afrikas, bildete sich jene
Kultur, die wir als die dritte der nachatlantischen Zeit zu bezeichnen
haben, die auf der einen Seite ihren Hohepunkt in der wunderbaren
chaldaischen Himmelskunde, der chaldaischen Sternenweisheit, und
auf der anderen Seite in der agyptischen Kultur erreicht hat.
Dann kommt ein viertes Zeitalter, das sich im Siiden Europas ent-
wickelte, das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, deren Mor-
genrote sich auspragt in den Gesangen des Homer, die uns zeigt, was
in den griechischen Bildwerken offenbart werden konnte, die uns
zeigt eine Dichtkunst, die so Bedeutsames hervorgebracht hat wie
die Tragodien des Aschylos und Sophokles. Auch das Romertum gehort
dazu. Es ist eine Epoche, die anfangt etwa im 8. Jahrhundert, 747 vor
Christus, und die dauerte bis zum 14. und 15. Jahrhundert, 1413 nach
Christi Geburt. Von da ab haben wir den funften Zeitraum, in dem
wir uns befinden, und dieser wird abgelost werden von einem sechsten
und siebenten Zeitraum. In diesem siebenten Zeitraum wird das alte
Indertum in neuer Form auftreten.
Wir werden sehen, daB ein eigenartiges Gesetz besteht, das uns
verstandlich macht das Wirken wunderbarer Krafte durch diese
Zeitraume hindurch und den Zusammenhang verschiedener Kultur-
epochen untereinander. Blicken wir 2uerst auf den ersten Zeitraum,
den der indischen Kultur, so werden wir finden, daB wir spater diese
erste Kultur wieder aufleuchten sehen in einer neuen Gestalt im
siebenten Zeitraum. In einer neuen Form wird da das alte Indertum
auftreten. Ganz geheimnisvolle Krafte wirken da. Und den zweiten
Zeitraum, den wir den persischen nannten, den werden wir im sech-
sten Zeitraum wieder aufleuchten sehen. Wir werden, nachdem un-
sere Kultur untergegangen sein wird, in der Kultur des sechsten
Zeitraums aufleben sehen die Zarathustra-Religion. Und in unseren
Vortragen werden wir sehen, wie in unserem funften Zeitraum eine
Art Wiedererweckung stattfinden wird des dritten, des agyptischen
Zeitraums. Der vierte Zeitraum steht mitten darinnen; er ist etwas
fur sich, er hat nach vor- und riickwarts nicht seinesgleichen.
Um dies geheimnisvolle Gesetz begreiflicher zu machen, soli
noch folgendes gesagt werden. Wir wissen, daB das Indertum
etwas hat, was den heutigen Menschen in seinem Humanitats-
bewuBtsein fremd beriihrt; das ist die Einteilung in bestimmte Kasten,
die Einteilung in die Priesterkaste, Kriegerkaste, Handler und Arbei-
ter. Diese strenge Scheidung ist dem heutigen BewuBtsein fremd.
In der ersten nachatlantischen Kultur war sie nicht etwas Fremdes,
sondern etwas Selbstverstandliches. Es konnte damals gar nicht
anders sein, als daB nach den verschiedenen Befahigungen der See-
len die Menschheit eingeteilt wurde in vier Grade. Eine Harte
wurde dabei keineswegs empfunden, denn die Menschen wurden
durch ihre Fiihrer eingeteilt, und die waren eine solche Autoritat,
daB dasjenige, was sie anordneten, selbstverstandlich maBgebend
war. Man sagte sich, daB die Fiihrer, die sieben heiligen Rishis, die
in der Atlantis selbst ihren Unterricht von gottlichen Wesen emp-
fangen hatten, sehen konnten, an welchen Platz der Mensch gestellt
werden muBte. So war eine solche Einteilung der Menschen etwas
ganz Natiirliches. Ganz anders wird eine Gruppierung der Men-
schen im siebenten Zeitraum eintreten. War es im ersten Zeitraum
die Autoritat, die die Einteilung bewirkte, im siebenten Zeitraum
wird es etwas anderes sein: die Menschen werden sich gruppieren
nach sachlichen Gesichtspunkten. Etwas Ahnliches sehen wir bei
den Ameisen; sie bilden einen Staat, der in seinem wunderbaren
Auf bau sowie auch in der Fahigkeit, eine verhaltnismaBig ungeheure
Aufgabe zu leisten, von keinem Menschenstaat erreicht wird. Und
doch haben wir dort gerade das vertreten, was heute dem Menschen
so fremd erscheint, das Kastenwesen; fur jede Ameise gibt es eine
partielle Aufgabe.
Was man auch heute denken mag, die Menschen werden ein-
sehen, daB in der Teilung in sachliche Gruppen das Heil der Men-
schen liegt, und sie werden die Moglichkeit finden der Arbeits-
teilung und doch Gleichberechtigung. Die menschHche Gesellschaft
wird erscheinen wie eine wunderbare Harmonic Das ist etwas,
was wir in den Annalen der Zukunft sehen konnen. So wird das
alte Indien wieder erscheinen. Und in einer ahnlichen Art werden
gewisse Eigenarten des dritten Zeitraums wieder erscheinen im
funften Zeitraum.
Wenn wir nun zunachst auf das blicken, was unmittelbar unser
Thema einschlieBt, so sehen wir da auch ein gewaltiges Gebiet:
Wir sehen die gigantische Pyramide, die ratselhafte Sphinx; wir
werden sehen, dafi die Seelen, die den alten Indern angehorten,
auch in Agypten verkorpert waren, auch heute verkorpert sind.
Und wenn wir jene allgemeine Charakteristik etwas im einzelnen
verfolgen, so sollen uns zunachst zwei Erscheinungen vor Augen
treten, die uns zeigen werden, wie wir schon in den uberirdischen
Zusammenhangen zwischen der agyptischen und der heutigen Kul-
tur geheimnisvolle Faden verfolgen konnen. Wir haben das Gesetz
der Wiederholung in den verschiedenen Zeitraumen gesehen, un-
endlich bedeutungsvoller wird es uns aber erscheinen, wenn wir es
in der geistigen Region verfolgen.
Wir alle kennen ein Bild von tiefer Bedeutung, das uns gewiB
alien einmal vor die Seele getreten ist, jenes beriihmte Bild des
Raffae/, das durch eine Verkettung verschiedener Umstande in be-
deutungsvoller Art gerade bei uns in Mitteldeutschland sich befin-
det: ich meine die Sixtinische Madonna. Wir haben vielleicht in
diesem Bilde, das ja in unzahligen Nachbildungen vor vieier Augen
treten kann, bewundern gelernt die wunderbare Reinheit, die iiber
die ganze Gestalt ausgegossen ist; wir haben vielleicht auch in dem
Antlitz der Mutter, in dem eigenartigen Schweben der Gestalt, etwas
empfunden, vielleicht auch etwas empfunden in dem tiefen Augen-
ausdruck des Kindes. Und wenn wir dann rundherum die Wolken-
gebilde sehen, aus denen zahlreiche Engelskopfchen erscheinen,
dann haben wir ein noch tieferes Gefuhl, ein Gefuhl, das uns be-
greiflicher erscheinen laBt das ganze Bild. Ich weiB, daB ich etwas
Gewagtes ausspreche, wenn ich sage: Sieht jemand ganz tief und
ernstlich dieses Kind im Arme der Mutter, hinter ihm die Wolken,
die sich gliedern zu einer Summe von Engelskopfchen, dann hat er
die Vorstellung: Dieses Kind ist nicht auf natiirliche Art geboren,
es ist eins von denen, die daneben in den Wolken schweben. Dieses
Jesuskindlein ist selbst solch eine Wolkengestalt, nur etwas dichter
geworden, als wenn ein solches Engelchen aus den Wolken auf den
Arm der Madonna geflogen ware. Das ware gerade ein gesundes
Empfinden. Wenn wir diesen Gefuhlsinhalt in uns lebendig ma-
chen, dann wird sich unser Blick erweitern, er wird sich befreien
von gewissen engen Auffassungen iiber die natiirlichen Zusammen-
hange des Daseins. Gerade aus einem solchen Bilde heraus wird sich
der enge Blick erweitern konnen dazu, daB auch das, was nach heu-
tigen Gesetzen geschehen muB, einmal anders gewesen sein konnte.
Wir werden einsehen, dafi einstmals eine andere als die geschlecht-
liche Zeugung bestand. Kurz, wir werden tiefe Zusammenhange
des Menschlichen mit den geistigen Kraften in diesem Bilde er-
blicken. Das liegt darinnen.
Wenn wir den Blick zuruckschweifen lassen von dieser Madonna
in die agyptische Zeit, da begegnet uns etwas ganz Ahnliches, ein
gleich hehres Bild. Der Agypter hatte die Isis, jene Gestalt, an die
sich das Wort kniipft: Ich bin, das da war, das da ist, das da sein
wird. Meinen Schleier hat noch kein Sterblicher geluftet.
Ein tiefes Geheimnis, unter einem tiefen Schleier verborgen,
offenbart sich in der Gestalt der Isis, der lieblichen Gottesgeistig-
keit, der Isis, die in dem geistigen BewuBtsein des alten Agypters,
ebenso wie unsere Madonna mit dem Jesuskinde, mit dem Horus-
kinde dastand. In der Tatsache, daB uns diese Isis vorgefiihrt wird
als etwas, was das Ewige in sich tragt, werden wir wieder erinnert
an das Empfinden bei dem Anblick der Madonna. Tiefe Geheim-
nisse haben wir in der Isis zu sehen, Geheimnisse, die im Geistigen
begriindet sind. Eine Wiedererinnerung an die Isis ist die Madonna,
die Isis erscheint wieder in der Madonna. Das ist ein soldier Zu-
sammenhang. Wir rmissen mit dem Gefuhl die tiefen Geheimnisse
erkennen, die einen uberirdischen Zusammenhang 2wischen der
agyptischen und der heutigen Kultur darstellen.
Noch einen anderen Zusammenhang konnen wir heute hinstel-
len. Wir erinnern uns, wie der Agypter seine Toten behandelte, wir
erinnern uns an die Mumien, wie der Agypter etwas darauf gab,
daB die aufiere physische Form lange konserviert werde, und wir
wissen, daB der Agypter seine Graber anfiillte mit solchen Mumien,
in denen er die auBere Form erhalten hatte, und daB er dem Ver-
storbenen in das Grab mitgab gewisse Geratschaften, Besitztumer,
als Erinnerungen an das verflossene physische Leben, Geratschaften,
die den Bediirfnissen des physischen Lebens entsprachen. So sollte
das, was der Mensch im Physischen gehabt hat, erhalten bleiben.
So verband der Agypter seine Toten mit dem physischen Plan. Die-
ser Brauch bildete sich immer mehr heraus. Gerade das zeichnete die
alte agyptische Kultur aus.
So etwas ist aber nicht ohne Folgen fur die Seele. Denken wir
daran, daB unsere Seelen in agyptischen Korpern waren. Das ist
durchaus richtig, daB unsere Seelen in diesen zu Mumien gewor-
denen Leibern verkorpert waren. Wir wissen aus den Darstellungen,
die fruher gegeben worden sind, daB dann, wenn der Mensch von
seinem physischen Leib und seinem Atherleib nach dem Tode befreit
ist, daB er dann ein anderes BewuBtsein hat, daB er dann keines-
wegs in einem bewuBtlosen Zustande in der astralischen Welt lebt.
Er kann hinunterschauen aus der geistigen Welt, wenn er auch heute
nicht hinaufschauen kann, er kann aber dann hinunterschauen auf
die physische Erde. Da ist es nicht gleichgultig, ob der Leib als
Mumie konserviert ist, oder ob dieser Leib verbrannt ist oder ver-
west. Es entsteht dadurch eine bestimmte Art von Zusammenhang.
Wir werden den geheimnisvollen Zusammenhang sehen. Dadurch,
daB im alten Agypten eine lange Zeit die Leiber konserviert geblie-
ben sind, haben die Seelen in der Zwischenzeit nach dem Tode etwas
ganz Bestimmtes erlebt. Sie wuBten, wenn sie herabschauten : das ist
mein Leib. Sie waren an ihn gebunden, an diesen physischen Leib,
sie hatten vor sich die Form ihres Leibes; wichtig wurde den Seelen
dieser Leib, denn die Seele ist eindrucksfahig nach dem Tode. Der
Eindruck, den der mumifizierte Leib gemacht hat, pragte sich tief
ein, und die Seele wurde nach diesem Eindruck geformt.
Nun ging diese Seele durch Verkorperungen in der griechisch-
lateinischen Kultur hindurch, und sie lebt heute in unserer Zeit in
uns. Es ist nicht wirkungslos, daft diese Seelen nach dem Tode ihren
murnifizierten Leib gesehen haben, daB sie dadurch immer wieder
hingelenkt wurden auf diesen Leib; gar nicht unwesenthch ist das.
Sie haben ihn in ihre Sympathie aufgenommen, und die Frucht die-
ses Hinunterblickens tritt heute auf, im fiinften Zeitraum in der
Neigung, die heute die Seelen haben, groBen Wert auf das auBere
physische Leben zu legen. Alles das, was wir heute das Hangen an
der Materie nennen, das kommt davon, daB die Seelen anschauen
konnten damals aus der geistigen Welt ihre eigene Verkorperung.
Dadurch hat der Mensch die physische Welt lieben gelernt, da-
durch wird heute so oft gesagt, daB nur wichtig ist dieser physische
Leib zwischen Geburt und Tod.
Solche Anschauungen kommen nicht aus dem Nichts. Damit soli
nicht etwa eine Kritik der Mumienkultur gegeben werden, sondern
es soli nur hingewiesen werden auf Notwendigkeiten, die mit der
immer wiederkehrenden Verkorperung der Seele verbunden sind.
Die Menschen waren in ihrer Weiterentwickelung gar nicht ohne
das Hinschauen auf die Mumien ausgekommen. Heute hatte der
Mensch alles Interesse an der physischen Welt verloren, hatten die
Agypter nicht den Mumienkult gehabt. Es muBte so kommen, um
ein berechtigtes Interesse an der physischen Welt zu erwecken. DaB
heute der Mensch sich seine Welt so eingerichtet hat, daB wir heute
die Welt so sehen, wie wir sie sehen, das ist eine Folge davon, daB
der Agypter den physischen Leib nach dem Tode mumifiziert hat.
Denn auch diese Kulturstromung stand unter dem EinfluB von
Eingeweihten, die vorausschauen konnten. Man hat nicht aus einem
Einfall heraus Mumien gemacht. Gerade damals fiihrten hohe Indi-
vidualitaten die Menschheit, welche anordneten, was richtig war.
Auf Autoritat hin wurde das gemacht. In den Eingeweihtenschulen
hat man gewuBt, daB unser Zeitraum mit dem dritten Zeitraum zu-
sammenhangt. Diese geheimnisvollen Zusammenhange standen da-
mals den Priestern vor Augen, und sie ordneten gerade die Mumi-
fizierung an, damit die Seelen die Gesinnung aufnahmen, die aus
der physischen, auBeren Welt geistige Erfahrung sucht.
So wird die Welt durch Weisheit geleitet; das ist ein anderes
Beispiel solcher Zusammenhange. DaB die Menschen heute so den-
ken, wie sie denken, das ist das Ergebnis dessen, was sie erlebt ha-
ben im alten Agypten. Da blicken wir in tiefe Geheimnisse hinein,
die sich in den Kulturstromungen ofTenbaren. Wir haben diese Ge-
heimnisse nur erst beriihrt, denn das, was gezeigt worden ist an der
Madonna als einer Erinnerung an die Isis, und was wir gesehen ha-
ben an der Mumifizierung, beriihrt nur schwach die wirklichen gei-
stigen Zusammenhange. Aber wir werden noch tiefer hineinleuch-
ten in jene Verhaltnisse, wir werden nicht nur das zu betrachten
haben, was auBerlich erscheint, sondern wir werden zu betrachten
haben, was dem AuBeren zugrunde liegt.
Das auBere Leben verlauft zwischen Geburt und Tod. Ein viel
langeres Leben lebt der Mensch nach dem Tode, was wir kennen
als Kamaloka und die Erlebnisse in der geistigen Welt. Die Erleb-
nisse in den ubersinnlichen Welten sind nicht etwa einformiger als
die Erlebnisse hier in der physischen Welt. Was erlebten wir denn
als alte Agypter in der anderen Welt?
Wenn wir den Blick an der Pyramide entlang schweifen lieBen,
wenn wir ihn richteten auf die Sphinx, wie ganz anders verfloB jenes
Leben, wie ganz anders hat unsere Seele damals gelebt zwischen
Geburt und Tod! Das laBt sich gar nicht vergleichen mit dem heu-
tigen Leben, das hatte auch gar keinen Sinn. Und mannigfaltiger
noch als die auBeren Erlebnisse sind die Erlebnisse zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt. Damals, als der agyptische Zeitraum
war, da erlebte die Seele etwas ganz anderes als in der griechischen
Welt, als zur Zeit Karls des Grofien und als in unserer Zeit. Auch
in der anderen, in der geistigen Welt, findet eine Entwickelung
statt, und das, was der Mensch heute zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt erlebt, ist etwas ganz anderes, als was der alte Agyp-
ter erlebte, wenn er mit dem Tode ablegte die auBere Ge-
stalt. Und ebenso wie die Mumifizierung in einer Eigenart sich
fortgebildet hat, so daB sie die Ursache der heutigen Gesinnung
ist, ebenso wie dieses auBere Leben vom dritten sich wiederholt in
dem fiinften Zeitraum, ebenso findet ein Fortgang der Entwickelung
in jenen geheimnisvollen Welten zwischen Tod und Geburt statt.
Auch das werden wir zu betrachten haben, auch da wird sich ein
geheimnisvoller Zusammenhang ergeben. Und dann werden wir
etwas zusammengetragen haben, um das wirklich zu begreifen, was
in uns lebt, was in uns Frucht ist aus jener alten Zeit.
Allerdings werden wir da hinuntergefuhrt in tiefe Schachte des
Labyrinthes der Erdenentwickelung. Aber gerade dadurch werden
wir auch den vollen Bezug zwischen dem, was der Agypter baute,
der Chaldaer dachte, und dem, was wir heute leben, erkennen. Das,
was damals gewirkt wurde, das werden wir wieder aufleuchten
sehen in dem, was uns umgibt, in dem, was uns interessiert in un-
serer Umwelt. Physisch und geistig werden wir uber diesen Zusam-
menhang Aufschlusse erhalten. Dazu wird gezeigt werden, wie die
Entwickelung fortschreitet, wie der vierte Zeitraum ein ganz wun-
derbares Verbindungsglied bildet zwischen dem dritten und fiinften
Zeitraum. Und so wird sich unsere Seele erheben zu den bedeutungs-
vollen Zusammenhangen der Welt, und die Frucht wird sein ein
tiefes Verstandnis dessen, was in uns lebt.
ZWEITER VORTRAG
Leipzig, 3. September 1908
Wir haben gestern versucht, gewisse Zusammenhange in den
Lebensverhaltnissen, namentlich auch in den geistigen Verhaltnissen
der sogenannten nachadantischen Zeit, vor unsere Augen zu stellen.
Wir haben gesehen, wie die erste Kulturepoche dieser Zeit sich
wiederholen wird in der letzten, der siebenten Kulturepoche, wie
die persische Kultur sich wiederholen wird in der sechsten Kultur-
epoche, und wie die Kulturepoche, die uns in den nachsten Tagen
beschaftigen wird, die agyptische, sich wiederholt in dem Leben und
den Schicksalen von uns selbst, in der fiinften Kultur. Von der
vierten Kultur, der griechisch-lateinischen Zeit, konnten wir sagen,
daB sie sich eine Ausnahmestellung bewahrt hat, daft sie keine Wie-
derholung erlebt. Damit haben wir skizzenhaft hinweisen konnen
auf geheimnisvolle Zusammenhange in den Kulturen der nach-
atlantischen Zeit, die auf die Zeit der Atlantis folgte, der Atlantis,
die durch gewaltige Wasserkatastrophen zugrunde gegangen ist.
Auch diese der Atlantis nachfolgende Zeit wird untergehen.
Am Ende unserer fiinften groBen Epoche, der nachadantischen,
werden auch Katastrophen folgen, die ahnlich wirken werden wie
jene am SchluB der atlantischen Epoche. Durch den Krieg aller ge-
gen alle wird die siebente Kultur der fiinften Epoche ihren AbschluB
finden. Es waren interessante Zusammenhange, die da angedeutet
worden sind in gewissen Wiederholungen, die, wenn wir sie genauer
verfolgen werden, tief hineinleuchten werden in unser Seelenleben.
Heute miissen wir, womit wir uns einen Unterbau schaffen wol-
len, noch andere Wiederholungen vor unser geistiges Auge treten
lassen. Wir werden den Blick weit hinausschweifen lassen in das
Werden unserer Erde und werden sehen, daB die weiten Horizonte
uns ganz intim interessieren miissen.
Nur eine Mahnung sei noch an den Anfang gestellt, eine War-
ming vor schematischen Wiederholungen. Wenn auf dem Gebiete
des Okkultismus von solchen Wiederholungen die Rede ist, wie:
die erste Kulturepoche wiederholt sich in der siebenten, die dritte
in der funften, dann kann leicht irgendeine Kombinationsgabe
sich betatigen wollen und solche Schemata auch fur andere Ver-
haltnisse aufsuchen wollen. Man konnte glauben, daB man das
konnte, und in der Tat wird in vielen Biichern iiber Theosophie
mancher Unfug dadurch getrieben. Da muB denn streng gewarnt
werden, daB nicht solche Kombinationen entscheiden, sondern ein-
zig die Anschauung, die geistige Anschauung, sonst wird man
fehlgehen. Vor solchen Kombinationen muB gewarnt werden. Das
was wir lesen konnen in der geistigen Welt, laBt sich zwar durch
Logik begreifen, aber nicht finden. Erleben laBt es sich nur durch die
Erfahrung.
Wir miissen, wenn wir genauer die Kulturepochen verstehen wol-
len, uns einen tjberblick verschaffen iiber das Werden der Erde
iiberhaupt, wie es sich darstellt dem Seher, der in das Geschehen
urferner Vergangenheit seinen geistigen Blick richten kann.
Wenn wir innerhalb dieses Werdens der Erde weit zuruckblicken,
dann konnen wir uns sagen, daB unsere Erde nicht immer so aussah
wie heute. Sie hatte nicht den festen mineralischen Grund wie heute,
das Mineralreich war nicht so wie heute, auch trug sie nicht solche
Pflanzen und Tiere wie heute, und die Menschen waren nicht in
einem fleischlichen Leibe wie heute, der Mensch hatte kein Kno-
chensystem. Das hat sich alles erst spater gebildet. Je weiter wir
zuriickschauen, desto mehr nahern wir uns einem Zustand, den wir,
wenn wir ihn aus den Weltenfernen hatten betrachten konnen, ge-
sehen haben wiirden nur wie einen Nebel, wie eine feine, atherische
Wolke. Dieser Nebel wiirde zwar viel groBer gewesen sein als unsere
heutige Erde, denn dieser Nebel wiirde gereicht haben bis in die
Fernen der auBersten Planeten unseres Sonnensystems und dariiber
hinaus. Das alles hatte umfaBt eine weitreichende Nebelmasse,
worin nicht allein das war, woraus sich unsere Erde gebildet hat,
sondern alle Planeten, auch die Sonne selbst waren darin. Und wenn
wir diese Nebelmasse genauer hatten untersuchen konnen - vor-
ausgesetzt, der Beschauer hatte sich ihr nahern konnen -, so
wiirde sie fur uns so ausgesehen haben, wie wenn sie aus lauter
feinen atherischen Punkten zusammengesetzt gewesen ware. Wenn
wir einen Miickenschwarm von feme ansehen, dann erscheint die-
ser uns wie eine Wolke, in der Nahe aber sehen wir die einzelnen
Tierchen. So etwa hatten wir damals die Masse der Erde in urferner
Vergangenheit gesehen, die damals nicht materiell war in unserem
Sinne, sondern bis zum atherischen Zustande verdichtet war. Diese
Erdenbildung bestand also aus einzelnen Atherpunkten, aber mit
diesen Atherpunkten war etwas ganz Besonderes verbunden. Wenn
wir allerdings daran festhalten, daB das menschliche Auge die
Punkte hatte sehen konnen, so hatte dieses nicht so etwas wahr-
genommen, wie der Hellseher das gesehen haben wurde, was er
heute auch noch in der Tat riickblickend sieht. Das wollen wir uns
durch einen Vergleich naherbringen.
Nehmen wir ein Samenkorn einer Rose, einer wilden Rose, ein
vollig ausgebildetes Samenkorn. Was sieht der, der es betrachtet?
Er sieht einen Korper, der sehr klein ist, und wenn er nicht gelernt
hat, wie das Samenkorn der wilden Rose aussieht, so wird er niemals
herauskriegen konnen, daB da eine Hundsrose herauswachsen kann.
Das wurde er aus der bloBen Form des Korns niemals erraten. Der
aber, der mit einer gewissen hellseherischen Fahigkeit begabt ist,
der wird folgendes erleben konnen. Das Samenkorn wird allmah-
lich vor seinem Blick verschwinden, aber vor sein hellseherisches
Auge wird treten eine blumenahnliche Gestalt, die aus dem Korn
geistig herauswachst. Sie steht vor dem hellseherischen Blick, eine
wirkliche Form, die nur im Geiste erschaut werden kann. Diese
Form ist das Urbild dessen, was spater herauswachst aus dem Korn.
Nun wiirden wir uns irren, wenn wir glaubten, dafi dieses Bild ganz
der Pflanze gleich sei, die dem Samenkorn entspricht. Es ist ganz
und gar nicht gleich. Es ist eine wunderbare Lichtgestalt, die in sich
Stromungen und komplizierte Bildungen zeigt, und man konnte sa-
gen, dafi das, was spater herauswachst aus dem Korn, bloB ein Schat-
ten dieser wunderbaren geistigen Lichtgestalt sei, die der Hellseher in
dem Samenkorn sehen kann. Halten wir dieses Bild fest, wie der Hell-
seher sieht das Urbild der Pflanze, und jetzt sehen wir wieder auf
unsere Urerde, auf die einzelnen atherischen Punkte zuruck.
Wenn nun der Hellseher, ebenso wie in dem vorigen Beispiele,
sich gegeniiberstellte einem solchen atherischen Staubpunkte der
Ursubstanz, so wiirde fur ihn aus diesem atherischen Staubkorn,
ganz in ahnlicher Weise wie aus dem Samenkorn, eine Lichtgestalt
herauswachsen, eine prachtige Gestalt, die in Wirklichkeit nicht da
ist, die schlummernd in diesem Staubkorn ruht. Und was ist es denn,
was da als eine Gestalt der Seher sehen kann, ruckblickend auf die-
ses Urerdenatom? Was ist es denn, was da herauswachst? Das ist
eine Gestalt, die wiederum verschieden ist - so verschieden wie
das Urbild der Pflanze von der sinnlichen Pflanze - von dem physi-
schen Menschen: Es ist das Urbild der heutigen Menschengestalt.
Damals schlummerte geistig die Menschengestalt in dem atherischen
Staubkorn, und die ganze Erdenentwickelung war notwendig, damit
das, was da ruhte, zum heutigen Menschen sich entwickelte. Dazu
waren viele, viele Dinge notwendig, so wie fur das Samenkorn auch
vieles notwendig ist, wie der Samen in die Erde gesenkt werden
muB, und wie die Sonne ihm ihre Warmestrahlen schicken muB,
damit er sich zur Pflanze entwickelt. Und wir werden allmahlich
verstehen, wie das zum Menschen wurde, wenn wir uns klarmachen,
was alles geschehen ist in der Zwischenzeit.
In der urfernen Vergangenheit waren mit unserer Erde alle Pla-
neten verbunden. Wir wollen jedoch zunachst einmal Sonne, Mond
und Erde betrachten, die uns ja auch heute besonders interessieren.
Unsere Sonne, unser Mond und unsere Erde waren damals auch
nicht allein, sondern sie waren beisammen. Wenn wir diese drei
heutigen Korper zusammenruhren wiirden wie zu einem Brei in
einem groBen Weltentopfe, und wir uns das als einen Weltenkorper
denken wiirden, so wiirden wir das bekommen, was die Erde in
ihrem Urzustand war, namlich : Sonne plus Erde plus Mond. Natiir-
lich konnte da der Mensch nur in einem geistigen Zustande leben.
Damals konnte er nur in diesem Zustande leben, weil mit der Erde
auch verbunden war, was in der heutigen Sonne ist. Und es dauerte
eine lange, lange Zeit hindurch, daB der Weltenkorper, unsere Erde,
Sonne und Mond noch in sich hatte und noch zusammen war mit
all den Wesenheiten und Kraften, die damit verbunden waren. In
diesen Zeiten war der Mensch noch in dem Uratom des Menschen
nut geistig vorhanden. Das ist erst anders geworden in der Zeit,
in der sich etwas ganz Bedeutsames in unserer Weltenentwickelung
vollzogen hatte, namlich, als sich die Sonne als ein selbstandiger
Korper abspaltete und zuriickgelassen hat Erde und Mond. Jetzt
haben wir, was friiher eine Einheit war, als eine Zweiheit, zwei
Weltenkorper, die Sonne und andererseits die Erde plus Mond.
Warum ist das geschehen?
Alles was geschieht, hat natiirlich einen tiefen Sinn, den wir
verstehen werden, wenn wir riickschauend finden, daB damals auf
der Erde nicht nur Menschen lebten, sondern daB auch andere
Wesen geistiger Art mit ihnen verbunden waren, die zwar nicht fur
physische Augen wahrnehmbar waren, die aber doch vorhanden
waren, so wahr vorhanden wie die Menschen und die anderen phy-
sischen Wesen. So sind zum Beispiel mit unserer Welt Wesen ver-
bunden, im Umkreis der Erde lebend, die die christliche Esoterik
Engel, Angeloi nennt. Diese Wesenheiten konnen wir uns am besten
vorstellen, wenn wir bedenken, daB ein solches Wesen auf der Stufe
steht, auf welcher der Mensch sein wird, wenn die Erde ihre Ent-
wickelung beendet haben wird. Heute sind diese Wesen schon so
weit, wie der Mensch am Ziel seiner Erdenentwickelung sein wird.
Eine noch hohere Stufe nehmen die Erzengel, Archangeloi oder
Feuergeister ein, Wesenheiten, welche wir erblicken konnen, wenn
wir unseren geistigen Blick richten auf die Angelegenheiten ganzer
Volker. Diese Angelegenheiten werden gelenkt von Wesenheiten,
die man Erzengel oder Archangeloi nennt. Eine noch hohere Art
von Wesenheiten nennt man die Urbeginne oder Archai oder die
Geister der Personlichkeit, und wir finden diese, wenn wir den
Blick schweifen lassen iiber ganze Zeiten und viele Volker und
deren Beziehungen und Gegensatze und ins Auge fas sen das, was
man gewohnlich den Zeitgeist nennt. Wenn man zum Beispiel un-
sere Zeit betrachtet, so wird diese geleitet von hoheren Wesen, die
man Urbeginne oder Archai nennt. Dann gibt es noch hohere
Wesenheiten, die man in der christlichen Esoterik Gewalten oder
Exusiai oder Geister der Form nennt. So sind also mit unserer Erde
verbunden unzahlige Wesenheiten, die sich sozusagen wie in einer
Art von Stufenleiter dem Menschen angliedern.
Wenn wir bei dem Mineral anfangen und aufsteigen vom Mineral
zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier und dann zum Menschen,
so ist der Mensch das hochste physische Wesen; die anderen aber
sind ebenso da, sie sind zwischen uns, durchdringen uns. Im Be-
ginne unserer Erdenentwickelung nun, von der wir eben gesprochen,
als die Erde gleichsam als Urnebel auftaucht aus dem SchoBe der
Ewigkeit, da sind alle solchen Wesen verbunden mit der Erde, und
es wiirde sich fur den Hellseher ergeben, wie zu gleicher Zeit mit
der Menschengestalt auch andere Wesen jenes Bild durchdringen.
Es sind die oben genannten Wesen und Wesen noch hoherer Art,
wie die Machte, die Herrschaften, die Throne, die Cherubim und
dann die Seraphim. Das sind alles Wesen, die innig verbunden
waren mit jenem gewaltigen atherischen Staub, aber sie stehen auf
verschiedenen Stufen der Entwickelung. Es gibt solche, welche eine
Erhabenheit haben, von der der Mensch keine Ahnung hat, doch
gibt es auch Wesen, die den Menschen naherstehen. Weil solche
Wesenheiten auf verschiedener Stufe standen, konnten sie ihre Ent-
wickelung nicht in der Art durchmachen wie der Mensch, es mufite
fur sie ein Wohnplatz geschaffen werden. Es waren unter den hohen
Wesenheiten solche, die sehr viel eingebuBt hatten, wenn sie mit
den niederen Wesen verbunden geblieben waren. Daher sonderten
sie sich ab. Sie nahmen aus dem Nebel die feinsten Substanzen
heraus und bildeten sich in der Sonne ihren Wohnsitz. Sie bildeten
sich dort ihren Himmel; da fanden sie das rechte Tempo ihrer Ent-
wickelung. Waren sie in den geringeren Substanzen geblieben, die sie
in der Erde zuriickgelassen haben, dann wiirden sie dadurch ihre Ent-
wickelung nicht haben fortsetzen konnen. Das ware eine Hemmung,
wie ein Bleigewicht in ihrer Entwickelung gewesen. Wir sehen daraus,
wie das, was materiell geschieht, wie die Spaltung der Weltsubstanz,
nicht bloB aus physikalischer Ursache geschieht, sondern durch die
Krafte der Wesenheiten, die einen Wohnsitz fur ihre Entwickelung not-
wendig haben; es geschieht, weil sie ihr Weltenhaus bauen miissen.
Das miissen wir betonen, daB geistige Ursachen zugrunde liegen.
So ist zuriickgeblieben auf der Erde plus Mond der Mensch und
mit ihm hohere Wesen der untersten Hierarchie, wie Engel und
Erzengel und Wesenheiten, die tiefer standen als er selbst. Nur
eine einzige machtige Wesenheit, die eigentlich schon reif war, mit
auf den Schauplatz der Sonne zu wandern, hat sich geopfert und
ist mitgegangen mit Erde plus Mond. Es ist die Wesenheit, die spa-
ter Jahve oder Jehova genannt wurde. Er hat die Sonne verlassen
und wurde dann der Leiter der Angelegenheiten auf der Erde plus
Mond. So haben wir zwei Wohnplatze: die Sonne mit den erhaben-
sten Wesen, unter der Fiihrung einer besonders hohen, erhabenen
Wesenheit, die die Gnostiker zum Beispiel sich vorzustellen versuch-
ten unter dem Namen Pleroma. Wir sollen uns dieses Wesen vor-
stellen als den Regenten der Sonne. Jahve ist der Leiter der Erde
plus Mond. Wir wollen das ganz besonders festhalten, daB die
edelsten, erhabensten Geister mit der Sonne herausgegangen sind
und die Erde mit dem Monde zuriickgelassen haben. Der Mond war
noch nicht abgespalten, er war noch in der Erde darinnen. Wie
kann man nun diesen kosmischen Vorgang der Abtrennung der
Sonne von der Erde empfinden? Man muB vor alien Dingen die
Sonne mit ihren Bewohnern empfinden als das Hehrste, Reinste,
Erhabenste, was mit der Erde fruher in Verbindung gewesen war,
und dann muB man empfinden das, was Erde plus Mond ist, als das,
was sich dagegen als das Niedere herausgebildet hat. Der Zustand
war damals noch niedriger als der unserer heutigen Erde. Diese
steht wiederum hoher, denn es trat ein spaterer Zeitpunkt ein, in
dem die Erde sich des Mondes entledigte und mit ihm ihrer groberen
Substanzen, mit denen der Mensch sich nicht weiter hatte entwickeln
konnen. Die Erde muBte den Mond herauswerfen.
Vorher aber war die finsterste, schauervollste Zeit fur unsere Erde,
da war das, was die edlen Entwickelungsanlagen hatte, unter die
Gewalt schlimmer, sehr schlimmer Krafte gekommen, und erst da-
durch konnte der Mensch weiterkommen, daB er die schlimmsten
Daseinsbedingungen mit dem Monde heraussetzte.
Wir miissen empfinden, daB da ein Lichtprinzip, ein Prinzip der
Erhabenheit, das Prinzip der Sonne, entgegensteht dem Prinzip der
Finsternis, dem Prinzip des Mondes. Hatte man da hellseherisch
angesehen die Sonne, die damals herausgetreten war, man wiirde
die Wesen gesehen haben, die sie bewohnen wollten. Aber noch
etwas anderes hatte man wahrgenommen. Es wiirde, was sich als
Sonne herausgezogen hatte, sich nicht nur gezeigt haben als ein Zu-
sammenhang von geistigen Wesen, es hatte sich auch nicht atherisch
gezeigt, denn das gehorte zum Groberen: es hatte sich gezeigt als
etwas Astralisches, wie eine machtige Lichtaura. Was man als Licht-
prinzip empfunden hatte, das hatte man als eine leuchtende Aura
im Weltenraum gesehen. Dadurch, daB die Erde aber dieses Licht
herausgelassen hatte, wiirde sie plotzlich verdichtet ausgesehen ha-
ben, wenn auch noch nicht fest mineralisch. Ein gutes und ein boses,
ein helles und ein finsteres Prinzip standen sich dazumal gegeniiber.
Nun wollen wir einmal sehen, wie die Erde aussah, bevor sie den
Mond heraussetzte. Ganz falsch wiirde die Vorstellung sein, wenn
man sie sich denken wiirde wie unsere heutige Erde. Der Kern der
damaligen Erde war eine feurige, brodelnde Masse. Dieser Kern wiirde
als ein Feuerkern erschienen sein, der aber umgeben war von mach-
tigen Wassergewalten, jedoch nicht wie unser heutiges Wasser, denn
darinnen waren ja auch enthalten die Metalle in fliissiger Form.
In all dem drinnen war der Mensch, aber in ganz anderer Gestalt.
So war die Erde damals, als sie den Mond heraussonderte. Vor
alien Dingen war damals auf der Erde nicht die Luft zu finden, die
war gar nicht darinnen. Die Wesen, die damals da waren, brauch-
ten gar keine Luft, sie hatten ein ganz anderes Atmungssystem. Der
Mensch war eine Art Fisch-Amphibium geworden. Aber aus ganz
weicher, fliissiger Materie bestand er. Das, was er in sich sog,
war nicht Luft, sondern dasjenige, was in dem Wasser ent-
halten war. So etw T a sah die Erde in der damaligen Zeit aus. Wir
rmissen die damalige Zeit empfinden als etwas, wo die Erde tiefer
stand als unsere heutige Erde. Das muBte so sein. Der Mensch hatte
sonst niemals das richtige Tempo und die Mittel zu seiner Ent-
wickelung finden konnen, hatten sich nicht Sonne und Mond von
der Erde abgespalten. Mit der Sonne in der Erde ware alles zu
schnell gegangen, aber viel zu langsam ware alles gegangen mit den
Kraften, die jetzt auf dem Monde wirken. Als der Mond unter
machtigen Katastrophen sich herauszog aus der Erde, da bereitete
sich nach und nach vor, was man nennen konnte die Trennung einer
Lufthiille und des Wasserelements. Die Luft war damals ganz und
gar nicht die Luft von heute, sondern alle moglichen Dampfe waren
noch darinnen enthalten. Aber dasjenige Wesen, was sich damals
allmahlich vorbereitete, war erst eine gewisse Anlage zum heuti-
gen Menschen. Wir werden das alles noch genauer zu schildern
haben.
So haben wir den Menschen in drei Verhaltnissen kennengelernt.
Erstens in dem Verhaltnis, wo er zusammenlebte mit Erde plus
Sonne plus Mond und alien hoheren Wesenheiten in dem einen
Weltenkorper. Da wiirde er sich fur den hellsehenden Blick so dar-
stellen, wie wir das beschrieben haben. Dann konnen wir ihn unter
recht ungiinstigen Verhaltnissen kennenlernen auf der Erde plus
Mond. Ware er in diesem Verhaltnis geblieben, er ware ein sehr
bosartiges, ein furchtbar wildes Wesen geworden. Als die Sonne
sich getrennt hatte, da haben wir den Gegensatz von Sonne auf der
einen Seite, und Mond plus Erde auf der anderen Seite. Die Sonne
erglanzte, als die groBe gewaltige Sonnenaura im Raum, in ihrer
strahlenden Glorie. Auf der anderen Seite blieben die Erde plus
Mond mit all den unheimlichen Kraften, welche auch die edleren
Elemente im Menschen herunterzogen. So war die Zweigliedrigkeit
entstanden. Und dann kommt die Dreigliedrigkeit. Die Sonne bleibt,
was sie ist, die Erde aber trennt sich von dem Monde, die grobsten
Substanzen treten heraus ; der Mensch aber bleibt auf der Erde zuriick.
Als ein dreifaches Prinzip empfindet der Mensch die Krafte,
wenn er auf den dritten Zeitraum blickt. Er fragt sich: Woher kom-
men diese Krafte? - Im ersten Zeitraum war der Mensch noch mit all
den hohen Kraften der Sonne verbunden. Die Krafte, die sich in
dem zweiten Zeitraum entwickelten, waren dann mit dem Monde
hinausgegangen. Wie eine Erlosung empfand das der Mensch, aber
er hatte auch die Erinnerung an den ersten Zeitraum, als er noch
mit den Sonnenwesen vereint war. Der Mensch hatte die Sehnsucht
kennengelernt, er empfand sich als der verstoBene Sohn. Und mit
den Kraften, die mit Sonne und Mond hinausgegangen waren, mit die-
sen Kraften konnte er sich fuhlen als ein Sohn von Sonne und Mond.
So entwickelt sich unser Erdenkorper von der Einheit zur Zwei-
heit, bis zur Dreiheit: Sonne, Erde, Mond. Die Zeit, wo der Mond
sich herausspaltete, wo der Mensch erst die Moglichkeit erhielt, sich
zu entwickeln, diese Zeit bezeichnet man als das lemurische Zeit-
alter. Und nachdem gewaltige Feuerkatastrophen die lemurische
Zeit abgeschlossen hatten, da trat allmahlich ein Zustand unserer
Erde ein, der herbeifuhren konnte die Verhaltnisse, die in der alten
Atlantis sich entwickeln konnten. Die ersten Anfange von Land
ragten aus den Wassermassen empor. Das war lange Zeit nach der
Herausspaltung des Mondes. Aber durch diese Herausspaltung
konnte die Erde sich erst so entwickeln. In der Atlantis war der
Mensch auch noch ganz anders als heute - das werden wir spater
noch beriihren konnen -, aber in der atlantischen Zeit war er doch
schon so weit, daB er als eine weiche, sozusagen schwimmende,
schwebende Masse sich fortbewegte und die Lufthiille belebte. Erst
ganz allmahlich entwickelte sich das Knochensystem. Um die Mitte
der Atlantis ist der Mensch erst soweit, daB er einigermaBen unserer
heutigen Gestalt ahnlich sieht. Aber der Mensch hatte in der Atlantis
ein hellseherisches BewuBtsein, und unser heutiges BewuBtsein hat
sich erst in viel spateren Zeiten entwickelt, und wollen wir den da-
maligen Menschen verstehen, so miissen wir dieses damalige Hell-
seherbewuBtsein uns vor Augen fuhren. Wir verstehen es am besten
im Verglekh mit dem heutigen BewuBtsein.
Heute nimmt der Mensch von dem Morgen bis zum Abend die
Welt sinnlich wahr. Er nimmt durch seine Sinnestatigkeit fortwah-
rend Gesichts- und Gehorseindnicke auf. Mit dem Einbruch der
Nacht jedoch sinkt diese sinnliche Welt in ein Meer von BewuBt-
losigkeit fur den Menschen unter. Allerdings fur den Okkultisten
ist das in Wirklichkeit keine BewuBtlosigkeit, sondern nur ein nie-
derer Grad von BewuBtsein. Jetzt wollen wir uns klarmachen, daB
heute der Mensch ein doppeltes BewuBtsein hat, ein helles Tages-
bewuBtsein und ein Schlaf- oder TraumbewuBtsein. So war es nun
nicht in den ersten Zeiten der Atlantis.
Betrachten wir den Wechsel zwischen Wachen und Schlaf in die-
ser ersten Zeit. Da war es auch so, daB der Mensch wahrend einer
bestimmten Zeit untertauchte in seinen physischen Leib, aber er
nahm da die Gegenstande nicht in den scharfen Konturen wahr wie
heute. Wenn wir uns etwa vorstellen, wir gingen aus in einem dich-
ten Winternebel, und wir sahen abends die Laternen wie umgeben
von einer Lichtaura, so haben wir eine ungefahre Vorstellung von
dem GegenstandsbewuBtsein des Atlantiers. Alles war fur den da-
maligen Menschen umgeben von solchem Nebel, alles war wie in
einem Nebel darinnen. Das war damals der Tagesanblick. Des
Nachts bot sich ein ganz anderer dar. Der Nachtanblick war aber
auch nicht der, wie er heute ist. Wenn der Atlantier herausstieg
aus seinem Leibe, so versank er nicht in BewuBtlosigkeit, sondern er
befand sich in einer Welt gottlich-geistiger Wesen, von Ich-Wesen,
die er um sich herum wahrnahm als seine Genossen. So wahr der
Mensch heute wahrend der Nacht diese Wesen nicht sieht, so wahr
ist er in jenen Zeiten in ein Meer von Geistigkeit untergetaucht, in
dem er in der Tat die gottlichen Wesen wahrnahm. Bei Tage war er
der Genosse der niederen Reiche, bei Nacht war er der Genosse der
hoheren Wesenheiten. So lebte der Mensch in einem GeistesbewuBt-
sein, wenn auch dammerhaft; wenn er auch kein SelbstbewuBtsein
hatte, er lebte unter diesen gottlich-geistigen Wesenheiten.
Jetzt verfolgen wir einmal die vier Zeitraume in unserer Erden-
entwickelung. Wir verfolgen zuerst den Zeitraum, in dem Sonne
und Mond noch verbunden waren mit der Erde. Diesen Zeitraum
stellen wir vor unsere Seele. Wir miissen uns sagen: reine, ideale
Wesen sind die Wesen dieser Erde eigentlich, und der Mensch ist
eigentlich nur als ein Atherkdrper vorhanden und nur geistigen Augen
erschaubar. Dann kommen wir zu dem zweiten Zeitraum. Wir sehen
die Sonne als einen Korper fur sich, sichtbar als Aura, und Mond
plus Erde als eine Welt des Bosen. Dann kommen wir zu einem
dritten Zeitraum: der Mond trennt sich auch von der Erde, und
auf die Erde wirken die Krafte, die das Ergebnis dieser Dreiheit
sind. Und dann kommen wir zu einem vierten Zeitraum. Der
Mensch ist da schon ein Wesen in der physischen Welt, die ihm
nebelhaft erscheint; im Schlafe ist er noch der Genosse gottlicher
Wesenheiten. Das ist der Zeitraum, der abschliefit mit gewaltigen
Wasserkatastrophen, die Zeit der Atlantis.
Und jetzt gehen wir einmal einen Schritt weiter, gehen wir zu
dem Menschen der nachatlantischen Zeit. Wie gesagt, er hat sich
durch viele Jahrtausende entwickelt. Wir sehen ihn zunachst in den
ersten Kulturepochen der nachatlantischen Zeit: der urindischen,
der urpersischen, der agyptisch-chaldaisch-babylonischen und der
griechisch-lateinischen Kultur und in unserer funften Kultur. Was
hatte der Mensch vor alien Dingen verloren? Eines hatte er ver-
loren, das wir uns vorstellen konnen, wenn wir die Schilderung der
Atlantis uns vor Augen halten.
Versuchen wir uns den Schlafzustand der Atlantier vorzustellen.
Da war der Mensch noch der Genosse des Geistigen, der Gotter, er
nahm eine Welt des Geistigen wahr, wirklich wahr. Das hatte der
Mensch nach der atlantischen Katastrophe verloren. Nachtliches
Dunkel breitete sich um ihn aus. Dafur trat eine Aufhellung des
TagesbewuBtseins ein und die Entwickelung des Ichs. Das alles
hatte sich der Mensch errungen, aber die alten Gotter waren fur
ihn entschwunden, sie waren nur noch Erinnerungen, und alles, was
die Seek erlebt hatte, war in der ersten nachatlantischen Zeit bloB
Erinnerung, Erinnerung an den fruheren Umgang mit diesen Gotter-
wesenheiten.
Nun wissen wir, daB die Seelen dieselben bleiben, daB sie sich
wiederverkorpern. Gerade wie in den alten Zeiten der Atlantis
unsere Seelen schon dabei waren, schon wohnten in den Korpern,
so waren auch diese Seelen bei der Trennung von Mond und Sonne
von der Erde und auch schon in der allerersten Zeit da. Der Mensch
war schon da im atherischen Staub. Und jetzt sind die fiinf Kultur-
epochen der nachatlantischen Zeit in ihren Weltanschauungen, in
dem, was ihre Religionen sind, nichts anderes als die Erinnerungen
an die alten Epochen der Erde.
Der erste, der urindische Zeitraum, der entwickelte eine Religion,
die wie ein inneres Aufleuchten erscheint, wie eine innere Wieder-
holung in Vorstellungen und Gefiihlen des allerersten Zeitraums,
wo Sonne und Mond noch mit der Erde verbunden waren, wo jene
erhabenen Wesen der Sonne noch auf der Erde wohnten. Wir kon-
nen uns denken, daB da eine erhabene Vorstellung geweckt werden
muBte. Und den Geist, der sich mit alien Engeln und Erzengeln, mit
alien Geistern, hohen Gottern und Wesenheiten verband, in dem
ersten Zustande der Erde, dem Urnebel, den faBte das indische Be-
wuBtsein zusammen unter einer hohen Individualist, unter dem
Namen Brahm, Brahma. Im Geiste wiederholte die erste Kultur-
epoche der nachatlantischen Zeit das, was geschehen war. Sie ist
nichts anderes als eine Wiederholung der ersten Erdepoche im in-
neren Anschauen.
Nun fassen wir die zweite Kulturperiode ins Auge. In dem Prin-
zip des Lichtes und der Finsternis, da haben wir das Religions-
bewuBtsein der urpersischen Kulturperiode. Da stellten die groBen
Eingeweihten zwei Wesenheiten, von denen sie die eine in der
Sonne personifiziert sahen, die andere im Monde, die stellten sie
einander gegeniiber. Ahura Mazdao, die Lichtaura, Ormuzd, ist das
Wesen, das die Perser als den hochsten Gott verehrten; Ahriman
ist der bose Geist, der Reprasentant aller der Wesen, die die Erde
plus Mond besafi. Eine Erinnerung an die zweite Erdepoche ist die
Religion der Perser.
Und in der dritten Kulturperiode war es so, daB der Mensch sich
sagen muBte: In mir sind die Krafte der Sonne und des Mondes,
ich bin ein Sohn der Sonne und ein Sohn des Mondes. Alle die
Krafte der Sonne und des Mondes stellen sich wie Vater und Mut-
ter dar. Haben wir Einheit in der Urzeit als die Anschauung der In-
der, die Zweiheit nach der Trennung der Sonne sich spiegelnd in
der Religion der Perser, so finden wir niedergelegt in der religiosen
Anschauung der Agypter, Chaldaer, Assyrer, Babylonier die Drei-
heit, wie sie in der dritten Erdepoche da war, nach der Trennung
von Sonne und Mond. Die Dreiheit tritt in alien Religionsanschau-
ungen des dritten Zeitraumes auf, und im Agyptertum wird sie ver-
treten durch Osiris, Isis und Horus.
Was aber der Mensch in der vierten Erdepoche, der atlantischen,
erlebt hatte in seinem BewuBtsein, als Genosse der Gotter, die Erin-
netting daran tritt in der griechisch-lateinischen Kulturperiode auf.
Die Gotter der Griechen sind nichts anderes als Erinnerungen an die
Gotter, deren Genosse der Mensch wahrend der Adantis war, die
Gotter, die er geistig hellseherisch erschaut hatte als atherische Ge-
stalten, wenn er nachts herausgestiegen war aus seinem physischen
Leibe. So wahr wie heute der Mensch die auBeren Gegenstande
sieht, so wahr hat er damals den Zeus, die Athene und so weiter
gesehen. Es waren fur ihn wirkliche Gestalten. Was der Atlantier
in seinem hellseherlschen Zustande erlebte und empfand, das kehrte
fur die Menschen der vierten nachatlantischen Kulturperiode wie-
der in dem Pantheon. Und wie die agyptische Zeit eine Erinnerung
der Dreiheit wahrend der lemurischen Zeit war, so war das Erleben
in der Atlantis geblieben als Erinnerung in der griechischen Hierar-
chie der Gotter. In Griechenland wie auch sonst in Europa waren
es wieder dieselben Gotter, die der Atlantier gesehen hatte, nur
unter anderen Namen. Sie sind nicht erfunden, diese Namen; es
sind Namen fur dieselben Gestalten, die neben dem Menschen um-
herwandelten, wenn er in der atlantischen Zeit herausstieg aus sei-
nem physischen Leib.
So sehen wir, wie die Epochen des kosmischen Geschehens ihren
symbolischen Ausdruck finden in den religiosen Anschauungen der
verschiedenen nachatlantischen Kulturperioden. Das was sich ab-
gespielt hat wahrend des Schlafes in der atlantischen Zeit, das
lebte in der vierten Kulturperiode wieder auf. Wir sind im funften
nachatlantischen Zeitraum. Woran konnen wir uns jetzt zuriick-
erinnern? Die erste Kulturperiode, die alten Inder, konnten sich die
erste Erdenepoche vorstellen, die Perser die zweite, das Prinzip des
Guten und Bosen. Die alten Agypter stellten sich die dritte Epoche
vor in ihrer Dreiheit. Die griechische, die altgermanische, die ro-
mische Kulturperiode hatte ihren Olymp. Sie erinnerte sich an die
Gottergestalten der Atlantis. Dann kam die neuere Zeit, der funfte
Zeitraum. Woran kann er sich erinnern ?
An nichts ! - Das ist der Grund, warum in diesem Zeitraum in so
vieler Beziehung die gotterlose Zeit Platz greifen konnte, und war-
um dieser funfte Zeitraum darauf angewiesen ist, nicht in die Ver-
gangenheit, sondern in die Zukunft zu schauen. Der fiinfte Zeit-
raum muB in die Zukunft blicken, wo alle die Gotter wieder auf-
erstehen miissen. Diese Wiedervereinigung mit den Gottern wurde
vorbereitet in der Zeit, wo die Christus-Kraft hereinbrach, die allein
so stark wirkte, daB sie dem Menschen wieder ein gottliches BewuBt-
sein geben konnte. Nicht Erinnerungen konnen die Gotterbilder des
funften Zeitraumes sein; vorausschauen miissen die Menschen des
funften Zeitraumes, dann wird erst wieder das Leben spirituell. Das
BewuBtsein muB im funften Zeitraum der nachatlantischen Epoche
apokalyptisch werden.
Erinnern wir uns, daB wir gestern die Zusammenhange der einzel-
nen Kulturen der nachatlantischen Zeit gesehen haben. Heute haben
wir gesehen, wie das kosmische Geschehen sich widerspiegelt in
den religiosen Anschauungen der Kulturen.
Unser funfter Zeitraum steht mitteninne in der Welt, deshalb
muB er vorausschauen. Erst muB der Christus ganz begriffen wer-
den in unserer Zeit, denn unsere Seelen sind tief hineinverwoben in
geheimnisvolle Zusammenhange. Wir werden sehen, wie die Wie-
derholung der agyptischen Zeit in unserer funften Kulturperiode
uns einen Ankniipfungspunkt geben wird, wie wir wirklich in die
Zukunft hinuberkommen konnen.
DRITTER VORTRAG
Leipzig, 4, September 1908
Wir haben gestern iiber den geheimnisvollen Zusammenhang ge-
sprochen, in dem die friiheren Entwickelungszustande unserer Erde
mit den verschiedenen Weltanschauungen der aufeinanderfolgenden
Kulturperioden der nachatlantischen Zeit stehen. Und es hat sich
die merkwurdige Tatsache uns erschlossen, daB da, als die atlantische
Katastrophe das Antlitz der Erde verandert hatte, in Indien die vor-
vedische, uralt heilige indische Kultur mit ihrer gewaltigen philoso-
phischen Auffassung der ersten Kulturperiode etwas zeigte wie ein
Spiegelbild der Tatsachen, die sich im Beginne der Erdenentwickelung
abgespielt haben in einer urfernen Vergangenheit, als Sonne, Mond
und Erde noch vereinigt waren. Das, was damals im Geiste gesehen
worden ist, und wozu sich erhoben diejenigen, denen es gegeben war,
das war nichts anderes, als eine im Geiste erfaBte, spirituelle Gestalt,
die wirklich war, als unsere Erde im Beginne ihrer Entwickelung
stand. Und wir haben gesehen, daB der zweite Zustand der Erde, als die
Sonne sich losgelost hatte, aber Erde und Mond noch einen Korper
bildeten, daB dieses eigentumliche Gegeniiberstehen von zwei Welten
in der zweiten Kulturperiode, der urpersischen, als philosophisch-
religioses System zum Vorschein kam in den Gegensatzen des Licht-
prinzips in der Sonnenaura und des Prinzips der Finsternis, als der
Gegensatz des Ormuzd und Ahriman. Die dritte der groBen Kultur-
perioden, die agyptisch-babylonisch-assyrische, ist eine geistige Spie-
gelung dessen, was sich abgespielt hat, als Erde, Sonne und Mond
drei Korper geworden waren. Und wir konnten auch schon skizzen-
haft darauf hinweisen, daB in der Dreiheit Osiris, Isis, Horus sich
spiegelt diese astrale Dreiheit der dritten Erdepoche, diese Sternen-
dreiheit: Sonne, Erde und Mond. Wir haben auch schon darauf hinge-
wiesen, daB diese Trennung in dem lemurischen Zeitalter erfolgte,
und daB auf dieses das atlantische Zeitalter folgte, der vierte Entwik-
kelungszustand unserer Erde, wo ganz andere BewuBtseinsverhalt-
nisse herrschten als heute. Damals lebte der Mensch durch die andere
BewuBtseinsform mit den Gottern zusammen, die er kannte, mit den
Gottern, die man spater Wotan, Baldur, Thor, Zeus, Apollo und so
weiter benannte. Das sind Wesen, die der atlantische Mensch mit
seinem Hellsehen hat wahrnehmen konnen. Wir haben die Wieder-
holung dieses Schauens von gottlich-geistigen Wesenheiten in der
atlantischen Epoche in der Erinnerung der Volker der griechisch-
lateinischen Zeit, auch bei den Volkern im Norden Europas. Es war
die Erinnerung an die Erlebnisse fruherer BewuBtseinszustande. Sei
es Wotan oder Zeus, sei es Mars, Hera, Athene, alle waren eine
Erinnerung an die alten Geistgestalten, die den Inhalt jener alten
Gotterwelt ausmachten.
So nimmt sich die vierte Kulturperiode aus, daB in ihren Religio-
nen Spiegelbilder erscheinen dessen, was sich in der Erdenentwik-
kelung abgespielt hat wahrend der atlantischen Zeit. Nun miissen wir
uns heute allmahlich ein wenig mehr in die Seelen der alten indischen,
persischen, agyptischen Kulturmenschheit vertiefen. Wenn wir uns so
recht ein Bild machen wollen von diesen Erlebnissen, von dem, was
religios in den alten Kulturperioden lebte, so miissen wir bedenken,
daB sowohl die wichtigsten Volksbestandteile dieser alten Volker wie
auch die erleuchteten Personen, die Seher und Propheten, alle Nach-
folger waren derjenigen Menschen, die auch schon in der atlantischen
Zeit gelebt haben, und daB keineswegs unmittelbar nach der groBen
Katastrophe gleich alles zugrunde gegangen war, was alte atlantische
Kultur war, sondern, daB nach und nach dasjenige, was damals lebte,
in die neue Zeit hinubergepflanzt worden ist. Und wir werden die
Seelen der alten nachatlantischen Nachkommen am besten verstehen,
wenn wir uns in das Seelenleben der letzten Atlantier versenken.
In der letzten atlantischen Zeit waren die Menschen sehr verschieden
voneinander. Die einen hatten sich noch einen hohen Grad von hell-
seherischen Fahigkeiten bewahrt. Dieses Hellsehervermogen war nicht
plotzlich ganz verschwunden, es war noch bei vielen der Menschen
vorhanden, die teilnahmen an dem groBen Zuge vom Westen nach
dem Osten, wahrend es aber anderen schon abhanden gekommen war.
Es gab vorgeschrittene und zuriickgebliebene Menschen, und es ist
zu begreifen, daB nach der ganzen Art der damaligen Entwickelung
gerade die wenigst vorgeschrittenen diejenigen waren, die am besten
hellsehen konnten, denn sie waren gewissermaBen stehengeblieben
und hatten bewahrt den alten Charakter der Atlantier. Die Fortge-
schrittensten waren die, die sich zuerst angeeignet haben das physische
Wahrnehmen der Welt, die schon mehr unsere Art der Tagesan-
schauung angenommen hatten. Das waren die Fortgeschrittensten, die
aufhorten, in der Nacht hellseherisch zu sehen die geistige Welt, die
immer scharfere Konturen der Gegenstande sahen wahrend des Tag-
wachens. Und gerade jenes kleine Hauflein, von dem schon gesprochen
worden ist, das gefuhrt wurde von einem der groBen, von dem groBten
Eingeweihten, den man gewohnlich als Manu bezeichnet, und seinen
Schiilern, dieses Volkchen, das bis tief nach Asien hineingefiihrt wurde
und das von da aus die anderen Kulturlander befruchtete, gerade
dieses Volkchen, das am fruhesten fur die gewohnlichen Verhaltnisse
des Lebens die Gabe des alten Hellsehens verlor, das setzte sich zu-
sammen aus den fortgeschrittensten Menschen der damaligen Zeit.
Immer deutlicher trat fur sie das TagesbewuBtsein in Erscheinung,
das was wir sehen als physische Gegenstande mit ihren scharfen Gren-
zen. Und ihre groBen Fiihrer hatten dieses Volk am weitesten nach
Asien gefuhrt, damit es in Abgeschlossenheit leben konnte; sonst
ware es zu sehr in Benihrung gekommen mit anderen Volkern, die
sich das alte Hellsehen noch bewahrt hatten. Nur, indem es eine
Zeitlang getrennt blieb von den anderen Volkern, konnte es zu einer
neuen Art Menschsein heranwachsen. Eine Kolonie wurde in Inner-
asien begriindet, von wo aus die groBen Kulturstrome zu den ver-
schiedensten Volkern gehen sollten.
Zunachst war das nordliche Indien dasjenige Land, das von diesem
Zentrum seine neue Kulturstromung erhalten hatte. Nun ist hier schon
angedeutet worden, daB diese kleinen Volkermassen, die ausgesandt
wurden als Kulturpioniere, nirgends unbewohntes Land gefunden
haben, denn friiher schon, bevor jener groBe Zug sich von Westen
nach Osten bewegte, waren schon immer grofie Wanderungen ge-
schehen, und immer, wenn neue Landstrecken aus dem Meeresgrunde
sich erhoben, waren sie von den wandernden Scharen bevolkert
worden. So daB das Volk, das ausgesandt wurde von jener Kolonie
Asiens, sich vermischen muBte mit anderen Volkermassen, die aber
alle zuriickgebliebener waren als diejenigen, die vom Manu gefuhrt
worden waren. Bei den anderen Volkern traf man noch viele, die
das alte Hellsehen bewahrt hatten.
Nicht so wie heute kolonisiert wird, pflegten die Eingeweihten
Kolonien zu begriinden; sie machten es anders. Sie wuBten, dafi man
von den Seelen derjenigen ausgehen muBte, welche man antraf in den
Landern, die kolonisiert werden sollten. Es war nicht so, dafi die
Sendlinge aufoktroyierten, was sie zu sagen hatten. Es wurde ge-
rechnet mit dem, was man antraf. Es wurde ein Ausgleich geschaffen,
und es wurden die Bediirfnisse derjenigen beriicksichtigt, die die
alten Insassen waren. Man mufite mit der religiosen Anschauung
rechnen, die sich auf die Erinnerung an friihere Zeiten griindete, und
mit den alten hellseherischen Anlagen. Daher war es natiirlich, dafi
nur bei einem kleinen Hauflein der Fortgeschrittensten die reinen Vor-
stellungen sich ausbilden konnten. Bei der grofien Masse bildeten
sich KompromiBvorstellungen aus der alten atlantischen und der nach-
atlantischen Anschauung. Deshalb finden wir iiberall in diesen Volker-
massen, sowohl in Indien wie in Persien, wie auch in Agypten, iiberall,
wo die verschiedenen nachatlantischen Kulturen entstanden, da finden
wir auf dem Grunde iiberall fiir die damalige Zeit weniger fortge-
schrittene, unkultiviertere religiose Vorstellungen, die aber nichts
anderes waren als eine Art Fortpflanzung der alten atlantischen Vor-
stellungen.
Um nun zu verstehen, was das eigentlich fiir Vorstellungen waren
in diesen Volksreligionen, miissen wir uns einmal ein Bild davon
machen. Da miissen wir uns in die Seelen der letzten atlantischen
Bevolkerung versetzen. Wir miissen uns erinnern, daB in der atlan-
tischen Zeit der Mensch in der Nacht nicht bewuBtlos war, sondern
dafi er dann ebenso wahmahm, wie er bei Tage wahrnahm, wenn
man iiberhaupt in dieser Zeit von Tag und Nacht sprechen darf. Bei
Tage nahm er die erste Spur dessen wahr, was wir heute so klar
sehen als die Welt der Sinneswahrnehmungen. Bei Nacht war er ein
Genosse der gottlich-geistigen Wesenheiten. Er brauchte keinen Be-
weis dafiir, dafi es Gotter gab, ebensowenig wie wir heute einen
Beweis dafur brauchen, daB es Mineralien gibt. Die Gotter waren
seine Genossen, er selbst war in der Nacht eine geistige Wesenheit.
In seinem Astralleibe und Ich wandelte er in der geistigen Welt um-
ber. Er war selbst ein Geist und traf Wesen, die mit ihm gleich-
artiger Natur waren. Naturlich waren die hoheren geistigen Wesen
nicht die einzigen, die er dann antraf. Er traf audi niedrigere Gei-
ster, als die waren, die spater als Zeus, Wotan und so weiter be-
schrieben wurden. Diese waren naturlich nicht die einzigen, es waren
nur die auserwahltesten Gestalten. Es war damit so, wie wenn man
heute Konige und Kaiser sieht. Viele sehen sie nicht und glauben
doch, daB es Konige oder Kaiser gibt. In diesem Zustande, der all-
gemein menschlich war, nahm man, auch wenn man wahrend des Tages
bewuBt war, die umliegenden Gegenstande anders wahr als heute, auch
das TagesbewuBtsein war anders, und wir miissen versuchen zu ver-
stehen, wie dieses letztere BewuBtsein der Atlantier war.
Es ist beschrieben worden, wie dem Menschen sich die gottlichen
Wesenheiten entzogen, wenn er morgens hinuntertauchte in seinen
physischen Leib. Er sah die Gegenstande wie mit einem Nebel um-
hullt. So waren die Bilder des damaligen Tagwachens. Diese Bilder
hatten aber noch eine andere eigentumliche Eigenschaft, die wir ganz
genau erfassen miissen. Denken wir uns, eine solche Seele naherte
sich einem Teiche. Das Wasser in diesem Teiche sah diese Seele nicht
so scharf begrenzt wie heute ; aber wenn diese Seele ihre Aufmerksam-
keit darauf richtete, dann erlebte sie noch etwas ganz anderes, als
wenn heute sich jemand einem Teiche nahert. Beim Annahern an den
Teich, schon durch die blofie Anschauung, stieg in ihr ein Gefuhl
auf, wie wenn sie einen Geschmack bekame von dem, was da physisch
vor ihr lag, ohne daB sie das Wasser des Teiches zu trinken brauchte.
Durch das bloBe Anschauen wiirde sie gefiihlt haben : das Wasser ist
siiB oder salzig. Uberhaupt war es nicht so, wie wenn wir heute Was-
ser sehen. Wir sehen heute nur die Oberflache, aber ins Innere kom-
men wir nicht hinein. Derjenige, der friiher, als es noch dammerhaf-
tes Hellsehen gab, sich dem Teiche naherte, der hatte nicht das Gefuhl
der Fremdheit diesem gegeniiber, er fuhlte sich darinnen in den
Eigenschaften des Wassers; er stand dem Gegenstande gar nicht so
gegeniiber wie heute, es war so, als wenn er in das Wasser hatte
eindringen konnen. Nehmen wir an, wir waren einem Salzklotz ent-
gegengetreten, wir hatten, indem wir uns annaherten, den Geschmack
gemerkt. Heute miissen wir das Sate erst kosten, damals ware das
durch die Anschauung gegeben worden. Der Mensch war wie dar-
innen in dem ganzen, und er nahm die Dinge wie beseelt wahr. Er
nahm sozusagen die Wesenheiten wahr, die zum Beispiel dem Dinge
den salzigen Geschmack verliehen. So beseelte sich ihm alles. Luft,
Erde, Wasser, Feuer, alles, alles verriet ihm etwas. Der Mensch konnte
sich in das Innere der Gegenstande hineinfiihlen, er lebte im Inneren
ihrer Wesenheit. Das was heute dem BewuBtsein als seelenlose Gegen-
stande erscheint, gab es damals nicht. Daher empfand der Mensch
auch alles mit Sympathie und Antipathie, weil er das Innere sah. Er
fuhlte, er erlebte das innere Wesen der Gegenstande.
Uberall waren noch die Erinnerungen an diese Erlebnisse geblie-
ben. So dafi die Teile der indischen Bevolkerung, die angetroffen
wurden von den Kolonisten, von einem solchen Zusammenhang mit
den Dingen beseelt waren. Sie wuBten : in den Dingen lebten Seelen.
Sie hatten sich die Fahigkeit bewahrt, die Eigenschaften der Dinge
zu sehen. Nun stellen wir uns dieses ganze Verhaltnis des Menschen
zu den Dingen vor. Der Mensch nimmt damals wahr, wie das Wasser
schmeckt, indem er sich dem Teiche nahert. Da sieht er eine geistige
Wesenheit, die dem Wasser den Geschmack gibt. Diese geistige We-
senheit kann er wahrend der Nacht treffen, wenn er sich neben das
Wasser legt und einschlaft. Bei Tage sieht er das Materielle, bei Nacht
sieht er das, was alles durchlebt. Bei Tage sieht er die Gegenstande,
Steine, Pflanzen, Tiere, er hort den Wind wehen, das Wasser rauschen;
bei Nacht sieht er in seinem Inneren das, was er bei Tage empfindet,
in seiner wirklichen Gestalt, da sieht er die Geister, die in allem leben.
Wenn er sagte : In den Mineralien, in den Pflanzen, im Wasser, in den
Wolken, im Winde, da leben Geister, uberall leben Geister - so waren
das fur ihn ganz und gar keine Dichtungen, das war ihm keine Phan-
tasie, das war etwas, was er wahrnehmen konnte.
So tief miissen wir jetzt in die Seelen hinuntersteigen, um sie zu
verstehen. Und dann begreift man, daB es ein furchtbarer Unsinn
ist, wenn die heutigen Gelehrten von Animismus reden, der die
Volksphantasie veranlafit, alles zu beseelen und zu personifizieren.
Eine solche Volksphantasie gibt es nicht. Der redet nicht davon, der
das Volk wirklich kennt. Man kann wiederholt das sonderbare Bei-
spiel finden: Gerade wie ein Kind, wenn es sich an einem Tisch
stofit, diesen Tisch nun schlagt, weil es den Tisch beseele - so reden
die Gelehrten -, ebenso hatte der Urmensch, der kindliche Mensch,
die Gegenstande in der Natur, die Baume und so weiter beseelt, in
alles etwas hineingedichtet. - Bis zur Ermiidung wurde dieses Gleich-
nis wiederholt. Es ist gewiG, da8 dabei Phantasie ist, aber die Phan-
tasie haben die Gelehrten gehabt, nicht das Volk. Sie sind es, die
getraumt haben. Diejenigen, die ursprunglich alles beseelt wahrge-
nommen haben, die haben nicht getraumt, die haben nur das wieder-
gegeben, was sie selber wahrgenommen haben.
Als ein Rest tauchte diese Wahrnehmung als Erinnerung bei den
alten Volkern auf. Auch das Kind sieht den Tisch nicht als beseelt
an; es fuhlt noch nicht in sich die Seele, es sieht sich selbst wie
einen Holzklotz an. Weil es sich selbst eben seelenlos fuhlt, deshalb
stellt es sich auf gleiche Stufe mit dem seelenlosen Tisch, indem es
ihn haut. Gerade das Gegenteil von dem, was in den Biichern der
Gelehrten dariiber steht, ist Tatsache. Ob wir nach Indien gehen,
nach Persien, nach Agypten, nach Griechenland, oder sonstwohin,
uberall finden wir da auf dem Grunde dieselben Vorstellungen, die
oben charakterisiert worden sind. Und in diese Vorstellungen wurde
hineinergossen das, was als Kultur von den alten Eingeweihten
gegeben wurde.
Im alten Indien lenkten die Kultur die Rishis. Nun miissen wir
aber auch ein wenig verstehen, was eigentlich die Veranlassung ge-
geben hat zu der Gestalt, die sich als eine der wichtigsten Gestalten
der indischen Anschauung herausgebildet hat. Wir wissen, dafi es
zu alien Zeiten sogenannte Mysterienschulen gegeben hat, wo die-
jenigen, welche ihre geistigen Fahigkeiten entwickeln konnten, lern-
ten, tiefer hineinzuschauen in das Weltall, wo sie die schlummern-
den Fahigkeiten erweckten, um den geistigen Zusammenhang der
Dinge zu sehen. Von diesen Mysterienstatten gingen uberall die
geistigen Impulse der Kulturen aus. Und damit wir die Eingeweih-
ten recht von Grund aus verstehen, wenn wir diese Eingeweihten
betrachten, so betrachten wir sie gewohnlich in der nachatlantischen
Zeit, weil ihr Wesen da am leichtesten verstandlich ist, jedoch wiir-
den wir in der atlantischen Zeit auch schon auf ahnliches wie Ein-
geweihtenschulen stoBen. Damit wir sie nun so recht von Grund
aus verstehen, wollen wir uns einmal versetzen in die Methode einer
solchen alten atlantischen Einweihungsschule.
Damals waren also jene eben beschriebenen BewuBtseinszustande
vorhanden. Wenn wir in jene Zeiten 2umckgehen, dann finden wir
den Menschen noch nicht in seiner heutigen Gestalt. Damals war
er noch ganz anders gestaltet. Wir gehen da allerdings in die erste
Halfte der atlantischen Zeit zuriick. Der Mensch bestand da auch
schon aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und dem Ich, aber
der physische Leib sah noch ganz anders aus. Der physische Leib
war so, daB wir ihn etwa vergleichen konnten mit den Korpern man-
cher Meerestiere, durchsichtig, die wir kaum sehen wiirden, die wir
gerade greifen konnten, zwar schon durchzogen von gewissen Rich-
tungslinien, die in ihnen aufglanzten. Es war der physische Leib des
Menschen viel weicher als heute, es gab noch keine Knochen. Wenn es
auch schon knorpelartige Ansatze gab, so war doch dieser physische
Leib in der altesten Zeit durchaus nicht von der heutigen Gestalt.
Dagegen war der Atherleib des Menschen das viel wichtigere Glied.
Der physische Leib der Menschen war damals mehr oder weniger
klein, der Atherleib dagegen war damals auBerordentlich groB. Dieser
Atherleib unterschied sich fur die einzelnen so, daB man etwa vier
verschiedene Typen hatte wahfnehmen konnen. Diese vier typischen
Gestalten waren so vorhanden, daB ein Teil der Menschen den einen
Typus zeigte, ein anderer den anderen. Nun haben sich in vier
Namen die Typen erhalten. Es sind die Namen der apokalyptischen
Tiere: Ochs oder Stier, Lowe, Adler, Mensch. Nun ist es nicht
ganz richtig, wenn wir uns vorstellen wollten, daB diese Gestalten
den heutigen Tieren vollkommen ahnlich gewesen waren, aber sie
erinnerten dennoch durch ihren Eindruck an die Art des Eindrucks,
den heute die entsprechenden Tiere machen. Man konnte die Ein-
drucke, die die Atherleiber machten, verstehen durch das Bild des
Lowen, Stieres, Adlers oder Menschen. Einen Teil, der die Eigen-
schaften eines starken Fortpfknzungsvermogens als Eindruck machte,
oder wegen eines auBerordentlichen Appetits, den verglich man zum
Beispiel mit dem Stier ; eine andere Art von Menschen war eine solche,
die schon mehr im Geistigen lebte, das waren die Adlermenschen,
die sich wenig wohl fuhlten in der physischen Welt. Und dann gab
es noch Menschen, die sozusagen schon in ihrem Atherleibe ahnlich
waren dem heutigen physischen Leibe ; zwar war er nicht ganz gleich,
aber er war doch schon wie die Menschengestalt. Wir rmissen uns
natiirlich vorstellen, daft im einzelnen nicht nur der eine Typus allein
vertreten war, sondern daft in jedem alle vier veranlagt waren, aber
daB einer dieser vier dominierte.
So war also die BeschafTenheit der Atherleiber der atlantischen
Bevolkerung. Dann war besonders machtig, aber unentwickelt, der
Astralleib, und das Ich war noch ganz auBerhalb des Menschen.
Also ganz anders sahen damals die Menschen aus als heute. Natiir-
lich nahmen friihreife Menschen die spatere Gestalt schon friiher
an, aber im wesentlichen kann man die Menschen der damaligen
Zeit so charakterisieren, wie wir das eben getan haben. Das war
also der normale Durchschnittszustand der damaligen Menschheit.
Ganz anders war es bei den Vorgeriickteren, bei den Schulern der
Mysterienstatten, bei denen, die die Einweihung der alten Atlantis
erstrebten. Betreten wir nun im Geiste eine solche alte atlantische
Einweihungsstatte, und versuchen wir einmal dasjenige, was der
Lehrer zu geben hatte, uns vor Augen zu stellen. Was war dieser
Lehrer denn selbst?
Wenn heute der Mensch einem Eingeweihten begegnete, so wiirde
er ihn am AuBeren iiberhaupt gar nicht zu erkennen vermogen. Die
wenigsten Menschen wurden heute einen solchen Eingeweihten au-
Berlich erkennen, denn heute, nachdem der physische Korper des
Menschen so weit fortgebildet ist, der Eingeweihte aber doch im
Korper leben muB, unterscheidet sich dieser nur in intimen Fein-
heiten von den anderen Menschen. Damals aber war der Eingeweihte
sehr, sehr verschieden von den anderen Menschen. Die anderen
hatten noch mehr tierische Gestalten, der physische Leib war klein
im Verhaltnis zu den riesenhaften Atherleibern, er bildete mehr eine
plumpe tierische Substanz und Masse. Nun unterschied sich der Ein-
geweihte dadurch, daB er in seinem physischen Leibe ahnlicher war
der heutigen Menschenbildung, daB er ein ahnliches Menschenantlitz
trug wie der heutige Mensch, daB er ein Vorderhirn besafi wie der
heutige Durchschnittsmensch. Damals hatten die Eingeweihten schon
ein sehr ausgebildetes Gehirn fur die damalige Zeit, wahrend bei
den anderen das Gehirn noch unausgebildet war. Nun waren solche
Eingeweihte da und hatten ihre Schulen, und in diese Einweihungs-
schulen nahmen sie, durch bestimmte Methoden, aus der normalen
Menschheit Schiiler auf, je nachdem sich diese Zoglinge als reif und
geniigend entwickelt erwiesen.
Etwas miissen wir beriicksichtigen, wenn wir das Folgende ganz
verstehen wollen. Wir miissen uns klarmachen, daB mit der sich fort-
entwickelnden Zeit die Herrschaft der geistigen Glieder des Menschen
iiber den physischen Leib beim heutigen Menschen bis auf weniges
vollstandig abgenommen hat. Wenn auch heute der Mensch seine
Beine und Arme bewegen kann und auf dem Fahrrad strampeln kann,
wenn er auch seine Physiognomie beherrschen kann, kurz, in einem
gewissen Grade eine Herrschaft iiber den Korper hat, so ist das alles
nur ein armseliger, letzter Rest des alten Herrschaftsverhaltnisses
iiber den physischen Leib, wie es in der atlantischen Zeit war. Da-
mals hatte der Gedanke, das Gefiihl einen viel grofieren EinfluB auf
den physischen Leib. Das was der Mensch denkt, ubte damals einen
viel wesentlicheren EinfluB auf den physischen Leib aus. Wenn heute
jemandem ein Gedanke gegeben wird fur Wochen, Monate oder gar
Jahre, wird er nur in ganz besonderen Ausnahmefallen weiter wirken
als auf den Atherleib. Sehr selten wird zum Beispiel durch eine Me-
ditation der physische Leib beeinfluBt werden. Gelange es jemandem,
dadurch zum Beispiel ein etwas zuriickliegendes Gehirn etwas mehr
vorzuriicken, das heiBt, wenn die Stirnknochen etwas weiter nach
vorne ruckten, also eine Wirkung bis in die Knochen da ware, so
ware das schon ein ungeheurer Erfolg fur heute. Das ist heute sehr,
sehr selten der Fall. Es muB heute eine ungeheure Energie entwickelt
werden, wenn der Gedanke auf den physischen Leib wirken soli.
Leichter ist es schon, auf die Blutzirkulation oder auf die Atmungs-
verhaltnisse einzuwirken, aber das ist auch noch schwer. Auf den
Atherleib kann heute der Gedanke schon wirken, und in der nachsten
Inkarnation, da wird der Gedanke so machtig gewirkt haben, daB
dann die auBeren Korperverhaltnisse sich geandert haben werden.
Man soli heute eben so arbeiten, daB man weiB, man arbeitet nicht
fur eine Inkarnation, sondern dariiber hinaus fur zukiinftige Inkarna-
tionen. Die Seele ist ein Ewiges, sie kehrt immer wieder.
Ganz anders war das aber in den alten Einweihungsschulen. Da
war es die Herrschaft des Gedankens, der EinfluB hatte auf den
physischen Leib in einer verhaltnismaBig kurzen Zeit. Der Myste-
rienschiiler konnte seine Organisation selber ins Menschenahnliche
hinaufarbeiten. Man konnte also damals einen Schiiler annehmen aus
der normalen Menschheit, man muBte ihm nur den rechten Impuls
geben. Der Schiiler brauchte nicht einmal selber zu denken, es wurden
ihm durch eine Art Suggestion Gedanken in seine Seele einverleibt.
Es muBte vor seiner Seele eine ganz bestimmte geistige Gestalt stehen,
in die sich der Schiiler immer hat vertiefen miissen. Uberall gab der
atlantische Eingeweihte dem Schiiler eine Gedankenform, in die dieser
sich wieder und wieder versenken muBte. Was war das fur ein Bild?
Was hatte der Schiiler zu denken? Was meditierte er?
Es ist schon auf den Urzustand der Erde hingewiesen worden, es
ist die ganze Entwickelung schon skizziert worden, es ist auch ge-
sprochen worden von der Lichtgestalt im Urstaub. Hatte man damals
hellseherisch das Atom angesehen, so ware herausgewachsen das Ur-
bild des heutigen Menschen. Das wuchs aus diesem Staubkorn, diesem
Uratom heraus. Nicht die Gestalt des Menschen der alten Zeiten,
nicht des atlantischen Menschen, sondern die Gestalt des heutigen
Menschen wuchs heraus aus diesem Uratom. Und was tat der atlan-
tische Eingeweihte? Eben dieses Urbild, dieses menschliche Urbild,
das sich aus dem Ursamen heraus erhebt, das stellte er vor die Seele
seiner Schiiler. So muBte der Schiiler meditieren iiber dieses Urbild.
Die Menschengestalt als Gedankenform stellte der Eingeweihte der
Atlantis vor den sehenden Blick des Schiilers hin, mit all den Impulsen
und Empfindungen, die darin waren. Und ob nun der Schuler den
Lowentypus oder einen anderen besafi, er mufite sich das Gedanken-
bild vorhalten, was der Mensch werden sollte in der nachatlantischen
Zeit. Dieses Gedankenbild bekam er immer als Ideal. Er mufite diesen
Gedanken wollen: Mein physischer Leib soil werden wie dieses Bild. -
Und durch die Krafte dieses Bildes, das der Schuler lernen mufite,
wurde so auf den Korper gewirkt, dafi er sich dann von den anderen
Menschen unterschied. Durch die Krafte dieses Bildes wurden be-
stimmte Teile umgebildet, und allmahlich wurden die vorgeriicktesten
Schuler immer ahnlicher den heutigen Menschen.
Da blicken wir auf merkwiirdige Geheimnisse zuriick, da blicken
wir in die Mysterien der atlantischen Zeit. Und auch ein anderes
wird uns auffallen. Wie auch die Menschen gestaltet waren, eins
schwebte vor ihrer Seele als Bild, das als Geistbild schon vorhanden
war, als die Sonne mit der Erde noch vereint war. Und dieses Bild
trat immer mehr heraus als der Sinn der Erde, als das, was der Erde
geistig zugrunde Hegt. Und dieses Bild erschien ihnen nicht in der
oder jener Gestalt, als das Bild der oder jener Rasse, es erschien
ihnen als das ailgemeine Ideal der Menschheit.
Das ist das Gefiihl, das der Schuler sich an diesem Bilde hat ent-
wickeln sollen: Die hochsten geistigen Wesen haben dieses Bild ge-
wollt, dieses Bild, durch das Einheit kommt in die Menschheit. Die-
ses Bild ist der Sinn der Erdenentwickelung, dieses Bild zu verwirk-
lichen, hat die Sonne sich getrennt von der Erde, ist der Mond her-
ausgetreten. Dadurch konnte der Mensch Mensch werden. Das ist
das eine, was zuletzt erscheinen soli als das hohe Ideal der Erde.
Und in dieses hohe Ideal stromten ein die Gefiihle, welche den Schuler
in seiner Meditation belebten.
So war es ungefahr um die Mitte der atlantischen Zeit, und wir
werden zu verfolgen haben, wie dieses Bild der Meditation, das da
vor dem Schuler als Menschengestalt stand, sich umwandelte in etwas
anderes, und wie dieses heriibergerettet wurde nach der atlantischen
Katastrophe. Das ist es, was auf lebte in dem indischen Eingeweihten-
unterricht, das, was man zusammenfassen kann in dem uralt heiligen
Namen: Brahma. Das was die Weltengottheit gewollt hat als Sinn der
Erde, das war das HeiHgste des alten indischen Eingeweihten, dann
sprach er von Brahma. Daraus entsprang spater die Zarathustra-
Lehre und die agyptische Weisheit, wovon dann spater gesprochen
werden soli. Wie es sich umbildet aus Brahma zur agyptischen Weis-
heit, das wollen wir morgen weiter sehen.
VIERTER VORTRAG
Leipzig, 5. September 1908
Gestern beschlossen wir unsere Betrachtung mit der Besprechung
eines auBerordentlich wichtigen Ereignisses im inneren Leben, im
eigentlichen Geistesleben des Menschen. Wir versuchten vor unsere
Seele zu riicken einen Eindruck, den der atlantische Einzuweihende
hatte im Beginn des letzten Drittels der atlantischen Kulturepoche.
Uns trat da vor die Seele, wie dem Einzuweihenden eine ideale
Menschengestalt vor der Seele stand, die ein Gedankenbild war, auf
das er sich zu konzentrieren hatte in der Meditation, und wie dies
das Vorstellungs-, Gefiihls- und Willensleben des adantischen Ein-
zuweihenden erfullte. Dieses Gedankenbild sollte immer mehr und
mehr das Modell fur den zukunftigen Menschen werden.
Nun miissen wir uns noch einmal vor Augen fuhren, wie dieses
Gedankenbild eigentlich ungefahr aussah. Es war nicht ganz dem
Menschen von heute ahnlich; so war es nicht. Wenn wir uns eine
Art Kombination denken wiirden aus Mann und Frau, wobei alles
das, was niedrig ist, wegbleibt, wenn wir uns eine Art Doppelgestalt
denken, von der nur erfaBbar deutlich der obere Teil des Leibes
ist, so haben wir das eigentliche sinnlich-ubersinnliche Bild, das
vor dem Meditierenden damals stand. Dieses Bild wirkte so stark,
daB diejenigen, welche Einzuweihende waren, wirklich ihren auBeren
Leib immer ahnlicher machten diesem Bilde.
Nun ist ein Umstand sehr wichtig, das ist der, daB ja gerade der
meditierende Einzuweihende eine Art Menschengestalt vor sich hatte,
welche ihm gegeniiberstand in seinem Inneren. Wenn der Einzuwei-
hende vorbereitet worden war, daB er dieses Bild lebendig vor sich
hatte, so muBte er sich folgendes klarmachen, wenn er dieses Bild
vor sich aufleuchten sah: Indem ich dieses Bild anblicke, versetze
ich mich in den Urzustand der Erdenentwickelung, als Erde, Mond
und Sonne noch nicht getrennt waren. - Damals bestand die Erde
aus ihrem Uratom, aber in diesem Atom war fur den Hellseher das
Bild zu sehen, das jetzt vor mir auftaucht. Das Bild war schon in
der Urzeit der Erde vorhanden, als es noch keine Tier-, Pflanzen-
und Mineralformen gab. Damals bestand die Erde nur aus dem
Menschenatom, aus den wiedererweckten Menschen. Allerdings haben
sich ja schon die ersten Anlagen der Tiere wahrend des Monden-
zustandes der Erde gebildet; die Tiere waren schon da. Aber wir
wissen auch, wenn ein planetarisches System verschwindet, da8 dieses
hineingeht in ein Pralaya, in das dann alle Formen aufgelost werden.
Wenn auch der alte Mond von Tierformen bereits bevolkert war,
so hatte die Erde zuerst aber damit noch nicht gleich Tiere und
Pflanzen, die kamen erst spater. Erst nach der Abtrennung der Sonne
tauchten die Tiere allmahlich auf. Die Erde war bloB Mensch in
ihrer Urzeit.
Auf diesen Urzustand der Erde blickte also der Einzuweihende.
Er sah im Uratom das Idealbild des Menschen. Diese Menschengestalt
hatte der Einzuweihende vor sich, und nun wurde ihm klar : Also ver-
setze ich mich in den Urzustand der Erde. Das was in der Erde
lebt, das Idealbild, die Idealform des Menschen, das sagt mir fol-
gendes: Die Gottheit wirkt von Ewigkeit Zu Ewigkeit; sie hat sich
ausgegossen in diese Formen und hat diese menschliche Urform aus
sich herausgehaucht. - Jetzt sagte er sich : Wo sind die Tiere, Pflanzen
und anderen Wesen hergekommen?
Gleichsam die Urform der Gottheit sah der Einzuweihende im
Geiste, und die Tiere sah er als Nebenformen, auch die Pflanzen sah
er als Nebengestalten, die erst spater entstanden waren. Alles das,
was hier an niederen Reichen lebt, alles das sah der atlantische Einzu-
weihende an als erst aus der Menschengestalt hervorgegangen. Wir
konnen uns eine Vorstellung von diesem Gedanken machen, wenn
wir daran denken, wie die Steinkohle entstanden ist. Denken wir
an die grofien Urwalder, die damals entstanden und lebten und die
jetzt Steinkohle sind. Sie sind zunickgeblieben, sie haben sich aus
einem hoheren in ein niederes Reich entwickelt. Da sehen wir, wie
die Pflanzen zu Stein geworden, verhartet sind.
So sah der atlantische Einzuweihende alles, die ganze Umwelt aus
der Menschenform hervorgehen. Dieser Eindruck wurde in den ur-
fernen Zeiten vor die Seele des Menschen hingezaubert, und diese
Eindriicke wurden in der Erinnerung behalten durch die Zeit der
Flut hindurch, und die alten indischen Initiatoren riefen dieses Bild
des Urmenschen auch noch hervor in der Seele des Schiilers, das
Bild des Urmenschen, der vom ewigen Selbst ausgehaucht worden
war. Wenn der indische Schiiler dieses Bild vor sich hatte, dann fuhlte
er, dafi alles aus diesem Bilde entstanden war, dafi das, was wie
das Blut vorhanden war in diesem Urbilde, zu den Wassern der
Erde geworden ist und so weiter. Und so erweiterte sich dieses Bild
zu dem Urgrund des Alls. Jetzt wurde ihm folgendes vor die Seele
gestellt. Es wurde ihm gesagt: Zweierlei hast du in diesem Urbild
vor Augen, einmal das Urbild selbst, dann aber auch das, was in dir
als innerste Wesenheit aufleuchtete bei Betrachtung des Bildes. Drau-
Ben der Makrokosmos und dann das, was du gewissermafien in dir
als Extrakt empjfindest, der Mikrokosmos.
Und als die Griechen bei den Alexanderziigen nach Indien drangen
und die letzten Nachklange vernahmen dessen, was der Schiiler damals
gefiihlt hatte, da empfanden sie folgendes. Sie sagten: Wenn der
Schiiler das betrachtet, was in der groCen Welt ausgebreitet ist als
Mensch, dann hat er den Herakles vor sich. Der Inder nannte das,
was als Krafte des Weltalls lebt, Vac. - Im Menschen aber fiihlten sie
gewissermafien als den Extrakt des Ganzen das Brahman. - So ver-
deutlichten sich die Griechen das, was Nachklange sind von demje-
nigen, was in der Seele des Schiilers vor sich ging in der uralt
heiligen indischen Kultur. Das war die Frucht eines Zuges der Grie-
chen unter Alexander dem Grofien nach Indien. Gerade aus dieser
Grundempfindung heraus entwickelte sich die uralt heilige indische
Eingeweihtenlehre, die wie ein geistiges Abbild erscheint jenes Urzu-
standes der Erde, wo die Erde noch die Sonnenkrafte und hohen We-
senheiten in sich hatte, nach deren Erhabenheit man sich spater sehnte.
Deshalb war es ein hohes Gefiihl geistigen Lebens, wenn der Schiiler
eingeweiht wurde, wenn er das in sich erstehen lassen konnte, was
man als Brahman erfafit. Es war ein ungeheurer Vorgang in der Men-
schenseele. Das war eine Erhebung in hohe Welten. Nicht anders
konnte man eingeweiht werden und zum wirklichen Schauen gelan-
gen, als wenn man sich erhob zu hochsten Welten. Diejenige Welt,
die um uns ist, ist die physische Welt. Um sie und in ihr wogt die
Astralwelt. Hoher steht das Devachan, die Gotterwelt, und in die
hochsten Regionen des Devachan muBte entriickt werden der Schii-
ler, wenn er in dem Makrokosmos das Brahman, das Urselbst fiihlen
sollte. Im obersten Devachan war dann der Schiiler, in der Gotterwelt,
aus der herausstammt das Edelste, was der Mensch in sich hat. Es war
ein Reich hochster, vollkommenster Ordnung, in das der Schiiler ent-
riickt wurde, ein Reich, das noch vieles andere bot an Erkenntnis;
denn das, was hier geschildert wurde, war nicht das einzige.
Bevor wir aber weiteres schildern, miissen wir auch die Lehrer
kennenlernen. Sie alle haben schon gehort von den heiligen Rishis,
den urspriinglichen Begriindern der uralt heiligen indischen Kultur,
welche selbst den Manu zum Lehrer gehabt hatten. Wer waren diese
sieben groBen Lehrer des alten Indiens? Wir miissen die Natur der
heiligen Rishis, soweit das moglich ist, uns ein wenig verdeutlichen.
Dazu miissen wir noch einmal in die groBe Welt schauen. Wir miis-
sen uns klar sein, daB dasjenige, was wir mit physischen Sinnen, Augen
und so weiter wahrnehmen konnen, eine Folge des Geistigen ist. Wenn
wir die ganze Umwelt, die wir erblicken, vergeistigt denken, so kon-
nen wir sie etwa mit einem atherischen Urnebel vergleichen. Dieser
Nebel wurde dann allmahlich dichter, er stieg hinab in den Zustand
der Materie, und es ballten sich heraus verschiedene Weltkorper: die
Sonne, der Mond, die Erde trennten sich.
Warum spalteten sich aber die anderen Planeten heraus ? Denn das
geschah wahrend der einzelnen Trennungen auch. Saturn, Jupiter,
Mars, Venus, Merkur spalteten sich ab. Warum geschah das ?
Wir werden das begreifen, wenn wir uns sagen, daB im groBen
Weltenall etwas Ahnliches vor sich geht wie das, was sich auch in
unserem gewohnlichen, trivialen Leben abspielt. Es bleiben nicht
bloB Schiiler im Gymnasium sitzen, sondern auch im groBen Kosmos
gibt es Wesen, die zuriickbleiben und nicht mitkommen konnen. Nun
machen wir uns das einmal ganz klar. Eine Gruppe hoher Wesen waren
es, die nicht das Tempo der Erde mitmachen konnten, die die feinsten
Substanzen herausnahmen und daraus die Sonne gestalteten zu ihrem
Wohnplatz. Das waren die hochsten Wesen, die mit unserer Evolu-
tion verkniipft waren. Sie hatten aber auch eine Entwickelung durch-
gemacht. Es gab also Wesen, die damals im Begriff standen, Sonnen-
geister zu werden und solche, die zuriickgeblieben waren, die tiefer
standen als die Sonnengeister, jedoch hoher als der Mensch, die die
Entwickelung der Sonnengeister nicht mitmachen konnten, weil sie
nicht so reif waren wie diese. Sie konnten nicht mit der Sonne her-
ausgehen; die Sonne hatte sie versengt. Fur die Erde waren sie aber
zu edel, daher hatten sie sich besondere Substanzen, die an Feinheit
zwischen Sonne und Erde stehen, die ihrer Natur entsprachen, her-
ausgenommen und sich Wohnplatze gebildet zwischen Sonne und
Erde. So spalteten sich heraus Venus und Merkur. Da haben wir zwei
Gruppen von Wesenheiten, die nicht so hoch gekommen waren wie
die Sonnengeister, aber weiter waren als der Mensch. Sie wurden
Venus-, sie wurden Merkurgeister. Diese Wesenheiten sind die Ver-
anlasser der Entstehung dieser beiden Planeten. Ferner bildeten sich
schon friiher heraus Mars, Jupiter und Saturn, aus anderen Griinden.
Diese wurden wiederum Wohnplatze fur bestimmte Wesenheiten.
So sehen wir, wie Geister die Ursachen von der Entstehung der
Planeten sind. Nun darf man nicht glauben, daB diese Wesenheiten,
die die verschiedenen Korper des Sonnensystems bewohnen, daB die
nicht in Zusammenhang stehen mit den Erdbewohnern. Wir mussen
einsehen, daB die physischen Grenzen nicht die wirklichen Grenzen
sind, daB auch iiber diese Grenzen hinaus vielfach die Moglichkeit
besteht fiir die Wesenheiten der anderen Himmelskorper, magische
Wirkungen auszuuben auf die Erde. So erstrecken sich die Wirkun-
gen der Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturn-, Venus-, Merkurgeister
und so weiter in die Erde hinein. Die beiden letzteren stehen der
Erde naher; sie haben den Menschen geholfen, als die Sonne heraus-
getreten war, die Erde so vorzubereiten, wie wir sie jetzt vor uns
haben.
Ich mochte hier etwas einfugen, weil MiBverstandnisse sich ein-
geschlichen haben, die sich beziehen auf die Benennung der Pla-
neten. In alien okkulten Benennungen wird das, was heute astro-
nomisch Merkur genannt wird, Venus genannt, und umgekehrt, was
man astronomisch Venus nennt, wird Merkur genannt. Die rein
auBerlichen Astronomen wissen nicht, daB da Geheimnisse zugrunde
liegen, weil man tiefe, esoterische Benennungen nicht verraten wollte.
Es ist das geschehen, um gewisse Dinge zu verhiillen.
Es wirken nun alle diese Geister der anderen Planeten auf die
Erde. Von alien Planeten gehen Wirkungen auf den Menschen aus.
Diese Wirkungen muBten aber zunachst dem Menschen vermittelt
werden, und das geschah dadurch, daB durch den groBen Manu die
sieben Rishis so eingeweiht wurden, daB der einzelne Rishi die Ge-
heimnisse eines dieser Planeten in ihren Wirkungen verstand. Und
weil man sieben Planeten zahlte, so waren diese sieben Rishis in
ihrer Gemeinsamkeit dasjenige, was darstellt eine siebengliedrige
Loge, welche die Lehren von den Geheimnissen unseres Sonnen-
systems ihren Schulern ubermitteln konnte. Daher finden wir Hin-
deutungen darauf in manchen alten okkulten Schriften. Da steht
zum Beispiel: Es gibt Geheimnisse, die zu suchen sind jenseits der
Sieben, das sind die, die der heilige Manu selbst bewahrte, iiber die
Zeit vor der Spaltung der Planeten.
Das was die Planeten als Krafte bewahrten, das war dasjenige,
was in den Geheimnissen der sieben Rishis verborgen war. Und so
wirkte dieser Chor der sieben Rishis zusammen, in vollster Einheit
mit dem Manu, in der wunderbaren Weisheit, die den Schulern
von ihnen vermittelt wurde. Wenn wir das charakterisieren wollten,
so muBten wir sagen: Diese Urlehre enthielt ungefahr dasjenige,
was wir heute kennenlernen als die Evolution der Menschheit durch
die planetarischen Zustande von Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter,
Venus, Vulkan. Die Geheimnisse der Evolution waren hinein-
geheimniBt in die sieben Glieder der Loge, von denen ein jedes eine
Stufe im Fortschritt der Menschheit bedeutete.
Das sah der Schuler. Er sah es nicht nur, er horte es sogar, wenn
er sich erhob in das Devachan, in die devachanische Welt: denn
diese Welt ist eine Welt des Tonens. Da horte er den Spharenklang
der sieben Planeten. Er sah in der astralischen Welt das Bild; in der
devachanischen Welt horte er den Ton, und in der obersten, der
hochsten der Welten, erlebte er das Wort. Wenn also der indische
Schuler sich erhob in das obere Devachan, so nahm er durch die
Spharenmusik und durch das Spharenwort wahr, wie der Urgeist
Brahma sich gliedert durch die Evolution, in der siebengliedrigen
Planetenkette, und er horte das aus dem Urwort Vac. Das war die
Bezeichnung des Urtones der Schopfung, den der Schiller horte;
darinnen horte er die ganze Weltenentwickelung. Das in sieben Glieder
gespaltene Wort, das Urwort der Schopfung, das wirkte in der Seele
des Schulers, das Urwort, das er den Nichteingeweihten ungefahr so
beschrieb, wie wir heute beschreiben wiirden unsere Weltene volution.
Was er wahrnahm, ist elementar beschrieben in meiner «Theosophie»,
Und diese Beschreibung finden wir zuerst wieder in der uralt heili-
gen Religion der Inder, in dem, was man nannte den «Veda» oder auf
deutsch das «Wort».
Das ist der wirkliche Sinn der Veden, und dasjenige, was spater
geschrieben ist, ist nur die letzte Erinnerung an die uralt heilige
Woftlehre. Das Wort selbst ist nur von Mund zu Mund fortgepflanzt
worden, denn durch das Niederschreiben wird die Urtradition verletzt.
Nur aus den Veden kann man noch etwas herausfiihlen von dem, was
damals in diese Kultur eingeflossen ist. Wenn der Schiiler das in seiner
Erinnerung erlebte, konnte er sich sagen: Was ich als Brahman in
meiner Seele erlebe, was ich als Urwort in meiner Seele habe, das
war auch schon da auf dem alten Saturn; auf dem Saturn erklang
schon der erste Hauch des Vedawortes.
Nun hatte sich die Entwickelung fortgesetzt durch Sonne und Mond
bis zur Erde. Das Wort war immer dichter geworden, hatte immer
dichtere Formen angenommen, und das Menschenbild im Ursamen der
Erde war schon eine Verdichtung des Zustandes, in dem das Urwort
auf dem Saturn war. Was war nun geschehen?
Das Gotteswort, der Urmensch hatte sich in immer neue Hiillen ge-
hullt, und es kam darauf an, welche Hiillen das Wort innerhalb der
Erdenentwickelung annahm. Der Schiiler wuBte, daB sich nichts voll-
standig wiederholt im Weltenall und daB jeder Planet seine Mission
hat. Was er auf der alten Sonne als das Leben sich gestalten sah,
was auf dem alten Monde als Weisheit eingeimpft wurde auf den
Grund aller Dinge, dem folgte auf der Erde, was die Aufgabe, die
Mission der Erde ist, das ist, die Liebe zu entwickeln; die war auf
dem alten Monde noch nicht da. So kleidete sich dasjenige, was in
einer viel geistigeren, aber auch in einer viel kalteren Form auf dem
vorigen Planeten vorhanden war, das Urbild des Menschen, es kleidete
sich in eine warme astralische Umhiillung. Dasjenige, was Mensch
werden sollte, war auf dem Monde in eine astralische Hiille gekleidet
worden, und dieser Teil ist es, der auf der Erde das innere Menschen-
leben dazu fahig macht, Liebe zu entwickeln von der niedersten bis
zur hochsten Form.
Dem indischen Schuler wurde die Menschengestalt, das Urbild, im
oberen Devachan klar wahrnehmbar. Dann umhiillte es sich im
niederen Devachan mit einer astralischen Hiille, die in sich die Krafte
hatte, Liebe zu entwickeln. Die Liebe, den Eros, nannte man Kama.
So bekommt Kama einen Sinn fur die Erdenentwickelung. Es kleidete
sich das gottliche Wort, das Brahman, in Kama, und durch das Kama
hindurch tonte dem Schuler das Urwort heraus. Das Kleid der Liebe
war Kama, das Kleid des Urwortes Vac, des Wortes Vac, das dem
lateinischen «vox» zugrunde liegt. Und so empfand der Schiiler im
innersten Wesen, daB sich das Gotteswort ein astralisches Liebeskleid
umgelegt hatte, und nun sagte er sich: Der Mensch, der heute aus
vier Gliedern besteht, aus dem physischen Leibe, dem Atherleib, dem
Astralleib und dem Ich, dieser Mensch hat als hochstes Glied sein Ich.
Und dieses Ich stieg hinunter in das Liebeskleid und bildete sich
Kama-Manas. Das war das innerste Wesen des Menschen, Kama war
es, in das sich Manas kleidete : das war das Ich. Aber wir wissen auch,
daB dieses innerste Wesen herausentwickeln wird drei Glieder, die
hoher sind, die warideln die niederen Glieder um, wandeln auch den
physischen Leib um, und wie das Manas aus der Astralhiille wird,
wie dem Prana die Budhi auf hoherer Stufe entspricht, so wird der
physische Leib, wenn er ganz vergeistigt sein wird, Atma sein.
Alles das war aber schon keimhaft veranlagt in der Vac, und ein
Vedasatz erinnert noch daran, wie der Schiiler das Geheimnis des
innersten Wesens zum Ausdruck brachte.
Wir wissen, daB der physische Leib auf dem Saturn, der Atherleib
auf der Sonne, der Astralleib auf dem Monde, und das Ich auf der
Erde erst entstanden ist. Aber die wahre, urspriingliche Menschen-
anlage, das Urwort Vac, hatte audi schon die drei folgenden Glieder
in sich. Drei hohere Glieder hat der Mensch noch zu erwarten, dann
wird er erst ein getreues Abbild des Schopfungswortes, des Urwortes
sein. Und darauf sollte der Schuler hingewiesen werden, daB nur dem
Eingeweihten die wahre Natur des physischen, atherischen und astrali-
schen Leibes ldar sein konnte. Heute ist der Mensch er selbst nur, wenn
er sein «Ich bin» ausspricht, wenn er das ins Auge faBt, was ganz
sein eigen ist. Nur da ist er ganz Mensch. Die anderen Glieder sind
zwar auch ofFenbar, aber da ist er noch unbewuBt. Aber im vierten ist
die Vac offenbar geworden: «Im vierten spricht der Mensch ! » Das
war der Satz des Veda. Wenn das Wort des Ich ertont, so tont der
vierte Teil der Vac. Der Vedasatz hieB : «Vier Vierteiie der Vac sind
bemessen; drei sind im Verborgenen bewahrt und ruhren sich nicht;
nur das vierte Vierteil sprechen die Menschen.»
Da haben wir eine wunderbare Beschreibung von dem, was wir so
oft gehort haben. Das stand vor dem geistigen Blick des Schiilers.
Sein Blick wurde auf den Zustand zuriickgelenkt, wo noch nichts
getrennt war, wo noch eine Urerde war, wo die voile Vac sprach.
Das driickt ein anderer Vedasatz aus: «Vorher wuBte ich nicht, was
das ist, das < Ich bin>, erst als die Erstgeborene der Erde iiber mich
kam, wurde der Geist lichtvoll erfullt, und ich hatte Anteil an der
heiligen Vac», der Weisheit. Darinnen ist ein Schauen wiedergegeben,
das der Eingeweihte hatte.
Damit ist nur angedeutet einiges wenige von den Erlebnissen der
alten Rishi-Schiiler, von den wunderbaren Lehren, die einflossen in
die indische Kultur, die uberliefert wurden an die folgenden Zeit-
alter und die umgestaltet wurden nach den Lebensbediirfnissen
anderer Volker. Aber alle hatten es verstanden, das Urwort Vac.
Wir werden manches besser verstehen, wenn wir ein Geheimnis in
seinem ganzen Zusammenhang uns vor Augen fuhren. Wir miissen
uns vorstellen, daB damals die Wirkung des Lehrers auf den Schuler
eine ganz andere war als heute. Heute ist nur dann, wenn der Schuler
auf eine gewisse Einweihungsstufe schon gebracht ist, einigermaBen
eine solche Wirkung moglich. Damals waren die Krafte des Lehrers,
die auf den Schuler ubergingen, viel starker. Von diesen Kraften
machen wir uns eine Vorstellung, wenn wir sagen: Nicht nur das,
was der Lehrer durch das Wort oder durch die Schrift iibermitteln
konnte, wirkte. Das alles wirkte eigentlich nur auf die Verstandes-
seele, aber auBerdem wirkten magische, geheimnisvolle Krafte vom
Lehrer auf den Schuler, und es waren im wesentlichen die Krafte
des Lehrers, die da imstande waren, die Bilder, die der Lehrer vor
die Seele des Schiilers riickte, zu erfiiilen mit Helligkeit und lebendiger
Kraft. Diese eigenartige Wirkung hat sich im vierten nachatlantischen
Zeitalter, der griechisch-lateinischen Kultur, erst verloren. Die Krafte
andern sich eben. Es war ganz etwas anderes, wenn ein alter Agypter
einem jungen gegeniiberstand, als wenn heute ein Lehrer dem Schuler
gegenubersteht. Ganz andere Krafte wirkten vom Alter auf die Ju-
gend. Das muB derjenige wissen, der verstehen will, was noch im alten
Griechentum beschrieben ist. Sokrates hatte tatsachlich telepathische
Krafte, die er auf seine Schuler ubergehen lieG, wahrend er sie be-
lehrte. Solches kann in unserer Zeit nicht mehr wirken. Solche Dinge
werden angedeutet in Platos Schriften. Heute wiirde es selbstver-
standlich eine verwerfliche Untugend sein, was damals durchaus be-
rechtigt war. Es gehen eben Anderungen vor sich; niemand hat das
Recht, das heute zu kopieren. Heutige Erscheinungen wollen sich dar-
auf berufen, aber dasselbe wiirde heute verwerf lich sein.
Damals, in der alten Zeit, gingen Krafte aus vom Lehrer zum
Schuler. Noch im alten Agypten gab es wirklich eine groBe Zahl
Menschen, die fahig waren, auf eine derartige Weise Krafte aufzu-
nehmen. Wenn ein Mensch besonders empfanglich war und einem
anderen gegeniiberstand, der gelernt hatte, seine Gedanken zu ver-
starken, dann wirkte ein starker Gedanke so, daB er in der Seele des
Empfanglichen auftauchte als Bild. Es war also im alten Agypten
eine solche telepathische Wirkung in hohem Grade moglich, und
Gedankeniibertragung war in hohem MaBe vorhanden. Wenn eine
starke Willensnatur einer nicht gestarkten gegeniiberstand, war das
sehr der Fall. So vermochte man auch noch in Agypten einen an-
deren durch Gedanken zu lenken und zu leiten in einem MaBe, wie
man es sich heute gar nicht vorstellen kann. Heute wiirde man na-
tiirlich mit solchen Kraften argen MiBbrauch treiben.
Im wesentlichen beruhten im alten Agypten die Einweihungen auf
ahnlichen Kraften. So war es auch im alten Indien moglich gewesen
und in Persien. Diese Krafte verstarkten noch die Methode, die, wenn
man sich exoterisch ausdriicken wollte, man auch eine medizinische
nennen konnte. Darunter ist naturlich nicht die ofFizielle Heilkunde
von heute zu verstehen. Tiber das, was heute der Mensch Medizin
nennt, dariiber hatte der agyptische Arzt und Eingeweihte nur ge-
lacht. Der alte agyptische Mediziner hat eins gewuBt: er hat gewufit,
daB jene Zustande, die in der Atlantis urspriinglich vorhanden waren,
und wie man sie bei der Einweihung hat wahrnehmen konnen, auch
jetzt noch in gewissem Sinne wieder zu erwecken waren. Das BewuBt-
sein, in dem der Mensch in der Atlantis lebte, war ein dumpfes Hell-
seherbewuBtsein. Da gab es eine Zeit, sagte sich der agyptische Ein-
geweihte, in der die geistigen Wesen eine viel groBere Kraft auf den
Menschen ausiibten. Heute weiB der Mensch, wenn er schlaft, nichts
von den hoheren Welten; aber der atlantische Mensch lebte da noch
in einem dammerhaften HellseherbewuBtsein mit den Gottern. Und
so wie es viel besser wirkt als alle moralischen Lehren, wenn der
heutige Mensch sich erheben kann zu einem idealen Menschen, so
wirkte damals der agyptische Eingeweihte durch Krafte und Bilder
hoherer geistiger Vorgange auf den Schiiler. Das wirkte nicht bloB
auBerlich, sondern tief innerlich, es wirkte so, daB ein ganz bestimmter
Vorgang resultierte.
Denken wir uns einen kranken Menschen, der deshalb krank ist,
weil bestimmte Verrichtungen nicht in normaler Weise verlaufen.
Woher kommt das? Derjenige, der okkult geschult ist, weiB, daB
es nicht von auBen kommt, wenn der physische Leib unregelmaBig
funktioniert; sondern alles, was an Krankheiten da ist und nicht
von auBen kommt, ist darauf zuriickzufiihren, daB der Atherleib nicht
in Ordnung ist. Aber der Atherleib ist krank, weil der Astralleib in
Unordnung ist. Wenn nun bei dem atlantischen Menschen Gefahr
vorhanden war, daB irgendeine Unordnung in der Safteverteilung
eintreten konnte, dann war sehr bald dafur gesorgt, daB wieder
Ordnung hineinkommen konnte. Der Mensch bekam im Schlaf-
zustand aus den geistigen Welten eine solche Kraft, daB durch den
Schlaf die gestorten Krafte und Funktionen wieder hergestellt wurden,
daB der Mensch wieder gesundete. Er stellte gewissermaBen durch
Erschlafen die gesunden Krafte wieder her. Die alten agyptischen
Arzte gebrauchten etwas Ahnliches. Sie dammerten das BewuBtsein
des Patienten kiinstlich herab bis zu einer Art hypnotischen Schlafes,
und nun waren sie Herren iiber die Bilder der Seelenwelt, die um
den Patienten entstanden. Und diese Bilder lenkten sie so, daB sie
Krafte hatten, zuriickzuwirken auf den physischen Leib und ihn ge-
sund zu machen. Das war der Sinn des Tempelschlafs, den man fur
innerliche Krankheiten verwendete. Den Kranken gab man keine
Medizin, sondern man lieB einen solchen Menschen im Tempel
schlafen. Man umdammerte sein BewuBtsein und lieB ihn in die
geistigen Welten hineinschauen. Man lenkte nun seine astralischen
Erlebnisse so, daB diese die Krafte hatten, wieder Gesundheit in den
Leib hineinzugieBen. Das ist kein Aberglaube, das ist ein Geheimnis,
das die Eingeweihten kannten : daB sie das Geistige in die Erlebnisse
der Kranken hineinbrachten. In der Heilkunde, die wir daher so innig
verbunden mit dem Prinzip der Einweihung finden, stellte man bei
der Heilung gleichsam kiinstlich den atlantischen Zustand wieder her.
Und dadurch, daB der Mensch durch sein TagesbewuBtsein nicht sich
entgegensetzte, wirkten die Krafte, die notig waren zur Gesundung.
So wirkte der Tempelschlaf.
In der agyptischen Kultur herrschte das Prinzip auch noch, das in
Indien bei den weisen Rishis herrschte, die selbst die Dinge lenkten,
die selbst die Vermittler der Planetenkrafte waren, die Schiller des
Manu, des groBen Lehrers der ersten erhabenen Kultur. In der
ersten Kultur der nachatlantischen Zeit waren es die Rishis, die jene
erhabene Lehre brachten, eine Lehre, die den Menschen in hohe, er-
habene, geistige Welten fuhrte, bis in die obere Devachanwelt. Das,
was da geschaut wurde, das wurde heruntergefuhrt in den folgenden
Kulturperioden bis auf den physischen Plan; bis im vierten nach-
atlantischen Zeitraum sich hineinsenkte in den physischen Plan die
Wesenheit, die wir als das Brahman der indischen Kulturperiode
kennengelernt haben, die wir als Christus bezeichnen, die nicht mehr
das Geistige zu vermitteln hat, sondern selbst Mensch wurde, um
liber alle Menschen auszustrahlen die geheimnisvolle Macht des Ur-
wortes.
So ist das Urwort herabgestiegen, um den Menschen wieder hin-
aufzubringen. Und der Mensch muB verstehen, wie das geschah, um
ein Instrument aus sich zu Hlden, durch das er in die Zukunft wir-
ken kann. Wir miissen kennenlernen, was vor uns gewirkt hat, damit
wir selbst mitarbeiten konnen an immer hoherer Gestaltung dessen,
was fiir uns um uns ist.
Eine geistige Welt miissen wir in Zukunft schaffen. Dazu ist notig,
daB wir zuerst den Kosmos verstehen.
FUNFTER VORTRAG
Leipzig, 7. September 1908
Wir haben bisher in diesen Vortragen versucht, uns ein Bild zu
machen von unserer Erdenentwickelung im Zusammenhange mit der
des Menschen, weil wif auseinandersetzen muBten, wie die Ver-
gangenheit der Erde, wie die Tatsachen unserer Erdenentwickelung
sich in der Erkenntnis der einzelnen Kulturperioden der nachatlan-
tischen Zeit widerspiegeln. Wir konnten gerade die tiefsten Erleb-
nisse des Schiilers der Rishis dahin charakterisieren und zeigen, wie
sich diese inneren Erlebnisse eines solchen Einzuweihenden als in-
nere, hellsichtig geschaute Bilder darstellten derjenigen Verhalt-
nisse und Vorgange, die sich abspielten in unserer Urerde, als diese
noch in sich enthielt die Sonne und den Mond. Wir haben auch
gesehen, welch eine hohe Stufe der Einweihung ein solcher Schuler
der indischen Kultur erreichen muBte, um sich ein solches Welt-
anschauungsbild schaffen zu konnen, ein Bild, das wie eine Wieder-
holung dasteht von dem, was sich in urferner Vergangenheit abge-
spielt hat. Wir haben auch gesehen, was die Griechen dachten, als
sie auf ihren Alexanderziigen bekannt wurden mit dem, was also ein
indischer Einzuweihender erlebte, in dessen Seele sich erhob das Bild
der gottlich-geistigen, schaffenden Kraft, das sich auszudnicken be-
gann im Urnebel, als Sonne und Mond noch mit der Erde vereint wa-
ren. Dieses Bild, das Brahman der Inder, das den Griechen erschien
wie Herakles, dieses Bild versuchten wir uns als eine innere Wieder-
holung der Tatsachen, die sich tatsachlich in der Vergangenheit abge-
spielt haben, vor die Seele zu fuhren. Es ist auch schon betont worden,
daB die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden der Erde sich
spiegelten in der persischen und in der agyptischen Kulturperiode.
Was also in der zweiten Epoche geschah, als sich die Sonne herauszog
aus der Erde, das wurde im Bilde bei den Eingeweihten der Perser in
Erscheinung gebracht. Und das, was sich abspielte, als nach und nach
der Mond herausging, das wurde Weltanschauung und Einweihungs-
prinzip bei den Agyptern, Chaldaern, Babyloniern, Assyrern.
Nun mussen wir uns, um ganz genau in die Seek des alten Agyp-
ters hineinschauen zu konnen - denn das ist uns ja das Wichtigste,
und die Persereinweihung werden wir nur wie eine Vorbereitung an-
schauen wir mussen uns noch einmal genauer darauf einlassen, wie
es eigentlich mit unserer Erde zuging wahrend der Zeiten, als sich
Sonne und Mond von der Erde trennten.
Wir wollen jetzt ein Bild von der Erde selbst entwerfen, das sich
nach und nach herausbildete, als die Sonne wegging und als sparer
auch der Mond wegging. Es soil abgesehen werden von den groBen
kosmischen Ereignissen, und wir wollen sehen, was auf der Erde
selbst geschieht. Wenn wir noch einmal auf die Erde im Urzustande
zuruckblicken, als sie mit Sonne und Mond vereinigt war, so wurden
wir da nicht finden unsere Tiere, unsere Pflanzen und ganz und
gar nicht unsere Mineralien. Das, woraus die Erde urspriinglich ge-
staltet war, war zunachst nur der Mensch, waren nur Menschenkeime.
Zwar ist es richtig, daB auch schon die tierischen und pflanzlichen
Keime angelegt wurden auf der alten Sonne und auf dem alten Monde,
daB auch diese schon im Urzustande der Erde enthalten waren, aber
sie waren gewissermafien noch schlafende Keime, keine Keime, denen
man hatte ansehen konnen, daB sie wirklich etwas hervorbringen
konnten. Erst als die Sonne sich herauszubewegen begann, erst da
wurden die Keime triebkraftig, die spater zu Tieren wurden. Und
erst als die Sonne sich vollstandig von der Erde getrennt hatte und
Erde und Mond allein waren, da wurden jene Keime Triebkeime,
die spater Pflanzen wurden. Und erst als der Mond herauszugehen
begann, bildeten sich nach und nach die mineralischen Keime. Das
wollen wir also festhalten.
Jetzt aber wollen wir die Erde einmal selbst anschauen. Die Erde
war, als sie noch Sonne und Mond in sich hatte, nur eine Art groBer
atherischer Dunstnebel von gewaltiger Ausdehnung, und darinnen
waren triebkraftig die Menschenkeime, schlafend aber die Keime der
anderen Wesen: Tiere, Pflanzen und Mineralien. Deshalb, weil nur
Menschenkeime da waren, aber noch keine Augen, konnte auch
kein Auge auBerlich diese Vorgange sehen, so daB die hier gegebene
Beschreibung nur sichtbar werden kann im Ruckblick fur den hell-
sehenden Menschen. Diese Beschreibung wird unter der hypotheti-
schen Voraussetzung gemacht, da6 das einer gesehen hatte, wenn er
damals auf einem Punkt des Weltenraums sich hatte befinden und
zuschauen konnen. Auch auf dem alten Saturn hatte ein physisches
Auge gar nichts bemerkt. Damals, im Urzustand, war die Erde nur
ein Dunstnebel, der nur als Warme empfunden worden ware. Aus
dieser Masse, aus diesem Urathernebel gliederte sich allmahlich ein
leuchtender Dunstball, der schon hatte gesehen werden konnen, wenn
es damals ein Auge gegeben hatte. Und wenn man mit einem Gefuhls-
sinn sozusagen hatte hineindringen konnen, ware er erschienen wie
ein erwarmter Raum; etwa wie das Innere eines Backofens wiirde er
sich ausgenommen haben. Sehr bald aber wurde diese Nebelmasse
leuchtend. Und dieser Dunstball, der sich da herausgebildet hatte,
der hatte in sich alle die Keime, von denen eben gesprochen worden
ist. Wir mussen uns klar sein, daB in diesem Dunstnebel nicht etwas
vorlag wie ein heutiger Nebel oder wie heutige Wolkengebilde, son-
dern alle heute fest gewordenen und fhissigen Substanzen waren
darinnen aufgelost. Alle Metalle, alle Mineralien, alles, alles war in
Dunst- und Nebelform, in einer sehr durchsichtigen Form, in einer
durchleuchteten Dunstform darin vorhanden. Durchleuchteter Dunst
war da, von Warme und Licht durchdrungen. Denken Sie sich da
hinein. Das was aus dem atherischen Nebel geworden war, das war
ein durchleuchtetes Gas. Und dieses hellte sich immer mehr und
mehr auf, und gerade durch die Verdichtung der Gase wurde das
Licht immer starker, so daB in der Tat einmal dieser Dunstnebel
wie eine groBe Sonne erschien, die in den Weltenraum hinaus-
leuchtete.
Diesen Zeitpunkt gab es durchaus einmal, als die Erde noch die
Sonne in sich hatte, als sie noch lichtdurchglanzt und durchstrahlt
war und in den Weltenraum ihr Licht hinausstrahlte. Dieses Licht
aber machte es moglich, daB nicht nur der Mensch in jener ur-
sprunglichen Anlage mit der Erde lebte, sondern daB in der Fiille des
Lichtes lebten alle anderen hoheren Wesen, die nicht einen physischen
Leib annahmen, aber mit der Entwickelung des Menschen verbunden
sind: Engel, Erzengel, Urkrafte. Aber nicht nur diese waren darin;
in der Lichtfulle lebten auch noch hohere Wesenheiten: die Gewalten
oder Exusiai oder Geister der Form, die Machte oder Dynamis oder
Geister der Bewegung, die Herrschaften oder Kyriotetes oder Geister
der Weisheit und jene Geister, die genannt werden die Throne oder
Geister des Willens, und endlich in loserer Verbindung mit der
Lichtfulle, sich immer mehr von ihr losringend, die Cherubim und
die Seraphim. Ein von einer ganzen Hierarchie niederer und hochster,
erhabenster Wesenheiten bevolkerter Weltenkorper war die Erde. Und
das, was als Licht hinausstrahlte in den Raum, das Licht, womit der
Erdenkorper durchdrungen wurde, das war nicht nur Licht, sondern
auch das, was spater die Erdenmission war: das war die Kraft der
Liebe. Das hatte das Licht als seinen wichtigsten Bestandteil in sich.
Wir tmissen uns also vorstellen, dafi nicht nur Licht ausgestrahlt wird,
nicht nur physisches Licht, sondern daJB dieses Licht durchseelt, durch-
geistigt ist mit der Kraft der Liebe.
Das ist schwer vorzustellen fur ein heutiges Gemiit. Gibt es doch
heute Menschen, die die Sonne so beschreiben, als ob da so ein gas-
formiger Ball ware, der einfach Licht ausstrahlte. So etwas Materiel-
les, so ein rein materielles Vorstellen herrscht heute einzig und allein
von der Sonne. Ausgenommen sind davon nur die Okkultisten. Wer
heute eine Beschreibung der Sonne liest, so wie sie in den popularen
Biichern dargestellt ist, in Biichern, die die geistige Nahrung unzah-
liger Menschen bilden, der hat nicht das Wesen der Sonne kennen-
gelernt. Das was in diesen Biichern steht, das ist in bezug auf die
Sonne genausoviei wert, wie wenn jemand als das Wesen des Men-
schen einen Leichnam beschreibt. So wahr der Leichnam der Mensch
ist, so wahr ist das, was in der Astrophysik von der Sonne beschrie-
ben ist, die Sonne.
Gerade so wie der das Wichtigste beim Menschen weglaBt, der den
Leichnam beschreibt, so beschreibt der Physiker, der heute die Sonne
beschreibt, nicht ihr Wesen, wenn er mit Hilfe der Spektralanalyse die
inneren Bestandteile der Sonne gefunden zu haben glaubt; das was be-
schrieben ist, ist nur aufierer Leib der Sonne. In jedem Sonnenstrahle
stromt auf alle Erdenwesen hernieder die Kraft hoherer Wesenheiten,
welche die Sonne bewohnen, und mit dem Lichte des Sonnenstrahls
schwebt selber hernieder die Kraft der Liebe, dieselbe Kraft, die hier
auf der Erde von Mensch zu Mensch, von Herzen zu Herzen stromt.
Es kann die Sonne niemals bloB physisches Licht auf die Erde senden;
dasselbe, was die heiBeste und inbriinstigste Liebesempfindung ist, ist
unsichtbar im Sonnenlichte vorhanden. Mit ihm stromen der Erde zu
die Krafte der Throne, der Seraphim, der Cherubim und der ganzen
Hierarchie der hoheren Wesenheiten, die auf der Sonne wohnen und
die es nicht notig haben, irgendeinen anderen Korper als das Licht
zu haben. Weil aber das alles, was heute in der Sonne vorhanden ist,
damals noch mit der Erde verbunden war, so waren auch alle die
hoheren Wesen mit der Erde selbst verbunden. Auch heute noch sind
sie mit der Entwickelung der Erde verbunden.
Dann miissen wir bedenken, daB der Mensch, der das niederste von
den hoheren Wesen war, damals schon im Keim vorhanden war als
das neue Kind der Erde, getragen und gehegt von diesen hohen We-
sen, im Schofie dieser gottlichen Wesen lebend. Der Mensch, der in
jener Zeit lebte, in welcher wir jetzt mit unseren Betrachtungen in der
Erdenevolution stehen, muBte, weil er noch im SchoBe dieser Wesen-
heiten war, auch damals einen viel feineren Leib haben. Und da ergibt
sich dem hellsehenden BewuBtsein, dafi der Leib des damaligen Men-
schen nur bestanden hat aus einer feinen Dunst- und Dampfform,
einem Luft- oder Gasleib, einem vom Lichte ganz durchstrahlten,
ganz durchsetzten Gasleib. Denken wir uns eine regelmaBig gestaltete
Wolke, wie eine nach oben sich erweiternde, kelchartige Bildung,
und denken wir uns diesen Kelch durchgliiht und durchleuchtet von
dem inneren Lichte, und wir haben die damaligen Menschen, die eben
erst anfangen in dieser Erdenentwickelung ein dumpfes BewuBtsein zu
haben, ein BewuBtsein, wie es heute die Pflanzenwelt hat. Nicht wie
die Pflanzen im heutigen Sinne waren die Menschen; sie waren durch-
leuchtete und durchwarmte Wolkenmassen in Kelchesform und ohne
feste Grenzen, nicht durch feste Grenzen getrennt von der Gesamt-
erdenmasse.
Das war einmal die Gestalt des Menschen, eine Gestalt, die ein phy-
sischer Lichtleib war, teilhaftig noch der Krafte des Lichtes. Deshalb
konnten sich, wegen der Feinheit des Leibes, nicht nur hineinsenken
ein eigener Atherleib und Astralleib, nicht nur das Ich in den ersten
Anfangen, sondern auch die hoheren geistigen Wesenheiten, die mit
der Erde verbunden waren. Damals wurzelte der Mensch noch sozu-
sagen nach oben in den gottlich-geistigen Wesen, und diese durch-
drangen ihn. Es ist wirklich nicht leicht, die Herrlichkeit der Erde
von damals zu schildern und eine Vorstellung zu geben von jener
Zeit. Wir rmissen uns die Erde als eine Hchtdurchglanzte Kugel vor-
stellen, von lichttragenden Wolken umstrahlt, wunderbare Licht-
erscheinungen von wunderbarem Farbenspiel erzeugend. Wenn man
eine fuhlende Hand hatte hineinstrecken konnen in diese Erde, man
hatte Warmeerscheinungen wahrgenommen, auf und ab wogend die
durchgliihten, durchleuchteten Massen, darin alle heutigen Menschen-
wesen, umwebt und umwogt von all den geistigen Wesenheiten, nach
auBen hin in grandioser Mannigfaltigkeit strahlendes Licht aussen-
dend! AuBen der Erdenkosmos in seiner groBen Mannigfaltigkeit,
innen der lichtumflossene Mensch, in Verbindung mit den gottlich-
geistigen Wesenheiten, von ihnen ausgehend und Strome von Licht
in die auBere Lichtsphare strahlend. Der Mensch hing wie an einer aus
dem Gottlichen entspringenden Nabelschnur an diesem Ganzen, an
dem LichtschoB, dem WeltenschoB unserer Erde. Ein gemeinsamer
WeltenschoB war es, in dem die Lichtpflanze Mensch damals lebte,
sich eins fiihlend mit dem Lichtmantel der Erde. So war der Mensch
in dieser feinen Dunstpflanzenform wie an der Nabelschnur der
Erdenmutter hangend, so war er gehegt und gepflegt von der ganzen
Mutter Erde. Wie in einem groberen Sinne heute das Kind gehegt und
gepflegt ist im mutterlichen Leibe als Kindeskeim, so war damals ge-
hegt und gepflegt der Menschenkeim. So lebte der Mensch damals in
der urfernen Erdenzeit.
Dann begann die Sonne sich herauszulosen, die feinsten Substan-
zen mit sich nehmend. Es gab eine Zeit, in der die hohen Sonnen-
wesenheiten die Menschen verlieBen, da alles, was heute zur Sonne
gehort, unsere Erde verlieB und die groberen Substanzen zuriicklieB.
Und verbunden war dieses Hinausgehen der Sonne damit, daB der
Dunst sich abkiihlte zu Wasser, und wir haben, wahrend wir friiher
die Dunsterde hatten, nun die Wasser-Erdkugel. In der Mitte waren
die Urwasser, jedoch nicht von Luft umgeben; langsam gingen die
Wasser iiber in dichte, dicke Nebel, die sich allmahlich verfeinerten.
So haben wir die damalige Erde als Wassererde, also darin auch StofFe
in weichem Zustande, umdunstet von Nebeln, die immer feiner wur-
den, bis hinauf in die hochsten Spharen, wo die Nebel ganz fein wur-
den. So haben wir einmal unsere Erde vor uns. So war sie verandert,
und die Menschen muBten nun sozusagen die friiher lichtdurchgliihte
Gasgestalt hineinsenken in die triiben Wasser und sich dort verkor-
pern als geformte Wassermassen im Wasser, wie vorher als Luftfor-
men in der Luft. Der Mensch wurde eine Wassergestalt, jedoch kei-
neswegs ganz. Niemals war der Mensch ganz ins Wasser hinunter-
getaucht. Das ist ein wichtiger Moment. Es ist beschrieben worden,
wie die Erde in der Mitte Wassererde war, der Mensch war nur teil-
weise ein Wasserwesen, er ragte hinein in die Dunsthiille, so daB er
halb Wasser-, halb Dampfwesen war. Unten im Wasser konnte der
Mensch unmoglich von der Sonne erreicht werden, die Wassermasse
war so dick, daB das Sonnenlicht nicht durchdringen konnte. In den
Dunst konnte das Licht der Sonne etwas hineindringen, so daB der
Mensch lebte zum Teil im dunkeln, lichtberaubten Wasser und teil-
weise im lichtdurchgluhten Dunst. Von etwas war jedoch das Was-
ser nicht beraubt, von etwas, das wir jetzt genauer beschreiben miis-
sen.
Von Anfang an war die Erde nicht nur gluhend, leuchtend, son-
dern auch tonend, und der Ton war in der Erde geblieben, so daB,
als das Licht hinausging, innerlich das Wasser zwar dunkel wurde,
innerlich aber auch vom Ton durchdrungen wurde, und der Ton war
es, der dem Wasser gerade die Gestaltung, die Form gab, wie man das
ja an dem bekannten physikalischen Experiment kennenlernen kann.
Wir sehen, daB der Ton ein Gestaltendes ist, eine formende Kraft, weil
durch den Ton die Teile gegliedert oder geordnet werden. Der Ton
hat eine formende Kraft, und die war es, die auch den Leib aus dem
Wasser heraus geformt hat. Das war die Kraft des Tones, die noch in
der Erde geblieben war. Es ist der Ton, der Klang, der die Erde durch-
klingt, es ist der Ton, aus dem heraus sich formte die Menschen-
gestalt. Hindringen konnte das Licht nur zu dem Teil des Menschen,
der da aus dem Wasser hinausragte. Unten ein Wasserleib, oben ein
Dampfleib, den das auBere Licht beriihrte, zu dem im Lichte die
Wesen, die mit der Sonne herausgegangen waren, Zugang hatten.
Vorher fiihlte sich der Mensch in ihrem SchoBe, als die Sonne noch
mit der Erde vereinigt war; jetzt schienen sie im Licht auf ihn nieder
und durchstrahlten ihn mit ihrer Kraft. Wir diirfen aber nicht ver-
gessen, daB in dem, was nach der Trennung der Sonne zuriickgeblie-
ben war, auch die Krafte waren, die die Erde von sich trennen muBte,
die Krafte des Mondes.
Wir haben also eine Zeit, wo gerade die Sonne herausgegangen
war, wo allmahlich jener Pflanzenmensch untertauchen muBte in die
physische Wassererde. Das ist die Stufe, die der Mensch damals in
seinem Leibe erreicht hatte, die wir heute degeneriert festgehalten
sehen in den Fischen. Wenn wir heute das Wasser von Fischen durch-
zogen sehen, so sind diese Fische Uberreste jener Menschen, naturlich
in einer dekadenten Form. Wir mussen uns etwa einen Goldfisch den-
ken, in phantastischen Pflanzenformen, mit groBer Beweglichkeit, aber
mit dem Gefiihl von Wehmut, weil das Licht dem Wasser genommen
war. Es war eine tiefe, tiefe Sehnsucht, die entstand. Das Licht war
nicht mehr da ; das Verlangen nach dem Licht rief die Sehnsucht her-
vor. Es gab einen Augenblick in der Erdenentwickelung, in dem die
Sonne noch nicht ganz heraus war aus der Erde, da kann man jene
Gestalt noch durchgliiht sehen von Licht, die Menschen im oberen
Teil noch auf der Sonnenstufe, unten schon in der Gestalt, die in der
Fischform festgehalten worden ist. Dadurch nun, daB der Mensch mit
der Halfte seines Wesens in der Dunkelheit lebte, dadurch war da unten
eine recht niedere Menschennatur, denn in dem Teile, mit dem er
untertauchte, hatte er die Mondeskrafte in sich. Wenn das auch nicht
zur Lava erstarrt war, wie im heutigen Monde, es waren schwarze,
finstere Krafte. Da konnten auch nur die schlechtesten Partien des
Astralischen untertauchen. Aber oben war eine Dunstgestalt, gleich-
sam der Kopfteil, in den hineinstrahlte das Licht von auBen und ihm
die Form gab, so daB der Mensch aus einem niederen und einem
hoheren Teil bestand. Schwimmend, schwebend bewegte er sich in
dieser Dunstatmosphare. Die dichte Dunstatmosphare der Erde war
noch nicht Luft, sie war Dunst, also noch nicht Luft, durch die die
Sonne hatte dringen konnen. Die Warme konnte durchdringen, aber
nicht das Licht. Der Sonnenstrahl konnte nicht die ganze Erde kiis-
sen, sondern nur die Oberflache, der Erdenozean blieb dunkel. In die-
sem Ozean waren aber die Krafte, die spater als Mond herausgegangen
sind.
Dadurch nun, daB die Lichtkrafte eindrangen, drangen auch die
Gotter in die Erde ein. So daB wir unten den gotterlosen, gottver-
lassenen Wassermantel, nur durchdrungen von der Kraft des Tones
haben, ringsherum den Dunst, in den sich hineinerstrecken die Krafte
der Sonne. So daB der Mensch in dem Dunstkorper, der uber die
Wasserflache hinausragte, doch immer noch ein Mitburger war des-
sen, was zu ihm strahlte als Licht und Liebe aus der geistigen Welt.
Warum durchdrang jedoch den finsteren Wasserkern die tbnende
Welt?
Aus dem Grunde, weil einer der hohen Sonnengeister zuruckgeblie-
ben war, verbunden hatte sein Dasein mit der Erde. Das ist derselbe
Geist, den wir kennen als Jahve oder Jehova. Jahve allein blieb bei
der Erde, er opferte sich, er war es, dessen inneres Wesen als for-
mender Ton die Wassererde durchklang.
Aber weil die schlechtesten Krafte als Ingredienzien in der Wasser-
erde verblieben waren, weil diese Krafte furchtbare Elemente waren,
kam der Dunstteil des Menschen immer mehr herunter, und aus der
ehemaligen Pflanzengestalt entstand allmahlich ein Wesen, das auf der
Stufe eines Amphibiums stand. In der Sage und Mythe ist diese Ge-
stalt, die viel tiefer steht als die spatere Menschheit, geschildert als der
Drache, als der Menschenmolch, als der Lindwurm. Und der andere
Teil des Menschen, der ein Burger des Lichtes war, der wird darge-
stellt als ein Wesen, das nicht herunterkam, das die niedere Natur
bekampft, das zum Beispiel als Michael, als der Drachentoter, als hei-
liger Georg, den Drachen bekampfend dargestellt wird. Auch noch in
der Gestalt des Siegfried mit dem Drachen haben wir, allerdings um-
geformt, Bilder dessen, was damals in jener Zweiteilung Menschen-
anlage war. Hinein kam in den oberen Teil der Erde und somit auch
in den oberen Teil des physischen Menschen die Warme, und bildete
etwas wie einen feurigen Drachen. Aber daruber erhob sich der Ather-
leib, in dem die Kraft der Sonne festgehalten wurde. So haben wir
eine Gestalt, die das Alte Testament recht gut dargestellt hat in der
Gestalt der verfuhrerischen Schlange, die auch ein Amphibium ist.
Nun riickte die Zeit immer mehr heran, in der die niedersten Krafte
herausgeschleudert wurden. Machtige Katastrophen erschutterten die
Erde, und fur den Okkultisten erscheinen die Basaltbildungen als
Uberreste jener reinigenden Krafte, die dazumal den Erdenkorper er-
schiitterten, als der Mond sich von der Erde trennen muBte. Das war
aber auch die Zeit, in der sich immer mehr verdichtete der Wasser-
kern der Erde, und in der allmahlich der feste, mineralische Kern ent-
stand. Die Erde wurde auf der einen Seite verdichtet durch den Her-
ausgang des Mondes, auf der anderen Seite gaben jedoch die oberen
Partien ihre schwereren, groberen Substanzen an die unteren Partien
ab, und oben entstand immer mehr und mehr das, was zwar noch
immer von Wasser durchsetzt war, was aber nach und nach ahnlich
wurde unserer Luft. So bekam die Erde allmahlich einen festen Kern
in der Mitte, und Wasser war darum herum. Zuerst war der Nebel
noch undurchdringlich fur die Sonnenstrahlen, aber dadurch, daB der
Nebel Substanzen abgab, wurde er immer diinner und diinner. Spater,
erst viel spater ist Luft daraus geworden, und allmahlich konnten die
Sonnenstrahlen, die friiher die Erde selbst nicht erreichen konnten,
allmahlich konnten sie durchdringen.
Jetzt kam eine Stufe unserer Erde, die wir uns recht vor die Seele
stellen wollen. Friiher tauchte der Mensch ins Wasser, ragte nur in
Nebel heraus ; jetzt durch die Verdichtung der Erde nimmt der Wasser-
mensch allmahlich die Moglichkeit an, die Form zu verdichten, ein
festes Knochensystem anzunehmen. Der Mensch verhartete sich in
sich selber. Dadurch bildete sich der obere Teil des Menschen so um,
dafi er fur das neu Eingetretene geeignet wurde. Das neu Eingetre-
tene, was friiher unmoglich war, das war die Luftatmung. Jetzt fin-
den wir eine erste Anlage der Lunge. In dem oberen Teil war friiher
das, was das Licht aufnahm, das aber nicht weiterdringen konnte.
Jetzt fuhlte der Mensch wieder das Licht in seinem dumpfen BewuBt-
sein. Er konnte das, was da herunterstrahlte, fiihlen als gottliche
Krafte, die ihm zustromten. Bei diesem Ubergang fuhlte er das, was
ihm zustrahlte, in zwei Teile sich spalten : die Luft drang selbst in ihn
ein, der Hauch der Luft drang in ihn ein, fruher drang das Licht nur
an ihn, jetzt Luft in ihn. Der Mensch, der das fuhlte, muBte sich etwa
sagen : Fruher fuhlte ich die Kraft, die iiber mir ist, als die Kraft, die
mir gab das, was ich jetzt brauche zum Atmen. Licht war mir Atmen.
- Was jetzt in ihn einstromte, war ihm wie zwei Bruder; Licht und
Luft waren fur ihn zwei Briider. Jetzt war es fur ihn eine Zweiheit
geworden : Licht und Luft.
Der Erde Lufthauch, der in den Menschen einstromte, war auch zu
gleicher Zeit die Ankundigung, daB der Mensch etwas ganz Neues
fiihlen lernen muBte. Solange Licht allein war, solange kannte der
Mensch nicht Geburt und Tod. Fruher verwandelte sich die licht-
durchgluhte Wolke, und der Mensch fuhlte das etwa wie das Wech-
seln eines Rockes, er fuhlte nicht, daB er geboren wurde, nicht, daB
er starb, er fuhlte sich ewig, Geburt und Tod nur wie Ereignisse. Mit
dem ersten Atemzuge trat das BewuBtsein von Geburt und Tod ein:
Die Luft, der Lufthauch, der sich abgespaltet hat von seinem Bruder,
dem Lichtstrahl - so empfand der damalige Mensch -, der abgespaltet
hat dadurch auch die Wesen, die fruher mit dem Lichte eingeflossen
sind, der hat mir den Tod gebracht.
Wer war es denn, der da machte, daB das BewuBtsein : Zwar habe
ich eine fmstere Gestalt, doch bin ich verbunden mit dem ewigen
Wesen - wer war es denn, der dieses BewuBtsein vertrieb, totete?
Der Lufthauch, der in den Menschen einstromte - Typhon. Typhon
heiBt der Lufthauch. Und indem die agyptische Seele in sich das er-
lebte, was sich so abgespielt hatte, daB sich der fruher gemeinsame
Strahl spaltete in den Lichtstrahl und den Lufthauch, wurde fur diese
Seele das kosmische Ereignis ein symbolisches Bild, das sich dar-
stellte als Ermordung des Osiris durch Typhon oder Set, den Wind-
hauch.
Ein groBes kosmisches Ereignis ist verborgen im agyptischen
Mythos, der den Osiris getotet sein laBt durch Typhon. Der Agypter
fuhlte den Gott, der von der Sonne kam und der sich noch vertrug
mit seinem Bruder, als Osiris. Typhon war die Atemluft, die dem
Menschen die Sterblichkeit gebracht hat. Da sehen wir an einem der
pragnantesten Beispiele, wie sich die Tatsachen der Weltentwickelung
in der innerlichen Erkenntnis der Menschen wiederholen.
So hat sich abgespielt das Werden der Dreiheit von Sonne, Mond
und Erde. Alles das wurde dem agyptischen Scrriiler mitgeteilt, in tie-
fen, tiefen, bewuBt geformten Bildern.
SECHSTER VORTRAG
Leipzig, 8. September 1908
Mancher von Ihnen wird wohl beim Nachdenken iiber die in den
letzten Tagen angestellten Betrachtungen iiber die Entwickelung unse-
rer Erde und auch im weiteren Sinne des Sonnensystems im Zusam-
menhang mit dem Menschen einem ihm sonderbar erscheinenden
Widerspruch begegnet sein mit vielen iiebgewonnenen Vorstellungen
des Lebens. Mancher wird sich gesagt haben: Nun haben wir da
gestern gehort, die schlechtesten Krafte in der Evolution seien ge-
bunden an den Mond, und erst in dem Momente, als der Mond skh
trennte von der Erde, seien mit ihm die schlechtesten Krafte heraus-
gegangen, und es sei erst dadurch ein solcher Zustand der Erde iibrig-
geblieben, daB der Mensch seine Evolution finden konnte. - Das alles
haben wir nun gehort, wo aber bleibt alle Romantik des Mondes?
Alle jene Poesie, die doch aus wahren Empfindungen entsprang, die
sich bezieht auf alle die wunderbaren Wirkungen des Mondes auf den
Menschen ?
Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer, und er lost sich, wenn
wir die Tatsachen nicht einseitig betrachten, sondern wenn wir die
ganze Summe der Tatsachen vor unsere Seele stellen. Wenn wir aller-
dings heute den Mond auf seine physische Masse priiften, so wiirden
wir finden, daB diese ungeeignet erscheinen wiirde, solches Leben,
wie wir es jetzt auf der Erde haben, auf sich zu haben. Zugleich aber
miissen wir auch sagen, daB auch alles das, was als Atherisches mit
dem Monde und seinen physischen Substanzen verkniipft ist, zu einem
groBen Teil auch solcherart ist, daB es sich als etwas sehr Minderwer-
tiges, als dekadent ausnimmt gegeniiber dem, was als Atherisches in
unserer eigenen Korperlichkeit ruht. Und wenn wir erst dasjenige, was
bei den einzelnen Mondwesen - von denen wir durchaus sprechen
konnen - als Astralisches in Betracht kommt, hellsehend betrachten
wiirden, so wiirden wir uns iiberzeugen konnen, daB gegeniiber dem
Schlimmsten, was auf unserer Erde an niederen Gefuhlen vorhanden
ist, daB dem gegeniiber unzahlig Schlechteres und Minderwertigeres
auf dem Monde ist. So durfen wir also sowohl in bezug auf das Astra-
lische, als auch auf das Atherische, als auch auf das Physische des
Mondes sprechen von Wesen, von Elementen, die ausgeschieden wer-
den muBten, damit unsere Erde ihren Weg frei von schadlichen Ein-
fiussen gehen konnte.
Nun miissen wir uns aber einer anderen Tatsache bewuBt werden.
Wir durfen nicht auBer acht lassen, daB wir iiberall bei dem Schlech-
ten, Bosen nicht stehen bleiben durfen. Denn alles das, was in der
Evolution niedrig, bose wird, alles das unterliegt immer einer bedeu-
tungsvollen Tatsache. So lange es irgend geht, muB alles das, was tief
heruntergestiegen ist in niedere Spharen, durch andere, vollkomme-
nere Wesen gereinigt werden, in die Hohe gebracht und gelautert
werden, so daB es im Haushalt des Universums wieder verwendet
werde. Wenn wir irgendwo eine Stelle im Weltall finden, wo beson-
ders niedrige Wesen sind, so konnen wir sicher sein, daB mit diesen
niederen Wesen andere, hohere verbunden sind, welche eine so groBe
Macht des Guten, Schonen, Herrlichen haben, daB sie geeignet sind,
auch die niedersten Krafte noch zum Guten zu lenken. Deshalb ist es
wahr, daB all das Niedere mit dem Mondendasein verkniipft ist, auf
der anderen Seite aber sind mit ihm wiederum hohe, hochste Wesen
verkniipft. Wir wissen ja schon, daB auf dem Monde zum Beispiel
die hohe, sehr hohe geistige Wesenheit Jahve wohnt. Eine so hohe
Wesenheit, mit einer solchen Macht und Herrlichkeit, hat aber unter
sich in ihrer Tatigkeit groBe, groBe Scharen von dienenden Wesen
guter Art. So daB wir uns vorzustellen haben, daB allerdings das Nie-
derste aus der Erde mit dem Monde herausgegangen ist, daB aber
zugleich diejenigen Wesen, die fahig sind, das Schlechte in Gutes, das
HaBliche in Schones zu verwandeln, mit dem Monde verbunden ge-
blieben sind. Das konnten sie nicht, wenn sie das HaBliche im Erden-
korper lieBen; sie muBten es -herausnehmen. Warum denn aber iiber-
haupt muB das entstehen, was da als HaBliches und Boses existiert?
Es muBte entstehen, weil ohne die Einwirkung des HaBlichen und
Bosen unmoglich etwas anderes hatte zustande kommen konnen: es
hatte der Mensch niemals ein in sich gestaltetes, geschlossenes Wesen
werden konnen.
Erinnern wir uns an die vorige Betrachtung. Da haben wir gesehen,
wie des Menschen niedere Natur im Wasser wurzelte, wie er zur Halfte
in die dunkle Wassererde hineinragte. Da gab es keine Knochen, da
gab es keine feste Menschengestalt. Eine sich metamorphosierende
Form war da, pflanzlich, bliitenahnlich, die Form wechselte immer-
fort. So ware der Mensch geblieben, wenn nicht die Krafte sich so
herausgebildet hatten, wie sie im Monde herausbefordert worden sind.
Ware die Erde nur einzig der Sonne ausgesetzt geblieben, es ware die
Beweglichkeit des Menschenwesens zum hochsten Grade gestiegen,
die Erde hatte ein fur den Menschen unmogliches Tempo eingeschla-
gen ; der Mensch hatte in seiner heutigen Form nicht entstehen kon-
nen. Wiirden dagegen nur die Mondeskrafte gewirkt haben, dann ware
der Mensch sofort erstarrt; seine Gestalt wiirde sich im Augenblick
der Geburt verfestigen, er wurde zur Mumie werden und so verewigt
werden. Zwischen diesen zwei Extremen entwickelt sich der Mensch
heute mitten darinnen : zwischen unbegrenzter Beweglichkeit und dem
Erstarren in der Form. Weil in dem Monde die formenden Krafte sind,
ist auch der physische Mond zur Schlacke geworden. In diese For-
men hineinwirken konnen nur die hohen, starken Wesen, die mit dem
Monde in Verbindung sind. So wirken auf die Erde zwei Krafte : die
Sonnenkrafte und die Mondenkrafte, die einen treibend, die anderen
mumifizierend. Denken Sie sich, ein riesiges Wesen schleppte die Sonne
weg - in dem Augenblick wiirden wir auch alle schon zu Mumien
erstarren, und zwar so sehr, daB wir diese Gestalt nie mehr wiirden
verlieren konnen. Nehmen wir aber an, es schleppte ein Riese den
Mond weg - dann wiirden alle die schonen, gemessenen, abgerundeten
Bewegungen, die wir heute haben, zappelig werden. Wir wiirden in-
nerlich ganz beweglich werden; wir wiirden unsere Hande sich ver-
langetn sehen bis insRiesenmaBige und wieder zuruckschrumpfen.Die
Metamorphosierungskraft wiirde sich bis ins RiesenmaBige steigern.
Jetzt aber ist der Mensch eingeschaltet zwischen diese zwei Krafte.
Nun ist aber auch in diesem Kosmos, nicht nur in den Gestalten
und Substanzen, sondern auch in den Verhaltnissen der Dinge zu-
einander mancherlei aufierordentlich weise eingerichtet. Und wir
werden nunmehr, um uns heute einmal vor die Seele zu fiihren,
welche unendliche Weisheit im Kosmos liegt, ein Verhaltnis be-
trachten, ankniipfend an die Osirisgestalt.
In der Gestalt des Osiris sah der Agypter die Wirkung des Sonnen-
gestirns auf unsere Erde in der Zeit, als noch Nebeldunste urn die
Erde wogten, als noch keine Luft da war, und er sah, daB, als im
Menschen die Luftatmung anfing, dafi in dem Momente die einheit-
liche Wesenheit, Osiris-Set sich trennte. Set oder Typhon bewirkt,
dafi der Lufthauch in uns eingeht. Typhon, der Windhauch, loste
sich von dem Licht der Sonne, und Osiris wirkt nur als Licht der
Sonne. Es ist aber auch derselbe Moment, in dem Geburt und Tod
in das Wesen des Menschen hereinzog. In das, was formend und
entformend war, was bis dahin etwa so war, als ob wir einen Rock
anziehen und ausziehen, war eine groBe Anderung getreten. Wenn
der Mensch damals hatte empfinden konnen, in der Zeit, als noch
nicht die von der Sonne ausgehenden Wirkungen die Erde selbst
verlassen hatten, die Wirkungen, die von jenen hohen Wesenheiten
ausgingen, die spater mit der Sonne hinausgegangen sind, so hatte
er mit Dankbarkeit hinaufgesehen zu diesen Sonnenwesen. Als die
Sonne aber sich nunmehr immer mehr von der Erde trennte, als dann
immer mehr das, was Dunstsphare war - die allerdings damals fur
den Menschen das Reich seiner hoheren Natur war -, sich verfei-
nerte, da bekam der Mensch, der immer weniger die direkte Ein-
wirkung der Sonne wahrnehmen konnte, das BewuBtsein davon, was
die Krafte in seiner niederen Natur waren, und er kam dazu, daB er
dort sein Ich erfaBte. Wenn er in seine niedere Natur untertauchte,
da wurde er sich seiner selbst erst bewuBt.
Warum nun ist die Wesenheit, welche wir als Osiriswesenheit
kennen, verfinstert worden? Das Licht horte mit dem Weggang der
Sonne zu wirken auf, aber Jahve blieb zunachst auf der Erde, bis der
Mond sich trennte. Osiris war der Geist, welcher so die Kraft des
Sonnenlichtes in sich enthielt, daB er spater, als der Mond sich
trennte, mit dem Monde mitging, und die Aufgabe erhielt, vom
Monde aus das Sonnenlicht auf die Erde zu lenken. Zuerst haben
wir also die Sonne herausgehen sehen; Jahve bleibt mit seiner Schar,
mit Osiris in der Erde zuriick. Der Mensch lernt atmen. Zugleich
aber trat der Mond heraus ; Osiris zieht mit dem Monde heraus und
erhalt die Aufgabe, das Sonnenlicht vom Monde zu reflektieren auf
die Erde. Osiris wird in einen Kasten gelegt, das heiBt, er zieht
sich mit dem Monde zuriick. Vorher hatte der Mensch die Osiris-
wirkung von der Sonne her; jetzt erhielt er die Empfindung, daB
das, was ihm fruher von der Sonne kam, ihm jetzt vom Monde zu-
stromte. Der Mensch sagte sich damals, wenn der Mond herunter-
strahlte : Osiris, du bist es, der mir vom Monde das Licht der Sonne
strahlt, das zu deinem Wesen gehort.
Aber dieses Licht der Sonne wird taglich in einer anderen Gestalt
zuruckgestrahlt. Wenn der Mond in schwacher Sichel am Himmel
steht, dann haben wir die erste Gestalt; wenn er am zweiten Tage
gewachsen ist, die zweite, und so durch vierzehn Tage durch haben
wir vierzehn Gestalten bis zum Vollmond. Osiris wendet sich durch
vierzehn Tage in den vierzehn Gestalten der beleuchteten Mondes-
scheibe der Erde zu. Es ist von tiefer Bedeutsamkeit, daB diese vier-
zehn Gestalten, vierzehn Wachstumsphasen, der Mond, das heiBt, Osi-
ris annimmt, um das Licht der Sonne uns zuzustrahlen. Dieses, was
da der Mond tut, das ist im Kosmos gleichzeitig damit verkniipft,
daB der Mensch atmen gelernt hat. Erst als diese Erscheinung in
ihrer Art voll am Himmel war, erst da konnte der Mensch atmen, und
damit war er verkniipft mit der physischen Welt, und es konnte
der erste Keim des Ichs in der menschlichen Wesenheit entstehen.
Die spatere agyptische Erkenntnis hat das alles, was hier geschil-
dert worden ist, empfunden und so erzahlt: Osiris regierte fruher
die Erde, dann aber trat Typhon auf, der Wind. - Das ist die Zeit,
in der die Wasser soweit herabfallen, daB die Luft auftritt, wodurch
der Mensch zum Luftatmer wird. Das OsirisbewuBtsein hat Typhon
besiegt, er hat Osiris getotet, ihn in einen Kasten gelegt und dem
Meere iibergeben. Wie konnte man denn das kosmische Ereignis
bedeutungsvoller ausdrucken im Bilde? Erst regiert der Sonnengott
Osiris, dann wird er hinausgetrieben im Monde. Der Mond ist der
Kasten, der in das Meer des Weltenraumes hinausgedrangt wird;
nunmehr ist Osiris im Weltenraum. Wir erinnern uns nun aber auch
daran, daB in der Sage gesagt wird, daB, als Osiris wiedergefunden
wurde, als er auftauchte im Weltenraum, er in vierzehn Gestalten
erscblen. Die Sage erzahlt: Osiris wurde in vierzehn Glieder zer-
stiickelt und in vierzehn Grabern begraben. Hier haben wir einen
wunderbaren Hinweis in dieser tiefgnindigen Sage auf den kosmischen
Vorgang. Die vierzehn Gestalten des Mondes, die Mondphasen, sind
die vierzehn Stiicke des zerstiickelten Osiris. Der ganze Osiris ist
die ganze Mondscheibe.
Das erscheint ja nun zunachst so, als wenn das alles nur ein Sym-
bolum ware. Wir sehen aber schon, daB das seine wirkliche Bedeutung
gehabt hat. Und jetzt kommen wir auf etwas, ohne das uns niemals
die Geheimnisse des Kosmos klarwerden. Wenn nicht eingetreten
ware eine solche Konstellation von Sonne, Mond und Erde, wenn
der Mond nicht in vierzehn Gestalten erschienen ware, dann ware
etwas anderes nicht eingetreten, denn diese vierzehn Gestalten haben
etwas ganz Besonderes bewirkt. Jede derselben hat einen groBen,
gewaltigen EinfluB auf den Menschen in seiner Entwickelung auf
der Erde gehabt. Nun werde ich Ihnen etwas Sonderbares sagen
miissen, es ist aber wahr. Damals, als das alles noch nicht geschehen
war, als Osiris noch nicht hinausgegangen war, da hatte der Mensch
in seiner Lichtgestalt nicht einmal der Anlage nach etwas, was heute
von groBter Wichtigkeit ist. Wir wissen, daB das Riickenmark sehr
wichtig ist. Von ihm gehen Nerven aus. Diese waren nicht einmal
der Anlage nach vorhanden in der Zeit, als der Mond noch nicht
heraus war. Die vierzehn Gestalten des Mondes, in der Anordnung,
wie sie aufeinander folgen, wurden die Veranlassung, daB sich vier-
zehn Nervenstrange an das Riickenmark des Menschen angliederten.
Die kosmischen Krafte wirkten so, daB den vierzehn Phasen oder
Gestalten des Mondes diese vierzehn Nervenstrange entsprechen. Das
ist die Folge der Osiriswirkung.
Nun entspricht der Mondesentwickelung noch etwas anderes. Diese
vierzehn Phasen sind ja nur die Halfte der Erscheinungen des Mondes.
Der Mond hat vierzehn Phasen vom Neumond bis zum Vollmond und
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond. Wahrend der
vierzehn Tage, die zum Neumond gehen, ist keine Osiriswirkung da.
Da wird der Mond von der Sonne so beschienen, daB er allmahlich
seine unbeleuchtete Flache der Erde als Neumond 2uwendet. Diese
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond haben auch ihre
Wirkung, und diese Wirkung wird fiir das agyptische BewuBtsein
erreicht durch die Isis. Diese vierzehn Phasen werden von der Isis
regiert. Durch die Isiswirkung gehen vierzehn andere Nervenstrange
vom Riiickenmark aus. Das gibt im ganzen achtundzwanzig Nerven-
strange, die den verschiedenen Phasen des Mondes entsprechen. Da
sehen wir den Ursprung ganz bestimmter Glieder des Menschenorga-
nismus, aus den kosmischen Ereignissen heraus. Mancher wird nun
sagen: Das sind ja nicht alle Nervenstrange, das sind ja nur achtund-
zwanzig. - Es waren nur achtundzwanzig, wenn das Mondenjahr mit
dem Sonnenjahr zusammenfiele. Das Sonnenjahr ist aber langer, und
dieDifferenz des Sonnenjahrs gegeniiber demMondenjahrhatdie iiber-
zahligen Nervenstrange bewirkt. So ist dem Menschen eingegliedert
worden in seinen Organismus von dem Monde aus die Isiswirkung
und die Osiriswirkung. Damit ist aber noch etwas anderes verkniipft.
Bis zu dem Moment, als der Mond von auBen zu wirken begann,
gab es noch keine Zweigeschlechtlichkeit. Es gab bis dahin nur einen
Menschen, der sozusagen beides war, mannlich und weiblich. Jene
Trennung geschah erst durch die abwechselnde Wirkung von Isis
und Osiris vom Monde her, und je nachdem die Osirisnerven oder
die Isisnerven eine besondere Wirkung auf den Organismus ausiiben,
je nachdem wird der Mensch mannlich oder weiblich. Eiri Organismus,
in dem vorzugsweise die Isiswirkung herrscht, wird mannlich, ein
Leib, in dem die Osiriswirkung vorherrscht, wird weiblich. Naturlich
wirken in jedem Mann und in jedem Weib beide Krafte, Isis und
Osiris, aber so, daB beim Manne der Atherleib weiblich ist, und bei
der Frau der Atherleib mannlich ist. Hier haben wir etwas von dem
wunderbaren Zusammenhang, wie das Einzelwesen mit den Stel-
lungen im Kosmos zusammenhangt.
Wir haben nun gefunden, daB nicht nur durch die Krafte, sondem
auch durch die Konstellationen der Weltenkorper Einwirkungen auf
den Menschen stattfinden. Unter den Einfliissen dieser achtund-
zwanzig Nervenstrange, die vom Riickenmark ausgehen, bildete sich
alles, was zum mannlichen und weiblichen Organismus gehort. Nun
soli noch etwas angefiihrt werden, womit wir weit hineinleuchten
werden in den Kosmos und die Zusammenhange mit der Entwik-
kelung des Menschen. Diese Krafte formen die Gestalt des Menschen,
aber der Mensch verhartet nicht in ihr; es wird eine Gleichgewichts-
lage geschafFen zwischen Sonnen- und Mondenwirkung. Bei folgen-
dem durfen wir nicht denken, daB wir es zu tun haben mit irgend-
einer Symbolik blofi, wir haben es mit realen Tatsachen zu tun.
Was ist der urspriingliche Osiris, der unzerstiickelte Osiris? Was
ist der zerteilte Osiris? Was vorher noch eine Einheit war im Men-
schen, das ist jetzt zerstiickelt in die achtundzwanzig Nerven. Wir
haben gesehen, wie er in uns selbst zerstiickelt Uegt. Ohne das hatte
niemals bewirkt werden konnen, daB die menschliche Gestalt ent-
standen ist. Was hat sich aber zunachst unter dem EinfluB von Sonne
und Mond gebildet? Zunachst entstand durch das Zusammenwirken
aller der Nervenstrange nicht nur aufierlich Mannliches und Weib-
liches, sondern auch im Inneren des Menschen entstand etwas durch
den EinfluB des mannlichen und weiblichen Prinzips. Es entstand die
innerliche Isiswirkung, und diese innerUche Isiswirkung, das ist die
Lunge. Die Lunge ist der Regulator der Einfliisse des Typhon oder
Set. Und das, was auf den Menschen von Osiris aus wirkt, das wirkt,
indem es die weibliche Wirkung anregt, in mannlicher Art so, daB
produktiv gemacht wird die Lunge durch den Atem. Durch die Wir-
kungen, die ausgehen von Sonne und Mond, wird geregelt das mann-
liche und weibliche Prinzip: in jedem Weiblichen ein Mannliches -
der Kehlkopf; in jedem Mannlichen ein Weibliches - die Lunge.
Innerlich wirkt Isis und Osiris in jedem Menschen, in bezug auf
seine hohere Natur. So ist jeder Mensch doppelgeschlechtlich, denn
jeder Mensch hat Lunge und Kehlkopf. Jeder Mensch, ob Weib
oder Mann, hat gleich viele Nerven. Und nunmehr, nachdem sich
auf diese Weise Isis und Osiris der niederen Natur entrissen haben,
da haben sie den Sohn geboren, den Schopfer des zukunftigen Erden-
menschen. Beide haben hervorgebracht den Horus. Isis und Osiris
haben gezeugt das Kind, gehutet und gepflegt von der Isis: das
menschliche Herz, gehutet und gepflegt von den Lungenflugeln der
Mutter Isis. Hier haben wir in der agyptdschen Vorstellung etwas,
was uns zeigt, daB in diesen alten Mysterienschulen das, was hohere
Natur des Menschen geworden war, als Mannlich-Weibliches ange-
sehen wurde : das, was der Inder als Brahma erkannte. Dem indischen
Schiiler, dem wurde schon im Urmenschen gezeigt, was spater einmal
als jene hohere Gestalt erscheint. Horus, das Kind wurde ihm ge-
zeigt, und es wurde ihm gesagt: das alles ist entstanden durch den
Urlaut, durch die Vac, den Urlaut, der sich differenziert in viele
Laute. - Und das, was der indische Schiiler erlebte, das ist uns er-
halten geblieben in einem merkwiirdigen Spruch im Rigveda. Eine
Stelle steht darinnen, die heiBt: Und es kommen iiber den Menschen
die sieben von unten, die acht von oben, die neun von hinten,
die zehn aus den Griinden des Felsengewolbes und die zehn aus dem
Inneren, wahrend die Mutter sorgt fur das zu trankende Kind. - Das
ist eine merkwiirdige Stelle. Stellen wir uns einmal diese Isis, die ich
als Lunge schilderte, diesen Osiris, den ich geschildert habe als At-
mungsapparat, vor, und denken wir das alles: wie da die Stimme
hineinwirkt, sich differenziert als Kehllaute, Lungenlaute, wie sie in
Buchstaben sich differenziert. Diese Buchstaben kommen von ver-
schiedenen Seiten: sieben kommen von unten aus der Kehle und so
weiter. Das eigentumliche Wirken von allem, was mit unserem Luft-
apparat zusammenhangt, ist darin niedergelegt. Wo der Laut sich dif-
ferenziert und gliedert, da ist die hohere Mutter, die das Kind hegt und
pflegt - die Mutter: die Lunge; das Kind: das unter alien den Ein-
fliissen gebildete menschliche Herz, aus dem die Impulse kommen,
die Stimme zu beseelen.
So zeigte sich fur den Einzuweihenden das geheimnisvolle Wirken
und Weben im Inneren des Kosmos, so baute es sich auf im Laufe
der Zeit. Und wir werden sehen, wie in dieses Gewebe sich die an-
deren Glieder des Menschen hineingebaut haben. So haben wir in die-
ser agyptischen Geheimlehre auch ein Kapitel der okkulten Anatomie,
wie sie getrieben wurde in einer agyptischen Geheimschule, sofern
man von kosmischen Kraften, von kosmischen Wesen und dem Zu-
sammenhang mit dem physischen Leibe des Menschen gewuBt hat.
SIEBENTER VORTRAG
Leipzig, 9. September 1908
Wir haben in den vorhergehenden Vortragen eine groBe Reihe von
Tatsachen vor unsere Seele gestellt, die sich auf die Evolution der
Erde und des ganzen Sonnensystems im Zusammenhange mit der
Natur des Menschen beziehen. Wir haben insbesondere in den letzten
beiden Betrachtungen darauf Rucksicht genommen, jene Tatsachen
der Sonnen-, Erden- und Mondenentwickelung besonders hervorzu-
heben, welche ihre Wiederauferstehung gefunden haben in den agyp-
tischen Mysterien, welche sowohl der Schiiler der agyptischen My-
sterien wie auch das ganze agyptische Volk kennenlernten. Der Schiiler
lernte in seinem hellseherischen Schauen in der Tat alle die Dinge
kennen, die wir angefuhrt haben und die wir durch unsere heutige
Betrachtung erganzen werden. Der grofiere Teil des Volkes, der sich
nicht bis zum Hellsehen erheben konnte, der lernte in einem bedeu-
tungsvollen Bilde das kennen, um was es sich da handelte. Dieses
Bild, das hingestellt wurde als das wichtigste Bild der agyptischen
Weltanschauung, haben wir schon ofter beriihrt. Es 1st das Bild, das
die Osiris- und Isissage einschlieBt. Wir kennen alle dieses Bild, von
dem eigentlich kein Mensch, der etwas weiB, glaubt, daB es etwas Un-
bedeutendes enthalte. Dieses Bild, das vor ihn hingestellt wurde, war
ihm nicht nur ein Bild; und das, was die Isissage in sich einschlieBt,
wird etwa so erzahlt:
Es herrschte in friiherer Zeit lange noch auf Erden, zum Segen
der Menschheit, Osiris, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher
spater charakterisiert ist in dem, daB die Sonne stand im Zeichen
des Skorpion. Da war es, daB der Bruder Typhon oder Set den
Osiris totete. Er totete ihn in der Weise, daB er ihn veranlaBte, sich
in einen Kasten zu legen, welchen er schloB und dem Meere liber-
gab. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, suchte ihren Bru-
der und Gemahl, und als sie ihn gefunden hatte, brachte sie ihn nach
Agypten. Aber da strebte der bose Typhon wieder nach der Ver-
nichtung des Osiris, er zerstiickelte ihn. Isis sammelte nun die ein-
zelnen Teile und begrub sie an verschiedenen Orten. - Man zeigt
audi heute noch in Agypten verschiedene Osirisgraber. - Dann ge-
bar Isis den Horus, und Horus rachte seinen Vater Osiris an Ty-
phon. Osiris wurde wiederum in die Welt der gottlich-geistigen We-
sen aufgenommen, und ist zwar nicht mehr auf der Erde tatig, aber
er ist dort fur den Menschen tatig, wenn dieser zwischen Tod und
einer neuen Geburt in der geistigen Welt weilt. Daher stellte man
sich auch den Weg des Toten in Agypten vor als den Weg zum
Osiris.
Das ist die Sage, die zu den alleraltesten Bestandteilen der agyp-
tischen Lebensauffassung gehort. Wahrend manches darin sich anderte
oder zugefugt wurde, hat diese Osirissage alle Kulte des Agypter-
landes so lange durchzogen, solange uberhaupt die agyptischen Reli-
gionsanschauungen gelebt haben.
Nachdem wir uns diese Sage vor Augen gefuhrt haben, in welche
gedrangt worden ist dasjenige, was als ein wirkliches Geschehnis in
den heiligen Geheimnissen der Mysterienschulen der Schuler schaute,
miissen wir wieder den Blick dahin zuriickwenden, wo wir gestern
schon begonnen haben, uns eine genauere Vorstellung zu machen von
dem, was durch den EinfluB der verschiedenen Mondesgestalten im
Menschen verursacht worden ist. Es ist von den achtundzwanzig
Nervenstrangen gesprochen worden, die wir vom Riickenmark aus-
gehen sehen, die herruhren von den Konstellationen des Mondes
wahrend der achtundzwanzig Tage, die der Mond braucht, um zu
seiner gleichen Gestalt zuriickzukehren. Wir haben das Geheimnis
erforscht, wie durch die kosmischen Krafte im Menschen diese acht-
undzwanzig Nervenpaare gebildet worden sind von auBen. Und nun
bitte ich, folgendes recht wohl zu beachten.
Es soli nun - soweit das moglich ist in einer kurzen Andeutung -
mit moglichster Genauigkeit geschildert werden, was der agyptische
Schuler lernte in bezug auf die Entwickelung des Menschen in einem
noch weiteren Umfange. Von dieser Schilderung werden einige sagen,
welche zu stark angekrankelt sind von der modernen Anatomie: Das
ist ja der reine Unsinn vom heutigen Standpunkte aus. - Diese mdgen
das sagen. Sie sollen sich nur bewuBt sein, daB es die Lehre ist, die
der einzuweihende agyptische Schiiler nicht nur gelernt, sondern auch
hellseherisch geschaut hat. Jetzt spflche ich fur diejenigen, die in
ihren Empfindungen mitgehen konnen. Diese Lehre ist nicht nur
ein Ergebnis friiheren Schauens fiir den Agypter in den Mysterien
gewesen, sondern auch fiir den heutigen, modernen Okkultisten gilt
das als Wahrheit und nimmt sich genau so aus.
Wir wollen das wiederholen, wovon in den letzten Vortrilgen schon
gesprochen worden ist, daB, als die Erde im Beginne ihrer Ent-
wickelung war, sie sozusagen ganz aus lauter Menschenkeimen be-
stand, die den Erdenurnebel bildeten. Sowohl der indische als auch
der agyptische Hellseher konnte geistig heraus sprieBen sehen aus
diesem geistigen Menschenkeim die ganze spatere Menschengestalt.
Alles das, was spater aus diesem Menschenkeim geworden ist, konnte
man dazumal hellseherisch schauen. Aber man konnte auch zuruck-
schauen auf das, was zunachst vom Menschen, aus dem Menschen-
keim heraus entstanden ist. Das erste, was aus diesem Menschen-
keim heraus entstand, als die Sonne noch lange mit der Erde ver-
bunden war, das war in der Tat wie eine Art Pflanze, die den Kelch
wie nach oben offhete. Diese Formen erfiillten sozusagen die ganze
Erde, indem sie sich aus jenem Urnebel heraus bildeten. Aber in der
allerersten Zeit, in der das entstand, wie eine BKitenkrone sich in
den Weltenraum eroffnend, in der allerersten Zeit war diese Krone
kaum sichtbar; man hatte sie nur so wahrnehmen konnen, da6 man
ihre Nahe gespiirt haben wiirde wie einen kelchartigen Warmekorper.
Es war also zunachst ein Warmekorper da. Noch als die Erde mit
der Sonne verbunden war, fing das Innere dieses Menschengebildes
an aufzuleuchten, und es strahlte Lichtstrahlen in den Weltenraum.
Wenn man dazumal als ein mit heutigen Augen sehendes Wesen
wahrgenommen hatte, und sich einer solchen Leuchtform genahert
hatte, so wiirde man etwas wie eine funkelnde, leuchtende Kugel,
wie eine glitzernde Sonne, welche in glimmernden Strahlen in den
Weltenraum funkelte, in regelmaBiger Gestalt gesehen haben. Kaum
wird jemand heute noch ein klares Bild sich machen konnen von dem,
was dazumal war. Er wiirde das nur konnen, wenn er dachte, daB
unsere Erde bei ganz reiner Luft von lauter Leuchtkaferchen er-
fiillt ware und diese ihr Licht hinaussendeten in den Weltenraum.
So etwa wiirde der erste Ansalfe vom Menschen in den Weltenraum
geleuchtet haben, als die Erde noch mit der Sonne verbunden war.
Und nicht nur das war vorhanden, sondern in derselben Zeit unge-
fahr gliederte sich auBen urn dieses Kelchgebilde eine Art Gaskorper.
Es waren darin viele Substanzen aufgelost, so wie heute auch im Tier-
und Menschenleibe sich fliissige und feste Substanzen finden, die
damals aber luftformig waren. Bald aber, nachdem dies entstanden
war, kamen aus der gemeinschaftlichen Erdenmasse auch noch andere
Keime heraus, Keime, welche die erste Anlage wurden zu unserem
heutigen Tierreiche. Das Menschenreich war also das erste, dann ka-
men die Keime, die die Anlage zum Tierreich wurden. Naturlich be-
stand noch die ganze Erde aus einer Luftmasse, aus leuchtenden und
Licht aussendenden Korpern, die in den Weltenraum hineinleuchteten.
Innerhalb dieser Luftmasse kam auch die erste Anlage geschlechts-
loser Tiere heraus, welche auf der untersten Stufe des heutigen Tier-
reiches dazumal standen, und wir werden sehen, daB diese Tiere, die
jetzt in ihrer ersten Anlage entstehen, auch eine gewisse Bedeutung
fur den Menschen erhalten haben.
Es entstanden also die ersten Keimanlagen der Tiere, und es ist uns
vor allem wichtig, daB diese Tiere, die da entstanden, die aller-
dichtesten Gasmassen waren, wie dichte Gaseinschlxisse waren. Diese
Tiere entwickelten sich bis zu einer ge wis sen Hohe herauf durch die
verschiedensten Formen; und als die Sonne eben herausgegangen war
aus der Erde, da war die hochste Tierform die Fischform, aber nicht
die heutige Fischform. Die Form der damaligen Tiere war eine ganz
andere als die der heutigen Fische, aber sie stand auf der betreffenden
Stufe der Fische. Diese haben in der Erdenentwickelung das zuriick-
zubehalten in sich, was man werden konnte, als die Sonne noch in der
Erde war. Die Erde verdichtete sich nun zu der Wassererde, und die
dichtesten Gebilde, die Tiere, schwammen in dieser Wassererde. Nun
trat etwas sehr Eigentumliches ein. Einige dieser Urfischformen blie-
ben Tiere und kummerten sich sozusagen nicht um den Fortschritt
der Evolution. Einige andere waren da, die erhielten ein gewisses Ver-
haltnis zu den Menschengestalten, und zwar folgendes Verhaltnis.
In demselben Augenblicke, als die Sonne herausgegangen war aus
der Erde, da fing auch die Erde an, sich um ihre Achse zu drehen,
so daB sie einmal auf der einen Seite von der Sonne beschienen war,
einmal auf dieser Seite unbeschienen war, so daB Tag und Nacht ent-
stand. Dazumal aber waren die Tage und Nachte wesentlich langer
als heute. In der Zeit, als der Mond noch nicht abgespalten war, da
gliederte sich jedesmal, wenn ein solches Menschengebilde, das damals
wesentlich verdichtet worden war, auf der Sonnenseite war, an diese
Gasmasse etwas von einer solchen Tierform unten in der Wassererde
an. Es verband sich Mensch- und Tierform so, daB wir oben die Men-
schenform haben und nach unten die Tierform; so also, daB hinaus-
ragte der Sonne zu der obere Teil, der nach unten immer schwacher
wurde und an den sich der Tierleib angliederte. Wir haben also dieses
Hinausragen des oberen Teiles iiber die Wassererde; und dadurch,
daB die Sonnenwirkung durch den Bliitenmenschen geht, wirkt sie auf
die inneren Erden- und Mondenkrafte. Weil hier eine Tierform ange-
gliedert wurde an den Menschenleib, die auf der Hohe der Fischstufe
stand, sagte man, die Sonne, die den Menschenleib beschien, stehe im
Zeichen der Fische. Nun Bel ja in der Tat die erste Andeutung dieser
Bildung zusammen damit, daB die Sonne auch am Himmelsgewolbe
im Zeichen der Fische stand, aber sie ging noch oft hindurch durch
dieses Sternbild, bis sich das nachste bildete. Jedoch der Ausgangs-
punkt zu dieser Bildung war der Zeitpunkt, in dem die Sonne auch
am Himmel im Tierkreisbilde der Fische stand. Und von da aus, daB
die Wesen auf der Fischstufe sich damals angliederten an den Men-
schen, bekam das Sternbild den Namen.
Nun geht ja, wie wir wissen, die Entwickelung so vor sich, daB
Mond und Erde einen Korper bilden. Jahve blieb bei der Trennung
von der Sonne bei der Erde mit den Mondkraften, und zu seinen Die-
nern gehorte die Gottergestalt, welche die Agypter als Osiris angespro-
chen haben.
Bis der Mond aus der Erde herausging, gestaltete sich die Ent-
wickelung in hochst eigentumlicher Weise. Wir wissen, die Erde war
eine Wassererde, und die Gestaltung im Wasser erreichte einen immer
niedrigeren Grad in der Zeit, bevor der Mond herausging. Als der
Mond herausging, da stand der Mensch in bezug auf seine niedere
Natur auf der Hohe etwa eines groBen Molches. Das ist das, was die
Bibel die Schlange nennt, was genannt ist Lindwurm oder Drache.
Wahrend der Zeit, als der Mond herausging, hatte sich immer mehr
vom Tierreich in die untere Menschenfbrm hineingebildet. Als der
Mond herausging, da hatte der Mensch unten eine tierartige, hafiliche
Gestalt, oben aber waren die letzten Uberreste einer Lichtgestalt, in
welche die Krafte der Sonne von auBen flossen. Das war den Menschen
geblieben, dafi die Lichtwesen in sie hineinwirkten. Es bewegte sich
schwebend, schwimmend in dem Urmeere der Mensch, der diese
eigentumliche Lichtgestalt herausragen laBt aus der Wassererde. Was
war diese Lichtgestalt? Sie hatte sich mittlerweile umgebildet zu einem
umfassenden, machtigen Sinnesorgan. Als der Mond herausging, hatte
sich die Umwandlung vollendet. Es war so, daB, wenn der Mensch
im Urmeere schwamm, er mit diesem Organ wahrnehmen konnte,
wenn irgendein gefahrliches Wesen in der Nahe war. Namentlich
Warme und Kalte nahm er damit wahr. Dieses Organ ist spater ein-
geschrumpft; es ist heute die sogenannte Zirbeldriise. In der dama-
ligen Zeit bewegte sich der Mensch schwebend, schwimmend in der
Erdenmasse und bediente sich dieses Organs wie einer Art Laterne.
Wir konnen heute noch bei ganz jungen Kindern eine weiche Stelle
am Kopfe finden; das ist die Stelle, wo man etwa zu suchen hatte,
von wo das Organ sich herauserstreckte in den Weltenraum.
Es waren immer hohere Tierformen, die der Mensch in sich auf-
nahm. Und in einem bestimmten Zeitpunkt der Menschengestaltung
nannte man das, was aus den Fischen mittlerweile geworden war, weil
es im Wasser lebte und weil es den Keim des spateren Menschen in
sich hatte, den Wassermann. Eine noch weitere Gestaltung, die sich
herausbildete, war das, was man nennen konnte den Steinbock. Nun
ist das Eigentumliche, daB in der Tat das, was dem Menschen in sei-
nen unteren Gliedern entspricht, wirklich dem jeweiligen Sternbild
den Namen gab. Die FiiBe sind tatsachlich die urspriinglichen Fische ;
die Unterschenkel der Wassermann, das, was eine lange Zeit den Men-
schen befahigte, sich eine Richtung zu geben beim Schwimmen; die
Knie des Menschen finden wir im Zusammenhang mit dem Zeichen
des Steinbocks. Immer mehr entwickelte sich die Tierheit, und das-
jenige, was Oberschenkel geworden war, bezeichnet man als Schiitze.
Es wiirde zu weit fiihren, wenn ich Ihnen den Ausdruck erklaren
wollte.
Wir wollen ein Bild davon geben, wie der Mensch aussah, als die
Tierheit dem Schutzen entsprach. Da war der Mensch ein Tier, das
sich zum ersten Male bewegen konnte auf den Inseln, die sich aus
dem Wasser bildeten. Nach oben wurde der Mensch immer feiner, zu-
oberst blieb tatsachlich die Blutengestalt. Die Gestalt blieb oben er-
leuchtet von einem Organ, das er wie eine Art Laterne auf dem Kopfe
trug. Man wiirde sich die damalige Gestalt des Menschen richtig vor-
stellen, wenn man sie sich oben als atherisch, unten als tierahnlich vor-
stellte. In alteren Abbildungen des Tierkreises sieht man noch das Zei-
chen des Schutzen unten als Tierform, oben als Menschenform. Diese
Zeichen sind etwas, was wiedergibt die Entwickelungshohe, auf der
der Mensch stand, ebenso wie der Kentaur wiedergibt eine wirkliche
Entwickelungsstufe des Menschen: nach unten Pferd, nach oben
Mensch. Das Pferd miissen wir nur nicht wortlich nehmen, sondern
als Reprasentant der Tierheit. Das war das Kunstprinzip in friiheren
Zeiten ; da hat man sich das, was man kunstmaJBig bilden wollte, von
Hellsehern beschreiben lassen oder selbst gesehen. Auch waren Kiinst-
ler selbst Eingeweihte. Man sagt, Homer war ein blinder Seher, das
heiGt, daB er ein Hellseher war. Er konnte zuriickschauen in die
Akasha-Chronik. Der blinde Seher Homer war viel sehender, im gei-
stigen Sinne, als die iibrigen Griechen.
Der Kentaur ist also eine wirkliche Menschenform. Als der Mensch
so aussah, war der Mond noch nicht aus der Erde heraus, da war die
Mondenkraft selbst noch in der Erde. Da war im Menschen noch vor-
handen, was fruher sich gebildet hatte wahrend der Sonnenzeit: die
leuchtende Zirbeldriise, die er damals wie eine Art Laterne auf dem
Kopfe trug. Als dann der Mond aus der Erde herausging, da trat die
Geschlechtlichkeit ein. Der Kentaurmensch war noch ungeschlecht-
lich. Die Geschlechtlichkeit, die eintrat, die trat ein, als die Sonne
stand im Zeichen des Skorpions, und man bringt daher die Sexualitat
im Menschen in Beziehung zu dem Zeichen des Skorpions. Der Skor-
pion ist das, was bei der Tierheit der Entwickelungshohe entsprach,
als der Mensch bis zur Sexualitat entwickelt war. Der Mensch war in
seiner oberen Halfte den kosmischen Kraften zugewendet, in der unte-
ren Halfte aber war er als zweigeschlechtliches Wesen vorhanden. Der
Mensch war Geschlechtsmensch geworden. Wenn nun der hellsehende
Schuler der agyptischen Mysterien sein Auge auf diese Zeit der Erden-
entwickelung richtete, dann sah er die Erde bevolkert von Menschen,
die nach unten eine dichter werdende Leibesform herausbildeten, ihrer
niedrigen Natur entsprechend, und die nach oben aber eine lichte Men-
schengestalt hatten.
Dann begann die Zeit, in der sich eingliederten durch die Krafte
des Mondes langs derjenigen Gegend, die das Riickgrat ausmacht, die
Nervenstrange. Die Bildung iiber dem Ruckgrat, die heutige Kopf-
gegend, war auch verdichtet worden und hatte sich umgebildet zum
menschlichen Gehirn: das war das ganz umgebildete Leuchtorgan.
Daran gliederte sich das Ruckgrat, von dem die Nervenstrange aus-
gingen, und an dieses gliederte sich der niedere Mensch, wie er be-
schrieben worden ist. Das zeigte sich dem agyptischen Schuler, und es
wurde ihm klar, daB, welche Wesenheit auch immer sich verkorpern
wollte auf der Erde, sie die entsprechende Menschengestalt annehmen
mufite. Osiris hat als Geist oft die Erde besucht und sich als Mensch
verkorpert. Die Menschen empfanden dann: Ein Gott ist herabgekom-
men - aber er hatte dann Menschengestalt. Jede hohe Wesenheit, die
die Erde besuchte, war in der Gestalt, die der Mensch jeweilig hatte.
Damals war die Menschengestalt so beschaffen, daB man noch jenen
Leuchtkorper sah, jenen merkwurdigen Kopfschmuck, die Laterne
des Osiris, die bildlich als das merkwiirdige Polyphemauge bezeich-
net worden ist. Das ist jenes Organ, jene Laterne, die erst auBerhalb
des Menschenleibes war, die dann zu einem inneren Organ im Gehirn
sich umbildete. Alles in der ursprunglichen Kunst ist Symbol fur tat-
sachliche Gestalten.
Als die griechischen Eingeweihten bekannt wurden mit diesen Ge-
heimnissen der Agypter, hatten sie auch schon manches erfahren : im
Grunde dasselbe wie der agyptische Eingeweihte. Sie benannten es
nur in ihrer Sprache anders. Die Eingeweihten der Agypter hatten die
hellseherischen Gaben in einem hohen MaBe ausgebildet, so daB viele
ihrer Schuler in jene uralten fernen Zeiten hellseherisch zuriickblicken
konnten. Der agyptische Eingeweihte hatte einen urspriinglichen Zu-
sammenhang mit jenen Geheimnissen; daher kam es auch, daB dem
agyptischen Eingeweihten griechische Priester wie kindliche Stamm-
ler vorkamen. Bezeichnend ist daher das Wort, das einst ein agyp-
tischer Priester, der mit Solon zusammentraf, aussprach, indem er
sagte : O Solon, Solon, ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, einen
alten Hellenen gibt es nicht! Jung seid ihr alle im Geiste, denn ihr
habet in demselben keine auf vieljahrige Oberlieferung gegriindete alte
Ansicht, noch irgendeine durch die Zeit ergraute Kunde.
So wies der Agypter darauf hin, daB die agyptische Weisheit hoch
erhaben dariiberstand iiber dem, was materiell erfahren werden kann.
Nur in den eleusinischen Mysterien war man ebensoweit, aber es hatten
nur wenige Teil daran. Aber was fur jene Strecken der Erdenent-
wickelung der agyptische Eingeweihte sah : daB sich der Gott Osiris
von der Sonne getrennt hatte und auf den Mond gegangen war und
von dorther das Sonnenlicht zuruckstrahlte - das, was dieser Gott tut,
das war auch den Griechen heilig. Auch sie wuBten, daB dieser Gott
Osiris es ist, der die achtundzwanzig Mondesgestalten bildet und da-
durch die achtundzwanzig Nervenstrange im Menschen veranlagt.
Durch Osiris wird das Nervensystem gebildet am Riickenmark her-
unter und dadurch der ganze menschliche Oberkorper geformt. Denn
das, was als Muskel entsteht, kann seine Form nur erhalten dadurch,
daB die Nerven die Bildner sind. Alles nun, was da ist an Muskeln,
Knorpeln, an anderen Organen, wie Herz und Lunge, alle diese erhal-
ten ihre Form nur durch die Nerven. So ist durch die fruhere Sonnen-
tatigkeit entstanden, was sich gebildet hat als Gehirn und Riicken-
mark, und an diesem Riickenmark arbeiten von auBen die achtund-
zwanzig Gestalten des Osiris und der Isis. Also sind Osiris und Isis
ihre Bildner, und indem das Gehirn seine Fuhlfaden heruntersendet
in das Riickenmark, da bearbeitet Osiris das Riickenmark. Das emp-
fanden auch die Griechen, und die Griechen erkannten, als sie bekannt
wurden mit den agyptischen Mysterien, daB Osiris derselbe Gott war
wie der, den sie Apollo nannten. Sie sagten, der agyptische Osiris ist
Apollo, und wie er an den Nerven tatig war, damit im Inneren des
Menschen das Seelenleben bewirkt wurde, so tut es unser Apollo.
Und nun nehmen wir uns skizzenhaft diese Gestaltung heraus. Den-
ken wir uns das Gehirn schematisch gezeichnet: das setzt sich fort ins
Riickenmark, da greifen ein die achtundzwanzig Hande des Osiris, da
spielt der Osiris mit seinen achtundzwanzig Armen in dem, was als
Riickenmark vom Gehirn sich herunterzieht, wie auf einer Leier. Die
Griechen gaben davon ein bedeutungsvolles Bild: das ist die Leier des
Apollo. Man braucht sich das bloB umgekehrt zu denken. Die Leier
ist das Gehirn, die Nerven sind die Saiten, in welche die Hande des
Apollo eingriffen. Apollo spielt auf der Weltenleier, auf dem groBen
Kunstwerke, das der Kosmos gebildet hat, und laBt im Menschen er-
klingen die Tone, die sein Seelenleben ausmachen. Das war fur die
eleusinischen Eingeweihten das, was die Agypter in ihren Bildern ge-
geben haben.
Aus einem solchen Bilde konnen wir ersehen, daB diese nicht sche-
matisch gedeutet werden diirfen, sonst wiirde man nur etwas hinein-
phantasieren. Denn man wird in der Regel erleben, daB die Bilder in
der Tat viel defer sind als das, was man irgendwie durch den Ver-
stand hineintraumen kann. Wenn der griechische Hellseher von
Apollo sprach, dann hatte er das Geheimnis des Osiris-Apollo und
des Menschheitsinstrumentes vor sich. Und Osiris stand vor dem
agyptischen Schiiler, wenn er eingeweiht wurde in die Geheimnisse
des Erdendaseins. So miissen wir uns sagen, daB diese Symbole, daB
diese Bilder, die uns erhalten sind, welche das charakterisieren, was
aus den Urgeheimnissen entnommen ist, daB all die Ausdriicke der
Urgeheimnisse viel mehr bedeuten als etwas, was man mit dem Ver-
stande deuten kann. Gesehen wurde diese Leier, gesehen wurden die
Hande des Apollo. Und daB wir jedes Symbolum auf irgendein wirk-
liches Gesicht, auf eine reale Schauung zuruckfuhren, darauf kommt
es an, das ist das Wesentliche. Denn es gibt kein Symbol, keine
Legende, die nicht geschaut worden ware.
Der agyptische einzuweihende Schiiler konnte erst nach langer,
langer Zeit zu solchen Geheimnissen dringen. Der Schiiler wurde erst
durch eine ganz bestimmte Lehre vorbereitet, die eine ahnliche war
wie unsere elementare Theosophie. Dann wurde er erst zu den eigent-
lichen Ubungen zugelassen. Da erlebte er Zustande einer Art Ekstase,
die noch kein eigentliches Hellsehen war, aber die mehr war als ein
Traum. In ihr sah er das, was er spater im Bilde sehen sollte. Wahr-
haftig, dieses Hinausgehen des Mondes und mit ihm des Osiris, dieses
Arbeiten desselben vom Monde aus auf die Erde herunter, das sah
der Schiiler als gewaltigen lebendigen Traum. Er traumte in der Tat
die Osiris-Isislegende. Jeder Schiiler traumte diesen Osiris-Isistraum.
Er mufite ihn traumen. Hatte er ihn nicht getraumt, er hatte nicht zur
Anschauung der wahren Tatsachen kommen konnen. Durch das Bild,
durch die Imagination, mufite der Schiiler hindurchgehen. Die Osiris-
und Isislegende wird innerlich durchlebt. Diese ekstatische Seelenver-
fassung war eine Art Vorstufe zum wahren Schauen, das Vorspiel
zum Schauen dessen, was sich in der geistigen Welt abspielt. In der
Akasha-Chronik konnte der Schiiler das, was heute beschrieben wurde,
nur lesen, wenn er in einen so hohen Grad eingeweiht war, wie wir
es heute nur angedeutet haben, und von dem wir morgen weiter reden
wollen. Dann wollen wir auch von den anderen Bildern des Tierkrei-
ses und ihrer Bedeutung sprechen.
ACHTER VORTRAG
Leipzig, 10. September 1908
Wir haben nunmehr bedeutungsvolle Entwickelungsvorgange des
menschlichen Organismus kennengelernt. Wir haben diesen Organis-
mus verfolgt von seiner Entstehung an bis zu dem Zeitpunkt, in dem
sich der Mond von der Erde entfernt hat. Wenn man « Zeitpunkt »
sagt, so ist das natiirlich in ungenauem Sinne gesprochen, denn diese
Vorgange nehmen recht lange Zeitraume in Anspruch. Von dem
ersten Moment, wo der Mond anfing Miene zu machen, herauszu-
gehen, bis zum letzten, wo er sich vollstandig herausgelost hatte, ver-
flossen lange Zeitraume, und mancherlei ging in der Entwickelung
wahrenddem noch vor sich. Ungefahr aber haben wir den Menschen
bis zum Herausgehen des Mondes betrachtet. Diese Gestalt des Men-
schen haben wir verstanden, die Gestalt, die nach unten hin, ungefahr
von der Mitte des menschlichen Leibes ab, von der Hufthohe etwa,
schon eine Gestaltung zeigte, die der heutigen nicht ganz unahnlich
ist. Man wiirde mit heutigen Augen immerhin schon, wenn auch als
weiche Teile, diesen Leib haben sehen konnen, wahrend die oberen
Teile nur fur ein hellseherisches BewuBtsein zu schauen gewesen
waren. Wir haben schon darauf hingewiesen, wie Sage, Religion und
Kunst in dem Kentaur etwas von der damaligen Menschennatur er-
halten haben. Und in den einzelnen Teilen des Leibes haben wir Glie-
der des Menschen kennengelernt, weiche sich allmahlich entwickelt
haben zu den FiiBen, Unterschenkeln, Knien, Oberschenkeln, die uns
damals reprasentieren die Tierformen unserer Erde, solche Tierfor-
men, die aber auf einer bestimmten Entwickelungsstufe stehengeblie-
ben sind, iiber weiche der Mensch aber hinausgeschritten ist. Nun wol-
len wir uns dariiber einmal ganz genau verstandigen.
In den uralten Zeiten, als die Sonne erst herausging, da waren noch
keine Tierformen entstanden. Als die Sonne herausgegangen war, war
die hochste Form der damaligen Tiere eine Art von Tieren, weiche
auf der Stufe der heutigen Fische standen. Wenn nun gesagt wird, daB
die menschlichen FiiBe dieser Fischform entsprechend waren, und
wenn wir die FiiBe mit den Fischen im Zusammenhange gesehen
haben, was bedeutet das eigentlich? Das bedeutet, daB damals solche
Gestalten zuruckgeblieben sind, die wie die Fische herumgeschwom-
men sind in der Wassererde, da6 in der Zeit vom Menschen physisch
wahrnehmbar nut die FiiBe ausgebildet waren. Das andere war in fei-
ner atherischer Form nur vorhanden. Das, was geschildert worden
ist als die Kelchform oder Bliitenform, das Leuchtorgan, war ganz
atherisch, eine durchleuchtete Luftform, und nur der unterste Teil des
Menschen war so, daB er wirklich die Wassererde durchsetzte wie die
Fische, die zuruckgeblieben sind. Danach gab es hohere Tiere, die fest-
gehalten werden dadurch, daB man im Bilde spricht vom Wassermann,
dem Menschen, der den Korper bis zum Unterschenkel herauf sicht-
bar erhielt. Es hat sich der Mensch also so gebildet, daB er auf jeder
Stufe seines Daseins gewisse Tierformen zuriicklieB, iiber die er nach
und nach hinausschritt.
Und als der Mond sich zu entfernen anfing, war der Mensch so weit,
daB er zwar die untere Halfte, die niedere Natur schon physisch aus-
gebildet hatte, die obere Natur aber in sich ganz bildungsfahig war.
Dann haben wir gesehen, wie vom Monde aus eingreift das, was wir
in der Wirkung des Mondlichts in der Gestalt kennengelernt haben,
welche die Agypter Osiris genannt haben, was durch die verschiedene
Gestaltung des Mondes einwirken kann auf den Menschen, und wie
da eingegliedert wird vom Monde aus das, was das wichtigste Gebilde
des Oberleibes ist, die Nerven, die die Veranlasser des heutigen Ober-
leibes sind. Die Nerven, die vom Ruckenmark ausgehen, die bildeten
den Oberleib aus. Da kommt durch jene Tone, die Osiris-Apollo auf
der Menschenleier spielt, zunachst des Menschen Mitte, die Hiiften-
mitte zur Ausbildung. Alles das, was hat stehenbleiben miissen auf
diesem Punkte, iiber den da der Mensch hinausschritt, das ist stehen-
geblieben in der Weiterentwickelung bei der Amphibienform.
Solange der Mond mit der Erde verbunden war, hat er die Ent-
wickelung des Menschen mehr oder weniger herabgetrieben. Die
Form der Fische stand mit der Sonne noch in einem Zusammenhang,
daher kommen die heutigen Empflndungen des gesunden Menschen
den Fischen gegenviber. Bedenken wir, welche Freude es dem Men-
schen machen kann, wenn er einen schonen, glanzenden Fischleib,
wenn er schone, leuchtende Wassertiere sieht, wie ihn diese Formen
erfreuen konnen, und denken wir daran, wie der Mensch ein Gefiihl
von Antipathie empfindet, wenn er das sieht, was zwar hoher stent
als die Fische, was als Amphibium, als Frosch, Krote, Schlange kriecht
und sich herumwindet. Zwar sind die heutigen Amphibien ganz in
die Dekadenz gekommene Formen der damaligen Zek, aber solche
Formen hatte der Mensch einmal in seiner unteren Leiblichkeit. So-
lange der Mensch nur seine untere Leiblichkeit hatte, bis zur Hufte,
war er nur eine Art Lindwurm, erst spater bildete er vom Oberleib
aus, als dieser sich fest herausformte, das menschliche Untere um.
Wir konnen sagen: die Fischgestalt gibt wieder die Form, auf deren
Hohe der Mensch stand durch jene Krafte, die er noch bekam, als
die Sonne noch mit der Erde vereint war; bis dahin, als die Sonne
herausging, stand der Mensch auf der Hohe der Fische.
Nun gingen die groBen Wesen, die Fiihrer der Evolution, indem
sie ihre Sonne gestalteten, hinaus, um sich erst in einer viel spateren
Zeit wieder mit der Erde zu vereinigen. Und einer der Geister, der
mit ihr hinausging, der hochste der lenkenden Sonnengeister, ist Chri-
stus. Da stehen wir vor einem Ereignis, demgegenuber wir ein tiefes
Gefiihl von Ehrfurcht empfinden, wenn wir erfahren, daB bis dahin
der Mensch vereint war mit der Wesenheit, die da einst als edelster
Geist mit der Sonne aus der Erde fortging. Man hat empfunden, daB
man durch die Fischgestalt einmal charakterisieren konnte die Zeit
des: Herausgehens der Sonne aus der Erde und dann die Gestaltung
durch den Christus selbst. Friiher war der Mensch in der Erde mit der
Sonne verbunden, und als sie fortging, sah er die Gestalt, die er den
Sonnengeistern verdankte, bewahrt in der Fischgestalt. Als er weiter-
schritt, waren die Sonnengeister nicht mehr bei ihm. Der Christus ist
herausgegangen aus der Erde damals, als der Mensch Fischgestalt
hatte. Diese Gestalt ist nun festgehalten von den Eingeweihten der
ersten christlichen Entwickelung. In den romischen Katakomben war
dieses Fischsymbolum als das Symbolum des Christus vorhanden, und
es sollte erinnern an das groBe kosmische Ereignis der Entwickelung
in der Zeit, als noch mit ihnen vereinigt war in der Erde der Christus.
Bis zur Fischform war der Mensch vorgeschritten, als die Sonne sich
trennte : die ersten Christen empfanden den Hinweis auf die Menschen-
Christus-Gestalt im Fischsymbol als etwas ungeheuer Tiefes. Wie weit
ist solch ein bedeutendes Zeichen, das wir erblicken als ein Symbo-
lum einer kosmischen Entwickelungsepoche, wie weit ist es entfernt
von jenen auBerlichen Auslegungen, die oft gegeben werden. Es waren
die wahren Symbole solche, die sich auf geistige, hohere Realitaten
beziehen. Den ersten Christen «bedeuteten» sie nicht nur etwas. Ein
solches Symbol ist ein Bild von diesem oder jenem, was man wirklich
schauen kann in der geistigen Welt, und kein Symbolum ist richtig
gedeutet, bevor man nicht hinweisen kann auf das, was dafiir in der
geistigen Welt zu erschauen ist. Alle Spekulation hat hochstens einen
vorbereitenden Zweck; der Ausdruck «es bedeutet» ist noch nicht
zutreffend, sondern das Symbolum erkennt man erst wirklich, wenn
man zeigt, daB darin ein geistiger Tatbestand abgezeichnet ist.
Nun wollen wir in der Menschheitsentwickelung weitergehen. Die
verschiedensten Formen hat der Mensch angenommen, und als er bis zur
Hufthohe sich entwickelt hatte, da war er am haBlichsten in seiner phy-
sischen Form. Diese Form, die der Mensch damals hatte, ist dekadent
erhalten in der Schlange. Die Zeit, in welcher der Mensch es bis zur
Amphibiumform gebracht hatte, als der Mond noch in der Erde war,
das ist die Zeit der Schande, des Verderbens in der Entwickelung der
Menschheit.Ware der Mond damals nicht hinausgegangen aus der Erde,
dann ware das Menschengeschlecht einem grauenhaften Schicksale ver-
fallen, dann ware es immer mehr in die Form des Greulichen, Bosen ge-
fallen. Daher ist die Seelenempfindung, die das naive, unverdorbene
Gemiit hat gegeniiber der Schlange, die jene Gestalt festhalt, wo der
Mensch am tiefsten stand, diese Empfindung der Antipathie etwas, was
seine voile Berechtigung hat. Gerade das unverdorbene Gemiit, das
nicht sagt, es sei in dem Natiirlichen nichts HaBliches, das empfindet
Abscheu vor der Schlange deshalb, weil sie das Dokument der Men-
schenschande ist. Das ist nicht im moralischen Sinne gemeint, sondern
deutet hin auf den tiefsten Punkt der Entwickelung der Menschhek.
Nunmehr muBte der Mensch iiber diesen Tiefstand hinausgelangen.
Er konnte das nur, indem er die Tierform verlieB und indem er auch
seinen geistigen, ober en Teil anting zu verdichten. Wir haben gesehen,
daB alle edleren Teile sich entwickeln konnten nur durch die Einwir-
kung der Isis- und Osiriskrafte. Damit die Osiriskrafte in ihm wirkten,
damit der edlere Teil sich entwickelte, handelte es sich zunachst um
etwas sehr Wichtiges : darum, daB der obere Teil des Menschen die
Moglichkeit fand, das Ruckenmark aus der horizontalen Lage in die
vertikale Lage zu bringen. Das alles geschah durch den EinfluB der
Isis und des Osiris. Von Stufe zu Stufe wurde der Mensch gefuhrt von
Sonne und Mond, die sich die Waage hielten. Als der Mensch bis zur
Halfte physisch geworden war, da hielten sich Sonne und Mond die
Waage ; daher wird die Huftrnitte als die Waage bezeichnet. Die Sonne
war damals zugleich im Zeichen der Waage.
Nun darf man sich nicht vorstellen - das muB ausdrucklich beachtet
werden -, daB nachdem die Sonne im Zeichen des Skorpion gestan-
den hatte und darauf im Zeichen der Waage, daB auch gleich darauf
die Hufte sich entwickelt hatte. Dann wiirde man den Gang der Ent-
wickelung sich viel zu schnell vorstellen. Die Sonne durchlauft in einer
Zeit von 25 920 Jahren den ganzen Tierkreis. Die Sonne ging einmal
im Friihling auf im Widder, vorher im Zeichen des Stieres. Der Friih-
lingspunkt riickte immer weiter ; die Sonne durchmaB mit ihrem Friih-
lingspunkt das Sternbild des Stieres und so weiter. Ungefahr 747 vor
Christi Geburt trat die Sonne wieder in den Widder; in unserer Zeit
geht sie im Friihling im Sternbild der Fische auf. Nun bedeutet die
Zeit, in der die Sonne durch ein Sternbild geht, schon etwas, aber
es wiirde ein solcher Zeitraum nicht ausreichen fur jene Verande-
rung, die vorgehen muBte, damit der Mensch von der Sexualitat unter
dem Zeichen des Skorpion bis zur Hohe der Hiiftentwickelung unter
dem Zeichen der Waage fortschritt.
Man wiirde eine falsche Vorstellung haben, wenn man dachte, daB
das durch einen Durchgang der Sonne geschieht. Die Sonne geht ein-
mal ganz herum durch den Tierkreis, und erst nach diesem ganzen
Umlauf geschieht der Fortschritt. In fruheren Zeiten muBte sie noch
ofter umlaufen, bis ein Fortschritt geschah. Deshalb darf man nicht
jene bekannten Zeitrechnungen der nachatlantischen Epoche fur altere
Epochen anwenden. Die Sonne muBte erst ganz herumgehen, in alte-
ren Zeiten sogar mehrmals, bevor die Entwickelung ein Stiick nach
aufwarts riickte. Fur diejenigen Glieder, die eine starkere Ausbildung
notig hatten, dauerte eben die Zeit langer. - Immer hoher steigt der
Mensch nun durch diese Entwickelung. Die nachste Stufe, wo das,
was man als untere Glieder des menschlichen Rumpfes bezeichnet, ge-
bildet wurde, bezeichnet man mit dem Zeichen der Jungfrau.
Wir werden die Entwickelung am besten verstehen, wenn wir uns
dariiber klar sind, da6, wahrend der Mensch immer menschenahn-
licher wird, daB da wieder auf gewissen Stufen tierische Wesenheiten
stehenblieben. So ist schon einmal gesagt worden, daB der Mensch
auch Lunge und Herz und Kehlkopf durch die Einwirkung der Mon-
deskrafte entwickelt hat. Ich habe auch gezeigt, inwiefem Osiris und
Isis daran beteiligt sind. Nun miissen wir uns klar sein, dafi die hdhe-
ren Organe des Menschen, wie Herz, Lunge, Kehlkopf und so weiter,
da6 alle diese Glieder sich nur ausbilden konnten dadurch, daB die
hoheren Glieder des Menschen: Atherleib, Astralleib und auch das
Ich, als die eigentlichen geistigen Glieder des Menschen schon in be-
stimmter Weise mitwirkten. Viel mehr als in den vorhergehenden
Epochen wirkten seit dem Standpunkt, der erreicht war in der Waage,
diese hoheren Glieder mit. Daher konnten die mannigfaltigsten For-
men entstehen. Es konnte zum Beispiel der Atherleib besonders stark
wirken, oder der Astralleib, oder sogar das Ich. Ja, es konnte auch
vorkommen, daB der physische Leib ein Ubergewicht hatte iiber die
drei anderen Glieder. Es bildeten sich dadurch vier Menschentypen
aus. Es bildeten sich eine Anzahl solcher Menschen, die den physi-
schen Leib besonders ausgebildet hatten. Dann gab es Menschen, die
vom Atherleib aus ihr Geprage erhalten hatten, auch Menschen, deren
astrale Natur vorherrschte. Auch Ich-Menschen gab es, ausgepragte
Ich-Menschen. In jedem Menschen stellte sich also das dar, was in ihm
vorwiegend war.
In den alten Zeiten, als diese vier Formen entstanden, da wiirde
man grotesken Gestalten begegnet sein, und der Hellseher entdeckt
dann das, was in den verschiedenen Typen vorhanden war. Es gibt
Darstellungen, die allerdings weniger offentlich sind, in denen die Er-
innerung daran erhalten geblieben ist.
Bei den Menschen zum Beispiel, bei denen die physische Natur
besonders stark wurde und auf die oberen Teile gewirkt hatte, bei
denen druckte sich das in ihrem oberen Teil als Geprage aus. Es hatte
dann etwas sich gebildet, was der niederen Bildung ganz angepaBt
war, und durch das, was da tatig war, kam die Gestalt heraus, die wir
festgehalten sehen in dem apokalyptischen Bilde des Stieres; nicht
eines heutigen Stieres, der ist eine dekadente Form. Das was in einer
gewissen Zeit vorwiegend vom physischen Leibe bestimmt war, ist auf
der Stufe der Stierheit stehengeblieben. Das hat also im Stier seinen
Reprasentanten und in all dem, was zu dieser Tiergattung gehort:
Kiihe, Rinder und so weiter.
Die Menschengruppe, bei welcher der physische Leib nicht so stark
ausgepragt war, sondern der Atherleib, bei denen insbesondere alles
das stark wurde, was man dem Herzen mehr zugeneigte Teile des
Rumpfes nennen mochte, diese Menschenstufe ist auch in der Tierheit
erhalten. Diese Stufe, uber die der Mensch hinausschritt, ist im Lowen
erhalten. Der Lowe erhalt in sich den Typus, der sich herausgebildet
hat aus der Gruppe der Menschen, bei denen der Atherleib intensiv
wirksam war.
Jene Menschenstufe, bei der der Astralleib den Atherleib und den
physischen Leib uberwaltigt hat, diese Gruppe ist uns - freilich ent-
artet - in dem beweglichen Vogelgeschlecht erhalten und ist in der
Apokalypse im Bilde des Adlers dargestellt. Die vorwiegende Astrali-
tat ist hier abgestoSen; sie erhob sich vom Boden als das Vogelsein.
Und da, wo das Ich stark wurde, da entwickelte sich ein Wesen,
das in der Tat genannt werden darf eine Vereinigung der drei ande-
ren Naturen, weil das Ich alle drei GHeder harmonisierte. Bei dieser
Gruppe hat der Hellseher in der Tat das vor sich, was in der Sphinx
festgehalten ist, wo die Sphinx insbesondere den ausgepragten Lowen-
leib hat, dann die Adlerflugel, aber auch etwas Stierartiges - bei den
altesten Darstellungen der Sphinx war sogar der Reptilienschwanz
vorhanden, der auf die alte Reptiliengestalt hinweist -, und nach vorne
haben wir die Menschengestalt, die die anderen Teile harmonisiert.
Das sind die vier Typen, in denen in der atlantischen Zeit aber das
Menschliche iiberwiegt, indem sich erst nach und nach, zu immer gro-
Berer Einheit, aus der Adlerhaftigkeit, der Lowenhaftigkeit und der
Rinderhaftigkeit die Menschengestalt bildete, die diese Naturen in sich
harmonisierte. Sie bildeten sich in eins urn in die voile Menschenge-
stalt, und diese bildete sich nach und nach zu der Gestalt um, wie sie
in der Mitte der Atlantis vorhanden war.
Da geschah nun noch etwas durch alle diese Vorgange. Wir den-
ken uns, daB sozusagen harmonisch ineinander aufgingen vier ver-
schiedene Elemente, vier Gestalten im Menschen. Das eine ist da im
physischen Leib, in der Stiernatur : es sind die iiberwiegenden Krafte,
die bis zur Evolutionsepoche der Waage sich bildeten; dann haben
wir im Atherleib die Lowennatur; dann im Astralleib, in den iiber-
wiegenden Kraften des Astralen, die Adler- oder Geiernatur, und end-
lich die iiberwiegenden Krafte des Ich, die eigentliche Menschennatur.
Irgendeins von diesen vier Gliedern hatte bei den einzelnen Wesen
die Oberhand bekommen. Dadurch entstanden die vier Typen. Aber
noch andere Kombinationen konnte man antrefFen. So zum Beispiel
konnte der physische Leib, der Astralleib und das Ich gleichmaBig
herrschen und die Oberhand iiber den Atherleib haben. Das ist ein be-
sonderer Typus der Menschheit. Dann gab es Wesen, bei denen die
Oberhand hatten der Atherleib, der Astralleib und das Ich, wahrend
der physische Leib weniger ausgebildet war, so daB wir solche Men-
schen haben, bei denen die Oberhand iiber den physischen Leib die
hoheren Glieder haben. Diejenigen Menschen, bei denen physischer
Leib, Astralleib und Ich die Oberhand hatten, das sind die physischen
Vorfahren der heutigen Manner, und diejenigen Menschen, bei denen
der Atherleib, der Astralleib und das Ich die Oberhand hatten, das
sind die physischen Vorfahren der heutigen Frauen. Die anderen
Typen verschwanden immer mehr und mehr, nur diese beiden blieben
und bildeten sich aus zu den mannlichen und weiblichen Formen.
Wodurch war denn das moglich, daB allmahlich sich gerade diese
beiden Formen herausbildeten? Das geschah wiederum durch die ver-
schiedene Art der Einwirkung von den Isis- und Osiriskraften.
Wir haben gesehen, daB sich uns in den Neumondphasen, dann,
wenn der Mond finster ist, das Isisprinzip charakterisiert, aber daB
Osiris in den leuchtenden Vollmondphasen charakterisiert ist. Isis und
Osiris sind geistige Wesen auf dem Monde, aber ihre Taten finden wir
auf der Erde. Wir finden sie auf der Erde, weil durch diese Taten
sich die Menschenrasse in zwei Geschlechter teilte. Die weiblichen
Vorfahren der Menschen wurden gebildet durch die Wirkung des
Osiris, die Vorfahren der Manner wurden gebildet durch die Wirkun-
gen der Isis. Die Wirkung von Isis und Osiris auf die Menschheit
geschieht durch die Nervenstrange, durch deren Einwirkung die
Menschheit gebildet wird in einen mannlichen und einen weiblichen
Teil. Das wird in der Sage dadurch dargestellt, daB Isis den Osiris
sucht; das Mannliche und das Weibliche suchen sich auf der Erde.
Wir sehen immer wieder, daB in diese Sagen hineingeheimniBt sind
wunderbare Vorgange der kosmischen Entwickelung.
Erst als die Waage iiberschritten war, bildeten sich allmahlich in
den oberen Gliedern des Menschen die DifFerenzierungen heraus, die
wir mit mannlich und weiblich bezeichnen. Der Mensch ist viel langer
eingeschlechtlich geblieben als die Tiere. Was bei den iibrigen Tieren
schon langst geschehen war, das trat hier beim Menschen jetzt erst ein.
Es gab eine Zeit, in der sozusagen eine einheitliche Menschengestalt
da war, in der nichts da war von jener Fortpflanzungsart, wie sie sich
spater ausbildete, in der die Natur des Menschen noch beide Ge-
schlechter in einer Wesenheit darstellte. «Und Gott schuf den Men-
schen mannlich- weiblich » steht in der Bibel, nicht «ein Mannlein und
ein Fraulein». Er schuf beide in einem. Die denkbar schlechteste
Ubersetzung ist es, wenn gesagt wird: er schuf «ein Mannlein und
ein Fraulein». Denn das ist ohne Sinn den wirklichen Tatsachen
gegeniiber.
So blicken wir in eine Zeit, in der die menschliche Natur noch
eine Einheit war, wo jeder Mensch jungfraulich gebarend war. Diese
Stufe der Menschheitsentwickelung stellt uns die agyptische Tradition
aus dem Schauen der Eingeweihten heraus dar. Ich habe schon dar-
auf hinweisen konnen, daB die alteren Darstellungen der Isis folgende
sind : Isis nahrt den Horus, hinter ihr aber steht noch eine zweite Isis
mit Geierflugeln, eine Isis, die dem Horus das Henkelkreuz reicht, zur
Hindeutung darauf, daB der Mensch aus einer Zeit stammt, als diese
Typen noch getrennt waren, so daB spater in den Menschen auch die
andere astralische Wesenheit eingetaucht ist. Diese zweite Isis deutet
darauf hin, wie einstmals das astralische Element vorherrschte. Das,
was spater mit der Menschenform vereinigt ist, wird uns hier dar-
gestellt hinter der Mutter als die Astralgestalt, die Geierfliigel gehabt
haben wiirde, wenn sie nur der Astralitat gefolgt ware. Die Zeit aber,
in der der Atherleib iiberwog, wird dahinter, in einer dritten, lowen-
kopfigen Isis dargestellt. Diese dreifache Isis wird uns so aus tiefem
Schauen heraus dargeboten.
Von diesem Gesichtspunkt aus werden wir aber auch noch etwas
anderes verstehen : daB namlich eine Ubergangszeit gewesen sein muB
von der Geschlechtseinheit zu der Geschlechtstrennung, daB in der
Tat ein gewisser Zwischenzustand hat da sein konnen zwischen jener
jungfraulichen Fortpflanzung, bei welcher die Befruchtung eintrat in-
folge von den in der Erde lebenden Kraften, die zugleich die Be-
fruchtungsstoffe waren, und der anderen Art der zweigeschlechtlichen
Fortpflanzung. Diese zweigeschlechtliche Fortpflanzung riickte erst
vollstandig in der Mitte der atlantischen Epoche heran. Friiher war
eine Zwischenstufe da. In dieser Zwischenstufe, da fand in einer ge-
wissen Epoche eine Anderung des BewuBtseins statt. Da ging der
Mensch in viel langeren Zeitraumen als heute durch einen Wechsel
des BewuBtseins. Das war eine Zeit, in der das BewuBtsein besonders
stark war, in dem der Mensch sich wahrend der Nacht als geistiges
Wesen bei seinen geistigen Genossen erlebte. Das TagesbewuBtsein
war dagegen schwach. Diese BewuBtseinslage wechselte mit einer
anderen Periode, da das BewuBtsein stark wurde, welches der Mensch
hat, wenn er im physischen Leibe ist, und wo das seelische Leben,
wenn der Mensch dann nachts den physischen Plan verlieB, schwacher
wurde. Nun gab es Zeiten der Menschheitsentwickelung, in denen
wir eine Ubergangsstufe sehen miissen. Da war das BewuBtsein fur
die physische Welt noch herabgedampft. Und es war in diesem herab-
gedampften BewuBtseinszustande, wo die Befruchtung eintrat. In den
Zeiten des herabgedammerten BewuBtseins, wenn der Mensch heraus-
stieg aus der physischen Welt in die geistige Welt, da fand die Be-
fruchtung statt, und der Mensch merkte sie nur durch einen symbo-
lischen Traumesakt. In einer zarten, edlen Weise empfand er, daB Be-
fruchtung eingetreten war im Schlafe, und nur ein zarter, wunder-
samer Traum, wie der Mensch zum Beispiel einen Stein warf und der
Stein in die Erde fiel und dann aus der Erde eine Blume entstand,
war im BewuBtsein des Menschen.
In dieser Zeit muB uns besonders interessieren, daB auch in Betracht
kamen diejenigen, die schon fruher eine spatere Stufe erreicht hatten.
Wenn wir sagen, daB gewisse Wesen auf der Stierstufe stehen blieben,
andere auf der Lowenstufe, andere auf der Adlerstufe und so welter,
was heiBt denn das ? Das heiBt, wenn die Wesen hatten warten konnen
und ihre ganze voile Liebe zur physischen Welt erst viel spater hatten
ausbilden wollen, dann wiirden sie Menschen geworden sein. Wenn
der Lowe nicht zu friih hatte hineingewollt in die irdische Sphare - er
ware Mensch geworden, ebenso die anderen bis dahin abgespaltenen
Tiere. Sagen wir das noch einmal so : Alles das, was Mensch war zu
der Zeit, als der Lowe sich bildete, sagte sich entweder: Nein, ich will
die niederen Substanzen noch nicht aufnehmen, ich will nicht hmunter
in die physische Menschheit - oder: Herunter will ich; ich will, daB
das wird, was entwickelt ist.
Wir denken uns also zwei Wesenheiten; die eine bleibt noch oben im
Luftatherreich und reicht nur in den irdischen Teilen herunter auf die
Erde, die andere strebt danach, ganz auf die Erde hinunterzusteigen.
Diese letztere wurde vielleicht Lowe, die erstere wurde Mensch.
So wie die Tiere stehenblieben, so blieben nun auch Menschen ste-
hen. Das waren nicht die besten Menschen, die zu friih Mensch wur-
den; die besseren haben warten konnen. Sie sind lange dabeigeblieben,
nicht hinunterzusteigen auf die Erde, um da in BewuBtheit den Be-
fruchtungsakt zu vollziehen; sie blieben in dem Erkennen, wo der
Befruchtungsakt ein Traum war. Diese Menschen lebten, wie man
sagt, im Paradiese. Und die Menschen, die am fruhesten auf die Erde
stiegen, wiirden wir finden mit besonders stark ausgebildeter Korper-
lichkeit, mit rohem, brutalem Gesichtsausdruck, wahrend wir die
Menschen, die erst die edleren Teile gestalten wollten, auch in einer
viel menschlicheren Gestalt finden wiirden.
Das, was jetzt beschrieben worden ist, das hat sich in einer wun-
dersamen Sage und einem Ritus erhalten. Bekannt ist der Ritus, der
erwahnt wird bei Tacitus; die Sage von der Gottin Nerthus oder
Hertha, die jedes Jahr hinuntertaucht in die Meeresfluten in einem
Wagen. Diejenigen aber, die sie ziehen, miissen getotet werden.
Nerthus wurde aufgefaBt, wie man das eben auffaBt, als irgendein
aus der Phantasie heraus gestaltetes Phantom, als irgendeine Gottin,
der man einen Kultus auf irgendeiner Insel errichtet haben soli. Die
Nerthus-Statte hat man zu erkennen geglaubt in dem Hertha-See auf
Riigen. Dort glaubte man die Stelle, wo der Wagen eingetaucht sei,
gefunden zu haben. Eine merkwiirdige Phantasie. Der Name Hertha-
See ist namlich eine ganz neue Erfindung. Er hieB friiher der schwarze
See wegen seiner Farbung, und keinem Menschen fiel es ein, ihn
Hertha-See zu nennen und ihn auf die Gottin zu beziehen. In Wahr-
heit liegt viel Tieferes in dieser Sage. Nerthus ist die Ubergangsstufe
der jungfraulichen Befruchtung zu der spateren Menschenfortpflan-
zung. Nerthus, die untertaucht in ein dammerhaftes Bewufitsein,
nimmt, wenn sie in das Meer der Leidenschaft versenkt wird, das nur
in einem zarten, symbolischen Akt wahr; sie nimmt nur einen Ab-
glanz davon wahr. Diejenigen aber, die in der Zeit, als die hohere
Menschheit noch so empfand, heruntergestiegen waren, die waren
schon der ursprunglichen Naivitat verlustig gegangen; die sahen
schon diesen Akt und waren fur das hohere MenschheitsbewuBtsein
verloren, die waren todeswurdig.
Die Erinnerung an dieses Ereignis der Urzeit wurde im Ritus be-
wahrt in zahlreichen Gegenden Europas. Man vollzog zu gewissen
Zeiten bei Erinnerungsfesten eine Zeremonie. Das war der Wagen
des Nerthus-Bildes, das untertauchte in das Meer der Leidenschaft.
Und man hatte sogar den grausamen Gebrauch: diejenigen, die die-
nen durften, die ziehen muBten, die da sehen konnten, die muBten
Sklaven sein und wurden bei dem Ritus getotet, zum Zeichen, daB
das die sterbliche Menschheit war, die diesen Akt sah. Nur die Prie-
ster, die eingeweiht waren, durften der Zeremonie unbeschadet bei-
wohnen. So sehen wir an diesem Beispiel, daB in jener Zeit, als man
das, was hier erzahlt wurde, in gewissen Gegenden kannte, in diesen
Gegenden der Nerthus-Kult war. In diesen Gegenden war ein BewuBt-
sein vorhanden, das diese Sage und den Ritus gestaltete.
So entwickelte sich die Menschheit durch die mannigfaltigsten For-
men hindurch, und so wird in den Bildern dargestellt dasjenige, was
reale Tatsachen sind. Es ist schon gesagt worden, daB solche Bilder
nicht Allegorien sein sollen, sondern daB sie inhaltlich in einem Ver-
haltnis stehen zu den realen Tatsachen. Solche Bilder erschienen wie
Traumbilder. So wurde audi die Osirissage zuerst getraumt, bevor
der Schiiler die Tatsache der Menschheitsevolution wahrhaft schaute.
Und nur dasjenige, was vorbereitet auf reales Schauen, das istim okkul-
ten Sinne ein Symbolum. Ein Symbolum ist ein Schildern realer Vor-
gange in Bildern. Und welches die Wirkung dieser Schilderungen war,
davon im nachsten Vortrage.
NEUNTER VORTRAG
Leipzig, 11. September 1908
In unseren letzten Betrachtungen haben wir an unserer Seele voriiber-
ziehen lassen eine Anzahl von Tatsachen der Evolution der Mensch-
heit im einzelnen. Ich habe zu zeigen versucht, wie der Mensch sich
entwickelt in jenem Zeitraum der Erdenentwickelung, der sich unge-
fahr erstreckt von dem Augenblicke an, als die Sonne aus der Erde
austrat, bis zu der Zeit, als auch der Mond die Erde verlieB. Es wird
noch einiges zu diesen Tatsachen, die wir Tatsachen der okkulten
Anatomie und Physiologie nennen konnen, hinzuzufugen sein. Aber
damit wir alles in der richtigen Weise erfassen, miissen wir heute auf
einige andere Tatsachen des geistigen Lebens einiges Licht werfen,
denn wir diirfen nicht vergessen, daB eigentlich gezeigt werden soil,
welches Verhaltnis besteht zwischen den agyptischen Mythen und
Mysterien, uberhaupt der ganzen agyptischen Kulturperiode und unse-
rer eigenen Zeit. Deshalb ist es notwendig, daB wir uns vollig klar
dariiber werden, wie uberhaupt die Fortentwickelung durch die ver-
schiedenen Epochen weitergeht.
Fassen wir noch einmal ins Auge das, was dargestellt worden ist
als die Wirkung der Sonnen- und Mondengeister, namentlich der
Osiris- und der Isiskrafte, durch deren Wirkungen der menschliche
Leib erst entstanden und aufgebaut worden ist. Fassen wir ins Auge,
daB das in einer urfernen Vergangenheit geschah, daB unsere Erde
kaum im einzelnen sich herauskristallisiert hatte aus der Wassererde,
und daB ein groBer Teil des Beschriebenen eigentlich in dieser Was-
sererde sich abgespielt hat. Damals war ein Zustand des Menschen
vorhanden, der uns einmal recht deutlich vor die Seele treten sollte,
damit wir einen klaren BegrirT bekommen von dem, wie es auch fur
das menschliche Schauen selber aussah beim Fortgang des Menschen
in der Erdenentwickelung.
Ich habe dargestellt, wie die unteren Glieder der menschlichen
Wesenheit, die FiiBe, Unterschenkel, Knie und so weiter sozusagen
als physische Gestalt schon von dem Zeitpunkt an entstanden sind,
als die Sonne Miene machte, hinauszuziehen aus der Erde. Wir miis-
sen uns aber wohl erinnern, daB immer gesagt worden ist, das alles
ware so zu sehen gewesen, wenn ein menschliches Auge dagewesen
ware, welches das hatte sehen konnen. Ein solches Auge gab es aber
nicht. Das ist erst viel spater entstanden. Wahrend der Mensch sich
noch in der Wassererde befand, nahm er ausschlieBlich wahr mit dem
Organ, das beschrieben worden ist als die Zirbeldriise. Die Wahrneh-
mung mit dem physischen Auge kam erst dann zustande, als die
menschliche Huftenmitte sich ausgebildet hatte. Man kann also sagen,
der untere Teil der menschlichen Gestalt war am Menschen schon
vorhanden, aber nichts war an dem Menschen vorhanden, was den
menschlichen Leib hatte sehen konnen. Der Mensch konnte sich da-
mals selbst nicht sehen. Der Mensch bekam erst in dem Moment
die Fahigkeit, sein Wesen anzuschauen, als sein Leib, von unten her-
auf sich bildend, die Huftenmitte iiberschritten hatte. Als er gebildet
war bis zum Zeichen der Waage, da wurde das Menschenauge erst
aufgetan; da fing er an, sich nebelhaft zu sehen. Da erst entwickelte
sich das Sehen der Gegenstande. So daB also bis zu dieser Entwicke-
lung der Huftenmitte alles menschliche Wahrnehmen, alles Schauen
ein hellseherisches, astralisch-atherisches Schauen war. Physisches
konnte der Mensch damals noch nicht wahrnehmen, denn es war das
MenschenbewuStsein noch ein dumpfes, damrnerhaftes, aber ein hell-
sichtiges, traumhaft-hellsichtiges.
Und dann ging der Mensch iiber zu dem BewuBtseinszustand, wo
abwechselte Schlafen und Wachen. Im Wachen sah der Mensch dann
dumpf dasjenige, was physisch war, aber wie in Nebel gehullt und wie
mit einer Lichtaura umgeben. Im Schlaf aber erhob sich der Mensch
zu den geistigen Welten und zu den gbttlich-geistigen Wesenheiten.
Sein BewuBtseinszustand wechselte ab zwischen einem Hellseherbe-
wuBtsein, das immer schwacher und schwacher wurde, und dem
TagesbewuBtsein, dem immer heller und heller werdenden Gegen-
standsbewuBtsein, welches das HauptbewuBtsein heute ist. Damals
verlor skh nach und nach die Fahigkeit der hellseherischen Wahr-
nehmung, immer mehr auch die Fahigkeit, die Gotter im Schlafe zu
sehen. Und in demselben MaBe trat die Klarheit des TagesbewuBt-
seins ein, und immer starker wurde damit das SelbstbewuBtsein, das
Ich-Gefiihl, das Ich-Wahrnehmen.
Wenn wir zuriickblicken in die lemurische Zeit, in die Zeit vor,
wahrend und nach dem Hinausgehen des Mondes aus der Erde, so
blicken wir zunachst auf ein hellseherisches BewuBtsein des Menschen,
wo der Mensch noch nichts ahnte von dem, was wir heute den Tod
nennen. Denn wenn der Mensch damals heraustrat aus seinem physi-
schen Leibe, gleichgiiltig ob durch Schlaf oder Tod, wenn er heraus-
wanderte, dann versank damit nicht sein BewuBtsein, sondern er er-
hielt sogar ein hoheres, ein geistigeres BewuBtsein in einer gewissen
Beziehung, als wenn er in seinem physischen Leibe war. Der Mensch
sagte sich damals niemals : Ich sterbe jetzt - oder: Ich trete in BewuBt-
losigkeit - das gab es nicht in der damaligen Zeit. Der Mensch baute
noch nicht auf sein eigenes Selbstgefuhl, aber er fiihlte sich im SchoBe
der Gottheit unsterblich, und er wuBte alles das als selbstverstandliche
Tatsachen, was wir heute beschreiben.
Denken wir uns einmal folgendes. Denken wir uns, wir legten uns
zum Schlaf nieder, der Astralleib bewegte sich aus dem physischen
Leibe heraus, und das alles geschahe beim vollen Mond. Den physi-
schen Leib mit dem Atherleib haben wir also im Bette liegen, den
Astralleib dariiber schwebend, und das bei Vollmondschein. Nun ist
die Situation nicht so, daB einfach da eine astralische Wolke fur den
Hellseher sichtbar wird, sondern er sieht in der Tat Stromungen vom
Astralleib aus in den physischen Leib hineingehen, und diese Stro-
mungen sind die Krafte, welche in der Nacht die Ermiidung fort-
schaffen, und sie bringen dem physischen Leibe Ersatz fur die Ab-
nutzung am Tage, so daB er sich erquickt und erfrischt fiihlt. Man
wiirde aber zugleich geistige Strome vom Monde ausgehen sehen,
und diese Stromungen durchsetzen astrale Machte. Man wiirde sehen,
wie in der Tat vom Monde geistige Wirkungen ausgehen, die den
Astralleib durchsetzen und verstarken und seine Tatigkeit an dem
physischen Leibe beeinflussen.
Nehmen wir an, wir waren nun Menschen der alten lemurischen
Zeit, dann wurde der Astralleib dieses Einstromen der geistigen
Krafte wahrgenommen haben, wiirde hinaufgeschaut haben und ge-
sagt haben : Das ist Osiris, der mich da starkt, der an mir arbeitet, ich
sehe, wie seine Wirkung durch mich geht. - Und wir wiirden uns ge-
borgen gefiihlt haben wahrend der Nacht in Osiris, wir hatten sozu-
sagen mit unserem Ich in Osiris gelebt. Ich und Osiris sind eins,
wiirden wir empfunden haben. Hatten wir damals in Worte kleiden
konnen, was wir empfunden haben, wiirden wir es etwa so charak-
terisiert haben, wenn wir zuriickkehrten in den physischen Leib : Nun
muB ich wieder hinunter in den physischen Leib, der da unten auf
mich wartet; das ist eine Zeit, wo ich in meine niedere Natur unter-
tauche - und wir hatten uns auf die Zeit gefreut, wo wir wieder ver-
lassen konnten den physischen Leib und hinaufsteigen konnten und
ruhen konnten im SchoBe des Osiris oder im SchoBe der Isis, wo wir
unser Ich wieder vereinigten mit Osiris.
Je mehr sich nun der physische Leib entwickelte, je mehr sich von
unten da ansetzte, und je mehr, nach der Entwickelung der oberen
Glieder, der Mensch audi physisch schauen konnte, je mehr der
Mensch wahrnehmen konnte die Gegenstande in der physischen Welt
um ihn her, desto langere Zeit muBte der Mensch verweilen, wenn
er untertauchte in seinen physischen Leib, desto mehr Interesse ge-
wann er an der physischen Welt, desto dunkler wurde sein BewuBt-
sein fur die geistige Welt, desto klarer das BewuBtsein im physischen
Leibe, desto mehr entwohnte er sich der geistigen Welt. So entwik-
kelte sich immer mehr das Leben des Menschen in der physischen
Welt, und in den Zustanden, die zwischen Tod und einer neuen Ge-
burt verlaufen, wurde das BewuBtsein immer dunkler und dunkler.
Jenes Heimatgefiihl bei den Gottern verlor der Mensch in der atlan-
tischen Zeit immer mehr, und als die groBe Katastrophe voriiber war,
da hatte schon ein groBer Teil der Menschen vollig verloren die natiir-
liche Fahigkeit, wahrend der Nacht hineinzuschauen in die geistige
Welt, dafur aber gewonnen die Fahigkeit, bei Tage immer scharfer
auBerlich zu sehen, so daB die Gegenstande um sie her nach und nach
in klareren Umrissen auftauchten. Es ist schon darauf aufmerksam
gemacht worden, daB bei den Menschen, die zuriickgeblieben waren,
die Gabe des Hellsehens sich noch erhalten hatte, wahrend die nach-
atlantischen Kulturen sich entwickelten. Bis hinein in die Zeit, als das
Christentum begriindet wurde, gab es noch Nachzugler dieses Hell-
sehens, und noch heute gibt es, wenn auch sehr vereinzelt, Menschen,
die sich als natiirliche Gabe dieses Hellsehen bewahrt haben, das aber
ein ganz anderes Hellsehen ist als das durch die esoterische Schu-
lung gewonnene.
In der Atlantis wurde also die Nacht allmahlich dunkel fur den
Menschen, wahrend das TagesbewuBtsein anfing, sich aufzuhellen.
BewuBtlos wurde die Nacht fur die Menschen der ersten nachatlan-
tischen Kultur, die wir zu charakterisieren versuchten iii all ihrer
GroBe, in der Spiritualitat, die hereingekommen ist durch die heiligen
Rishis, die wir uns vor die Seele gefuhrt haben in den vorhergehen-
den Vortragen, und die wir jetzt noch von einer anderen Seite charak-
terisieren miissen.
Versetzen wir uns in die Seelen der ScMler der heiligen Rishis, in
die Seelen der Leute der indischen Kultur iiberhaupt, sagen wir, in
die Zeit unmittelbar nachdem die letzten Spuren der grofien atlanti-
schen Wasserkatastrophen verschwunden waren. Wie eine Art Erinne-
rung lebte es da noch in der Seele, eine Erinnerung an die alte Welt,
an jene Welt, wo der Mensch die Gotter, die an seinem Leibe arbei-
teten, erlebte, und gesehen hatte, wie Osiris und Isis an ihm tatig
waren. Jetzt war er heraus aus dieser Welt, aus dem SchoBe der Got-
ter. Friiher war fur ihn das alles da, wie fur ihn heute das Physische
da ist, Wie eine Erinnerung ging es durch das Gemiit des indischen
Menschen, der der ersten nachatlantischen Kultur angehorte, durch
das Gemiit des indischen Menschen, dem die Rishis noch sagen konn-
ten, wie es wirklich war, denn er wuBte, daB die Rishis und ihre Schii-
ler schauen konnten in die geistige Welt. Er wuBte aber auch, daB fur
den normalen Menschen, fur den Angehorigen der indischen Kultur,
die Zeiten, wo er hineinschauen konnte in die geistige Welt, vorbei
waren.
"Wie eine Erinnerung, wie eine schmerzliche Erinnerung an die alte,
wahre Heimatwelt zog es da durch die Seele des alten Inders, indem
er sich in die physische Welt versetzt sah, die doch nur die auBere
Schale der geistigen Welt ist, und er sehnte sich hinaus aus dieser
auBeren Welt. Und er empfand: Unwahr sind die Berge, die Taler,
unwahr die Wolkenmassen der Luft, selbst unwahr der Sternenhim-
mel, alles ist nur wie eine Hiille, wie eine Physiognomie des Wesens.
Und das Wahre, das dahinter ist, die Gotter und die wahre Gestalt
des Menschen, wir konnen sie nicht sehen. Das was wir sehen, ist
Maja, ist unwahr; das Wahre ist verhiillt. - Und diese Stimmung wurde
immer lebendiger, da6 der Mensch, der Wahrheit entsprossen, in dem
Geistigen seine Heimat hat; daB das Sinnliche unwahr, Maja ist, daB
die physische Welt der Sinne ihn umnachtete.
Wer so stark den Gegensatz des Geistigen und des unwahren Phy-
sischen fuhlt, fur den wird die religiose Stimmung dahin gehen, wenig
Interesse zu empfinden in bezug auf die physische Welt und immer
mehr den Geist zu lenken zu dem, was die Eingeweihten schauen,
und von dem Kunde geben konnen die heiligen Eishis. Heraus sehnte
sich der Inder aus dieser Wirklichkeit, aus der harten Wirklichkeit,
die doch far ihn nichts war als Illusion. Denn das Wahre ist nicht das,
was die Sinne wahrnehmen, das Wahre fuhlte er erst dahinter. Und
wenig Interesse wandte die erste nachatlantische Kulturperiode dem
zu, was auBerlich auf dem physischen Plane geschah.
Anders war es schon in der zweiten Kulturperiode, bei den Per-
sern, aus der dann Zarathustra hervorgegangen ist, der groBe Schil-
ler des Manu. Wenn wir durch ein paar Striche charakterisieren wol-
len, worin der Ubergang der indischen zu der Perserkultur bestand,
so konnen wir sagen : Der Angehorige der persischen Kultur fuhlte
das Physische nicht bloB wie eine Fiigung, er fuhlte es wie eine Auf-
gabe. Zwar sah auch er noch hinauf in die Regionen des Lichtes, er
sah hinauf in die geistigen Welten, aber er wandte den Blick wieder
zuriick in die physische Welt, und vor seiner Seele stand, wie alles in
die Lichtgewalten und in die dunkeln Gewalten zerfiel. Die physische
Welt wurde ihm ein Arbeitsfeld. Der Perser sagte sich: Es gibt die
gute Lichtfiille, die Gottheit Ahura Mazdao oder Ormuzd, und es
gibt die dunkeln Machte, unter der Fiihrung des Angramainyush oder
Ahriman. Von Ahura Mazdao kommt das Heil der Menschen, von
Ahriman die physische Welt. Wir miissen das, was kommt von Ahri-
man, umwandeln, wir miissen uns mit den guten Gottern verbinden
und Ahriman, den bosen Gott in der Materie besiegen, indem wir die
Erde umarbeiten, indem wir solche Wesen werden, daB wir die Erde
bearbeiten konnen. Indem wir so den Ahriman besiegen, machen wir
die Erde zu einem Mittel fur das Gute, - Den ersten Schritt, die Erde
zu erlosen, taten die Angehorigen der persischen Kultur, und sie hat-
ten die Hoffnung, daB die Erde auch einstmals ein guter Planet sein
werde, daB sie erlost sein wiirde, und daB eine Verherrlichung ein-
treten werde Ahura Mazdaos, des hochsten Wesens.
So hatte der gefiihlt, der nicht in die erhabenen Hohen sah wie der
Inder, der aber festen FuB faBte auf dieser physischen Welt. So aber
dachte nicht der Angehdrige der indischen Kultur, der den festen
Boden unter den FiiBen verlor.
Und weiter ging die Eroberung des physischen Plans in der dritten
Kulturstufe, in der agyptisch-babylonisch-assyrisch-chaldaischen Kul-
tur. Da war kaum mehr etwas vorhanden von dem uralten Widerwil-
len, mit dem die physische Welt als Maja gefiihlt wurde. Die Chaldaer
blickten zu dem Sternenhimmel hinauf, und der Lichtesglanz der
Sterne war fur sie nicht bloB Maja, sondern das waren fur sie die
Schriftzeichen, die die Gotter dem physischen Plan eingepragt hatten.
Und auf den Wegen der Sterne verfolgte der chaldaische Priesterweise
den Weg zuriick in die geistigen Welten, und als er eingeweiht wurde,
als er kennenlernte alle die Wesen, welche die Planeten, die Gestirne
bewohnten, da erhob er seine Augen hinauf und sagte sich : Was ich
sehe mit meinen Augen, wenn ich zum Sternenhimmel den Blick
erhebe, das ist der aufiere Ausdruck dessen, was mir das okkulte
Schauen, die Einweihung gibt. Wenn der einweihende Priester mir die
Gnade des Schauens des Gottes verleiht, dann sehe ich den Gott. Aber
alles AuBere, was ich sehe, ist nicht bloB Illusion ; in ihm sehe ich die
Schrift der Gotter.
So kam sich ein solcher Eingeweihter vor, wie wir uns vorkommen,
wenn wir einem Freunde gegemiberstehen, dann lange voneinander
getrennt sind und dann einen Brief von ihm bekommen und die
Schriftzeichen des entfernten Freundes vor uns sehen. Wir sehen,
das war seine Hand, die diese Schriftzeichen geformt hat, wir neh-
men wahr die Gefuhle des Herzens, die darinnen ausgedriickt sind.
So fuhlte ungefahr der chaldaische und auch der agyptische Einge-
weihte, der in die heiligen Mysterien eingeweiht war, der, wahrend
er im Mysterientempel war, mit seinem geistigen Auge sah die gei-
stigen Wesenheiten, die mit unserer Erde verbunden sind. Und wenn
er das alles sah und er dann hinausging, und wenn er dann die Welt
der Sterne sah, so kam ihm das vor wie ein Brief der geistigen Wesen.
Er vernahm eine Schrift der Gotter, wenn die Blitze leuchteten, wenn
der Donner rollte; im Sturmwind vernahm er eine Offenbarung der
Gotter. Die Gotter hatten sich manifestiert fur ihn in allem, was er
auBerlich sah. So wie wir dem Briefe des Freundes gegeniiber fiihlen,
so fiihlte er die auBerliche Welt, so fiihlte er, wenn er die Welt der
Elemente, die Welt der Pflanzen, der Tiere, der Berge, die Welt der
Wolken, die Welt der Sterne sah. Alles das wurde entziflfert als eine
Gotterschrift.
Und indem die Agypter vertrauten auf die Gesetze, die der Mensch
finden konnte in der physischen Welt, wodurch der Mensch die Mate-
rie beherrschen kann, da entstand die Geometrie, die Mathematik.
Mit ihrer Hilfe konnte der Mensch die Elemente beherrschen, weil
er vertraute auf das, was sein Geist finden konnte, weil er glaubte,
daB man einpragen konnte den Geist der Materie. Da konnte er die
Pyramiden schaffen, die Tempel und die Sphingen. Das war ein gewal-
tiger Schritt fur die Eroberung des physischen Planes, der in dieser
dritten Kulturperiode getan wurde. Und damit war der Mensch so
weit gekommen, iiberhaupt erst richtig den physischen Plan zu respek-
tieren; die physische Welt war ihm jetzt erst etwas geworden. Aber
was fur Lehrer hatte er vorher gebraucht ?
Vorher hatte der Mensch Lehrer gebraucht; auch die Eingeweih-
ten haben Lehrer gebraucht, sagen wir in der alten indischen Zeit.
Was fur Lehrer haben die Eingeweihten gebraucht? Es war notwen-
dig, daB der Eingeweihte kunstlich dazu gefuhrt wurde, in den Ein-
weihungszustanden das wieder zu sehen, was fruher der Mensch in
seinem dumpfen Hellseherbewufitsein hat sehen konnen. Zuriickge-
fiihrt werden mufite der Einzuweihende. Er muBte in die geistige
Welt, in die friihere geistige Heimat wieder hinaufgefuhrt werden,
damit er das, was er durch seine Erlebnisse erfahren konnte, den ande-
ren vermitteln konnte. Dazu brauchte er Lehrer. So brauchten die
Schiiler der Rishis Lehrer, die ihnen vorwiesen, was geschah im alten
Lemurien, was geschah in der alten Atlantis, als der Mensch noch
hellsehen konnte. Und ebenso war es noch bei den Persern.
Anders wurde das bei den Chaldaern, anders besonders bei den
Agyptern. Oh, auch da gab es solche Lehrer, die den Schuler dahin
brachten, daB er seine Krafte so entwickelte, daB er durch hellsich-
tiges Schauen hineinsah in die geistige Welt, hinter die physische
Welt. Das waren die Initiatoren, die zeigten das, was hinter dem
Physischen Uegt. Aber eine neue Lehre, eine ganz neue Methode
wurde notwendig in Agypten. Im alten Indien hatte man sich wenig
gekiimmert um das', wie dasjenige, was in der geistigen Welt vorgeht,
eingeschrieben ist in den physischen Plan, um die Korrespondenz
zwischen Gottem und Menschen; darum hatte man sich wenig ge-
kiimmert. In Agypten aber war etwas anderes notig: nicht nur daB
der Schuler durch die Einweihung die Gotter sah, sondern auch, wie
diese die Hande bewegten, um die Sternenschrift zu vollziehen, wie
sich alle physischen Formen herausgebildet hatten. Die alten Agypter
hatten Schulen, ganz nach dem Muster der Inder, aber sie lernten
noch hinzu, wie die geistigen Krafte mit der physischen Welt kor-
respondieren. Jetzt hatten sie einen neuen Lehrstoff. In Indien wurde
man den Schuler gewiesen haben auf die geistigen Krafte durch das
Hellsehen ; in Agypten kam hinzu, daB man zeigte, was physisch kor~
respondiert mit den geistigen Taten. Man zeigte es an jedem Gliede
des physischen Leibes, welcher geistigen Arbeit es entsprach; zum
Beispiel wie das Herz einer geistigen Arbeit entspricht, das wurde
gelehrt. Und der Stifter der Schule, durch welche nicht nur das
Geistige gezeigt wurde, sondern auch seine Arbeit am Physischen, der
Stifter dieser Schule war der groBe Initiator Hermes Trismegistos.
So haben wir in ihm, dem dreimal groBen Thoth, den ersten zu se-
hen, welcher den Menschen zeigte die ganze physische Welt als eine
Schrift der Gotter. So sehen wir Stuck fur Stuck unsere nachatlan-
tischen Kulturen ihre Impulse der Menschheitsevolution einverleiben.
Wie ein gottlicher Gesandter erschien den Agyptern Hermes. Er gab
ihnen das, was man zu entziffern hatte als die Tat der Gotter in der
physischen Welt.
Damit haben wir ein wenig charakterisiert die drei Kulturepochen
der nachatlantischen Zeit. Die Menschen hatten den physischen Plan
schatzen gelernt.
Die vierte Kulturperiode, die griechisch-lateinische, ist die Epoche,
in welcher der Mensch noch mehr mit dem physischen Plan in Be-
ruhrung kommt. In dieser Zeit kommt der Mensch so weit, nicht nur
die Schrift der Gotter in der physischen Welt zu sehen, sondern auch
sein Selbst, seine geistige Individualist in die objektive Welt zu setzen.
Solche Schopfungen der Kunst wie in Griechenland gab es vorher
nicht. DaB der Mensch sich selbst hinaussetzte aus sich in der Skulptur,
in den Bildwerken, daB er darin etwas wie sein physisches Selbst ge-
schaffen hat, das war in der vierten Kulturperiode erreicht.
In dieser Zeit sehen wir das Innere, das Geistige des Menschen,
hinaussteigen aus dem Menschen auf den physischen Plan und ein-
flieBen in die Materie. Am reinsten sehen wir dieses Eingehen einer
Ehe zwischen dem Geistigen und der Materie in dem griechischen
Tempel. Dieser Tempel ist fur jeden, der ihn riickblickend schauen
kann, ein wunderbares Werk. Die griechische Architektonik ist Ur-
architektonik. Jede Kunst hat ihren Hohepunkt irgendwo. Hier hatte
die Architektur ihren Hohepunkt. Die Plastik, die Malerei, auch sie
haben irgendwo einmal ihren Hohepunkt erreicht. Trotz der gigan-
tischen Pyramide ist in dem griechischen Tempel das Wunderbarste
an Architektur geschaffen worden. Denn was ist in ihm erreicht?
Einen schwachen Nachklang mag der empfinden, der ein kxinst-
lerisches Raumgefuhl hat, das heiBt, der empfindet, wie eine Linie,
die horizontal ist, sich verhalt zu einer Linie, die vertikal geht. Und
eine ganze Summe von kosmischen Wahrheiten lebt in der Seele auf,
die bloB fiihlen kann, wie die Saule tragt dasjenige, was iiber der
Saule liegt. Man muB es fiihlen konnen, daB alle diese Linien schon
vorher unsichtbar im Raum sich befinden. Der griechische Kiinstler
sah gleichsam hellseherisch die Saule und fiigte nur Materie hinein
in das, was er sah. Er sah den Raum als lauter Lebendes, er sah
ihn von lebendigen Kraften durchzogen. Wie konnte der heutige
Mensch einigermaBen nur nachfuhlen, welche Lebendigkeit dieses
Raumgefuhl hatte?
Einen schwachen Nachklang konnen wir bei den alten Malern sehen.
Man kann noch Darstellungen sehen, wo man zum Beispiel Engel
im Raume schwebend sieht, und wir haben das Gefiihl, die Engel
halten sich gegenseitig. Wenig ist heute von diesem Gefiihl des Rau-
mes noch vorhanden. Ich will nichts einwenden gegen die Farben-
kunst des Bocklin, aber jedes okkulte Raumgefuhl geht ihm ab. Solch
ein Wesen, wie es sich iiber seiner Pieta, befindet - man weiB nicht,
ob es ein Engel sein soli oder sonst ein Wesen -, das muB unbe-
dingt im Beschauer das Gefiihl erwecken, daB es jeden Augenblick
herunterfallen muB auf die Gruppe unter ihm. Das muB betont
werden, wenn man hinweisen will auf etwas, wovon heute kaum eine
Vorstellung hervorgerufen werden kann: auf das Raumgefuhl der
Griechen, von dem ausdriicklich betont werden muB, daB es okkulter
Natur ist. Ein griechischer Tempel war etwas, als ob der Raum aus
seinen Linien sich selber geboren hatte. Die Folge davon war, daB
gottliche Wesenheiten, die der Grieche als Hellseher kannte, fur die
der Tempel errichtet war, wirklich in den Tempel sich hinunter-
neigten, wirklich sich darin wohl fiihlten. Und es ist wahr: Pallas
Athene, Zeus und so weiter waren wirklich in den Tempeln darinnen;
sie hatten ihre Korper, ihre materiellen Korper in diesen Tempeln.
Denn, da solche Wesenheiten sich nur bis in einen Atherleib inkar-
nieren konnten, fanden sie in diesen Tempeln eine wirkliche Wohn-
statte in der physischen Welt. Ihr physischer Leib konnte ein solcher
Tempel werden, in dem sich ihr Atherleib wohlbefand.
Wer den griechischen Tempel versteht, der weiB, daB er sich ganz
bedeutsam unterscheidet von einem gotischen Dom. Darin soil keine
Kritik gegen die gotische Baukunst Hegen, denn der gotische Dom ist
auch ein erhabenes Kunstwerk. Von einem griechischen Tempel aber
kann derjenige, der in die Dinge hineinschaut, sich wohl vorstellen,
daB, auch wenn er in seiner Einsamkeit dasteht, wenn weit und breit
kein Mensch da ist, wenn er ganz allein ist, nur der Tempel da ist,
er als ein Ganzes dasteht. Ein griechischer Tempel ist doch vollstan-
dig, auch wenn kein Mensch darinnen betet. Er ist nicht seelenlos,
er ist nicht leer, denn der Gott ist in ihm, er wird bewohnt von dem
Gott.
Aber ein gotischer Dom ist nur halb, ist nicht vollstandig, wenn
keine Glaubigen, keine Beter darinnen sind. Den gotischen Dom kann
sich derjenige, der das versteht, nicht so denken, daB er einsam, allein,
ohne die glaubige Menge dastehe, die mit ihren Gedanken sich hinein-
bewegt in ihn. Und all die gotischen Formen und Zierate gehoren
zu dem, was von ihm ausgeht. Kein Gott, kein geistiges Wesen ist
beim gotischen Dom, wenn nicht die Gebete der Glaubigen darinnen
sind. Erst wenn die betende Gemeinde versammelt ist, dann ist er
erfullt von dem Gottlichen. Das dnickt sich selbst in dem Worte
«Dom» aus, denn es ist verwandt mit dem «tum» in Deutschtum,
Volkstum und so weiter, das immer etwas Sammelndes hat, und das
Wort «Duma» ist sogar damit verwandt. Der griechische Tempel ist
kein Haus der Glaubigen. Er ist geformt als ein Haus, das der Gott
selbst bewohnt; er kann allein stehen. Im gotischen Dom aber fuhlte
man sich nur heimisch, wenn die glaubige Menge ihn fullte, wenn
die andachtige Gemeinde versammelt war, wenn durch die farbigen
Fensterscheiben das Licht der Sonne schien und die Farben sich spal-
teten an den feinen Staubchen, und dann, wie es oft und oft geschah,
der Prediger auf der Kanzel im Dom sagte: Ebenso wie sich das
Licht spaltet in die vielen Farben, so teilt sich auch das eine geistige
Licht, die gottliche Kraft, unter die Menge der Seelen und in die vielen
Krafte des physischen Plans. - Oft sagte der Prediger so etwas. Wenn
Anschauung und geistiges Erleben so zusammenflossen, dann war der
Dom etwas Vollstandiges.
So wie es mit den groBen Tempelbauten war, so war es in allem
Kiinstlerischen bei den Griechen. Der Marmor ihrer Skulpturen nahm
den Schein des Lebendigen an, der Grieche driickte das im Physischen
aus, was in seinem Geistigen lebte; eine Ehe des Geistigen mit dem
Physischen war bei den Griechen vorhanden.
Der Romer aber war noch einen Schritt weiter gegangen in der
Besiegung des physischen Planes. Der Grieche hatte die Fahigkeit, das
Seelisch-Geistige in seine Kunstwerke hineinzuschaffen, er fuhlte sich
aber noch als Glied eines Ganzen, der Polis, des Stadtstaates ; er
fuhlte sich noch nicht als Persbnlichkeit. So war es auch bei den
friiheren Kulturen : Der Agypter fuhlte sich nicht als einzelner Mensch,
er fiihlte sich als Agypter, als Glied eines Volkes. So finden wir auch
in Griechenland, wie der Mensch nicht Wert darauf legte, sich als
Mensch zu fiihlen, sondern wie es sein hochster Stolz war, ein Spar-
taner, ein Athener zu sein. Eine Personlichkeit zu sein, selbst etwas
zu sein in der Welt, das wurde zum ersten Male durch das Romertum
empfunden.
DaB eine Personlichkeit etwas fur sich ist, das wurde erst fur den
Romer wahr. Der Romer erfand den Begriff « Burger », daher entstand
bei ihm dafur die Grundlage, die Jurisprudenz, das Recht, das man
mit Recht eine romische Erfindung genannt hat. Nur heutige Juristen,
die keine Ahnung von diesen Tatsachen haben, haben die Geschmack-
losigkeit gehabt, davon zu sprechen, da6 es schon vorher ein Recht in
diesem Sinne gegeben habe. Die Leute reden Unsinn, die von orien-
talischen Rechtsschopfern sprechen, wie zum Beispiel von Hammurabi.
Es gab vorher keine Rechtsgebote, es gab nur gottliche Gebote.
Man miiBte harte Worte sprechen, wenn man objektiv sprechen wollte
uber diese Wissenschaft; man muBte, wollte man gerecht sein, furcht-
bar harte Worte sprechen, und jede Kritik ist nur eine mitleidige
Kritik. Der BegrifF des Burgers wurde im alten Rom erst wirklich
gefuhlt. Da hatte der Mensch bis zu seiner eigenen Individualitat das
Geistige in die physische Welt gebracht. Im alten Rom wurde zuerst
das Testament erfunden; da wurde der Wille der einzelnen Personlich-
keit so stark, daB sie sogar uber den Tod hinaus bestimmen konnte,
was mit ihrem Besitz, ihrem Eigentum geschehen sollte. Jetzt sollte
der einzelne, personliche Mensch maBgebend sein. Damit hatte der
Mensch in seiner eigenen Individualitat das Geistige bis auf den phy-
sischen Plan heruntergebracht. Das war der tiefste Punkt der Ent-
wickelung.
Am hochsten stand der Mensch in der indischen Kultur. Der Inder
schwebte noch in spiritueller Hohe, auf dem hochsten Punkt. In der
zweiten Kultur, der urpersischen, stieg der Mensch schon hinunter.
In der dritten Kultur, der agyptischen, noch mehr. In der vierten
Kultur stieg der Mensch ganz hinunter auf den physischen Plan, in
die Materie. Da gab es einen Punkt, wo der Mensch am Scheide-
wege stand; entweder konnte er tiefer und tiefer steigen, oder er
muBte auf dem tiefsten Punkt die Moglichkeit gewinnen, sich wieder
heraufzuarbeiten, wieder zuriickzukehren in die geistige Welt. Dazu
muBte aber ein geistiger Impuls auf den physischen Plan selbst kom-
men, ein machtiger Ruck, der den Menschen zuruckfuhren konnte
in die geistige Welt. Dieser machtige Ruck aber wurde gegeben durch
die Erscheinung des Christus Jesus auf Erden. Der gottlich-geistige
Qiristus muBte zu den Menschen in einem physischen Menschenleibe
kommen, muBte die physische Erscheinung in der physischen Welt
durchmachen. Jetzt, wo der Mensch ganz in der physischen Welt war,
muBte der Gott zu ihm heruntersteigen, damit er den Weg zuriick-
finde in die geistige Welt. Das ware vorher nicht moglich gewesen.
Wir haben heute die Entwickelung der Kulturen der nachatlan-
tischen Zeit bis zu ihrem tiefsten Punkte verfolgt; wir haben ange-
deutet gesehen, wie der geistige Impuls durch den Christus im tief-
sten Punkte geschah. Jetzt soli der Mensch wieder heraufsteigen,
durchgeistigt und durchsetzt von dem Christus-Prinzip. Wir werden
so sehen, wie zum Beispiel die agyptische Kultur in unserem Zeit-
raum wieder auftaucht, aber durchsetzt von dem Christus-Prinzip.
ZEHNTER VORTRAG
Leipzig, 12. September 1908
Es gibt viele Mythen und Sagen der alten Agypter, welche in der
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung wohlbekannt waren und
auch wieder bekannt werden, welche aber eigentlich nicht vermittelt
sind in der auBerlichen, geschichtlichen Tradition, die von den Agyp-
tern meldet. Einige dieser Mythen sind uns dann in jener Form ge-
schichtlich erhalten, in der sie in Griechenland heimisch wurden,
denn der groBere Teil der nicht auf den Zeus und seine Familie be-
2iiglichen Sagen Griechenlands ist aus den agyptischen Mysterien
herubergekommen. Und wir werden uns heute zu beschaftigen ha-
ben mit allerlei Sagenhaftem, das wir brauchen, wenn auch eine heu-
tige Kulturgeschichte behauptet, daB eigentlich wenig fur die Men-
schen in der griechischen Mythologie enthalten sei.
Wozu muBten wir uns denn anschauen sozusagen die andere Seite
der menschlichen Entwickelung, das heifit die geistige Seite? Alles,
was wir auf dem physischen Plan sehen, bleibt immer Ereignis, Tat-
sache des physischen Plans. Aber in der Geisteswissenschaft inter-
essiert uns nicht nur dasjenige, was auf dem physischen Plan lebt,
sondern auch alles das, was in den geistigen Welten vorgeht.
Wir wissen ja aus dem, was wir in geisteswissenschaftlichen Vor-
tragen gehort haben, was mit dem Menschen sich abspielt zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Wir brauchen uns nur zu erin-
nern, daB der Mensch im Tode ubergeht in den BewuBtseinszustand,
den wir Kamaloka nennen, in dem der Mensch, wenn er auch ein
geistiges Wesen geworden ist, festgehalten wird durch den astra-
lischen Leib. Es ist das die Zeit, wo der Mensch noch etwas verlangt
von der physischen Welt, wo er leidet darunter, wo er etwas ent-
behrt dadurch, daB er nicht mehr in der physischen Welt ist. Dann
kommt die Zeit, in welcher der Mensch sich vorzubereiten hat auf
ein neues Leben: der BewuBtseinszustand des Devachan, wo der
Mensch nicht mehr unmittelbar mit der physischen Welt, mit dem,
was physische Eindnicke sind, zusammenhangt. Wollen wir uns vor-
stellen, wie sich das Kamalokaleben von dem Devachanleben unter-
scheidet, so konnen wir zwei Beispiele betrachten.
Wir wissen, daB der Mensch, wenn er gestorben ist, nicht gleich
mit seinem Sterben seine Begierden und Wiinsche verliert. Nehmen
wir an, der Mensch ist im Leben ein Feinschmecker gewesen, der
einen groBen GenuB empfunden hat an leckeren Speisen. Wenn er
gestorben ist, verliert sich nicht sogleich diese GenuBsucht, dieser
Wunsch nach leckeren Speisen, Der Mensch hat ja diese Wiinsche
nicht in dem physischen Leibe, sondern im Astralleib. Daher, weil
der Mensch nach dem Tode den Astralleib behalt, behalt er auch
den Wunsch, aber ihm fehlt das Organ, um diese Wiinsche zu be-
friedigen: der physische Leib. Der Wunsch nach der Speise hangt
nicht ab vom physischen Leib, sondern vom Astralleib, und da tritt
nach dem Tode eine wahre Gier auf im Menschen nach demjenigen,
was ihn im Leben am meisten befriedigte. Daher leidet der Mensch
nach dem Tode so lange, bis er sich den Wunsch nach dem GenuB
abgewohnt hat, bis er abgeworfen hat alles, was er durch die phy-
sischen Organe an Begierden groBgezogen hat. So lange befindet
sich der Mensch im Kamaloka. Dann beginnt die Zeit, wo der Mensch
nicht mehr Anspriiche dieser Art erhebt, die nur durch physische
Organe befriedigt werden konnen. Dann geht er ein ins Devachan.
In demselben MaBe, in dem der Mensch aufhort an die physische
Welt gefesselt zu sein, in demselben MaBe beginnt er ein BewuBt-
sein fur die devachanische Welt zu erlangen. Sie leuchtet immer mehr
und mehr auf. Nur hat er dort heute noch kein Ich-BewuBtsein wie
in diesem Leben. Er ist dort noch nicht selbstandig. Im Devachan-
leben fiihlt sich der Mensch wie ein Glied, wie ein Organ der ganzen
geistigen Welt. So wie die Hand sich als Glied am physischen Orga-
nismus nur fuhlen wiirde, wenn sie fiihlte, so fiihlt der Mensch in
seinem Devachanbewufitsein : Ich bin ein Glied der geistigen Welt,
ein Glied auch der hoheren Wesen. Er wird erst seiner Selbstandig-
keit entgegenwachsen. Aber er arbeitet auch jetzt schon dort mit am
Kosmos, er arbeitet mit am Pflanzenreich aus der geistigen Welt
heraus. Der Mensch arbeitet an allem mit, nicht aus eigener Berech-
nung, sondern als dienendes Glied der geistigen Welt.
Wenn wir nun so schildern dasjenige, was der Mensch zwischen
Tod und einer neuen Geburt erlebt, so diirfen wir uns nicht vorstel-
Ien, da8 die Ereignisse der devachanischen Welt nicht auch einer Ver-
anderung unterlagen. Die Menschen haben so im geheimen das Be-
wuBtsein, daB hier unsere Erde zwar veranderlich sei, daft driiben aber,
jenseits des Todes, alles gleich bleibe. Das ist gar nicht der Fall.
Wenn heute so geschildert wird der Aufenthalt im Devachan, so be-
deutet das, daB dieses ungefahr der heutige Zustand des Devachan ist.
Aber erinnern wir uns, wie es war, als unsere Seelen in der Zeit
der agyptischen Kultur verkorpert waren. Damals sahen wir auf die
gigantischen Pyramiden und auf die anderen groBen Bauwerke hin.
In fruheren Zeiten sah es auf dieser Seite, der physischen Seite, ganz,
ganz anders aus. Denken wir daran, wie sich das AntHtz der Erde seit
damals sehr, sehr verandert hat. Wir brauchen nur die materia-
listische Wissenschaft zu verfolgen, und wir werden flnden, wie zum
Beispiel vor wenigen Jahrtausenden ganz andere Tiere in Europa
waren, wie Europa ganz anders aussah. Das Antlitz der Erde andert
sich fortwahrend, und daher kommt es, daB der Mensch immer wie-
der in neue Daseinsverhaltnisse tritt. Das erscheint jedem ganz ein-
leuchtend. Aber, wenn man die Verhaltnisse der geistigen Welt schil-
dert, dann glauben die Menschen so leicht, daB dasjenige, was in der
geistigen Welt geschehen ist, wenn sie etwa tausend Jahre vor Christus
gestorben sind, daB das, was sich driiben zugetragen hat, ganz genau
dasselbe gewesen ware wie dasjenige, was sich heute zutragt, wenn
sie heute wiedergeboren werden und heute wieder sterben.
Genau wie der physische Plan sich andert, so andern sich tatsach-
lich die Verhaltnisse in der anderen Welt. Der Aufenthalt im Deva-
chan war etwas ganz anderes als heute, wenn man eintrat ins De-
vachan aus dem agyptischen Leben oder aus dem griechischen Leben.
Auch da geht eine Evolution vor sich. Es ist ja nur naturlich, daB wir
jetzt die gegenwartigen Verhaltnisse des Devachan schildern; die Ver-
haltnisse haben sich aber geandert. Wir konnen das schon annehmen,
wenn wir auf dasjenige hinblicken, was uns die letzten Vortrage und
ihre Schilderungen gebracht haben.
Wir haben gesehen, wie der Mensch, wenn wir weiter zuruckgehen,
bis zur atlantischen Zeit mehr in der geistigen Welt lebte, wie er
wahrend des Schlafens in der geistigen Welt verkehrte. Wir fanden,
daB das dann immer mehr abnimmt. Wenn wir jedoch weit genug zu-
riickgehen, dann finden wir, daB der Mensch da iiberhaupt in der
geistigen Welt lebt. In alten Zeiten ist auch der Unterschied zwischen
Schlaf und Tod kein so groBer. In urferner Vergangenheit haben die
Menschen lange Schlafperioden gehabt. Das fiel ungefahr mit dem
Zeitraum zusammen, der heute durch eine Inkarnation und durch das
Leben nach dem Tode durchlaufen wird. Dadurch, daB der Mensch
herunterstieg auf den physischen Plan, wurde er auch immer mehr ver-
strickt in diesen physischen Plan. Es ist gezeigt worden, wie der
Inder in eine hohe Welt blickte, wie der Mensch in Persien schon
versuchte, den physischen Plan zu erobern. Immer weiter stieg der
Mensch herunter, und eine Ehe zwischen Geist und Materie, zwischen
den geistigen Welten und dem physischen Plan war eingetreten in der
griechisch-lateinischen Zeit. Je mehr sich der Mensch hereinlebte in
die Mitte dieser letzten Epoche, um so mehr lernte er lieben die
physische Welt und an ihr Interesse gewinnen. Damit anderte sich
aber auch alles, was wir Erlebnisse nennen zwischen Tod und neuer
Geburt.
Wenn wir bis in die erste Zeit der nachatlantischen Epoche zuruck-
gehen, da finden wir, daB die Menschen wenig Interesse haben an dem
physischen Plan. Die Eingeweihten der damaligen Zeit konnten ent-
riickt werden in hohe Welten, in die devachanischen Welten, und
sie teilten dann ihre Erlebnisse den anderen Menschen mit. In dem
Menschen, der mit alien Gedanken, mit alien Sinnen sich hinauf ent-
riickt fiihlte in die wahre Welt, in die eigentliche Heimat, bewirkte
dies, daB er wenig Interesse hatte an den Verhaltnissen des physischen
Planes. Wenn er aber aufruckte in das Devachan, nachdem er sich
kaum mit der physischen Welt verbunden hatte, dann besaB er im
Devachan ein verhaltnismaBig helles BewuBtsein. Wenn dann ein
solcher Mensch in der persischen Kultur sich wiederum inkarnierte,
dann fiihlte er sich schon mehr verwachsen mit der physischen Ma-
terie, da war es so, daB er einbiiBte an Klarheit des BewuBtseins
im Devachan. In der agyptisch-chaldaischen Zeit, wo der Mensch an-
fing die auBere physische Welt lieb zu gewinnen, da war es so, daB
er im Devachan schon ein sehr getriibtes, schattenhaftes BewuBtsein
hatte. Dieses BewuBtsein war zwar der Art nach immer noch hoher
als das BewuBtsein in der physischen Welt, aber dem Grade nach
sinkt es immer mehr herunter und wird immer dunkler bis zur grie-
chisch-lateinischen Zeit. In dieser Zeit wurde das devachanische Be-
wuBtsein immer dunkler und schattenhafter. Es war nicht ein Traum-
bewuBtsein; das war es niemals. Es war ein BewuBtsein, auf das man
aufmerken konnte; es war noch ein BewuBtsein, dessen sich der
Mensch bewuBt war. Eine Verdunkelung dieses BewuBtseins fand
also mit dem Fortgang der Entwickelung statt.
Die Mysterien waren im wesentlichen dafur da, es dem Menschen
mbglich zu machen, daB er nicht nur ein schattenhaftes BewuBtsein
in der geistigen Welt hatte, sondern das BewuBtsein wieder aufzu-
hellen. Denken wir uns, es hatte keine Mysterien gegeben, es waren
keine Eingeweihten dagewesen. Dann wiirde der Mensch ein immer
dammerhaf teres, immer schattenhafteres BewuBtsein gehabt haben in
den geistigen Welten. Einzig dadurch, daB parallel mit der Verdun-
kelung des BewuBtseins im Devachan die Einweihung in die Myste-
rien ging, und damit die Aneignung gewisser Fahigkeiten, mit denen
auserlesene Menschen schon hineinsahen in die geistigen Welten in
heller Klarheit, einzig dadurch, daB die Eingeweihten in Mythen und
Sagen dariiber berichten konnten, ist sozusagen eine Schattierung
von Hellerem, von Lichterem hineingekommen in das devachanische
BewuBtsein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Bei alien den-
jenigen aber, die sich schon so recht hineingefunden hatten in die
physische Welt, war es so, daB sie schon empfunden haben dieses
Abdammern des BewuBtseins in der geistigen Welt, und es ist kein
Marchen, es ist Wahrheit, daB der Eingeweihte in den eleusinischen
Mysterien eine ganz besondere Erfahrung hat machen konnen. Das
Einweihungsprinzip ist, dafi der Mensch schon wahrend des Lebens
in die Welten des Geistes steigen und erfahren kann, was da vor
sich geht. Der damalige Eingeweihte hat in der Tat unmittelbar von
den Schatten in der geistigen Welt erfahren konnen. Es ist wirklich
ein Ausspruch eines Eingeweihten, wenn es heiBt: Oh, besser ein
Bettler in der physischen Welt als ein Konig im Reiche der Schatten. -
Dieser Ausspruch ist aus den Erfahrungen der Eingeweihten heraus
gesprochen. Solche Dinge konnen wir nicht tief genug nehmen, und
wir verstehen sie erst dann, wenn wir die Tatsachen der geistigen
Welt kennen.
Jetzt wollen wir das, was gestern in abstrakter Form angedeutet
worden ist, in eine konkretere Form bringen.
Ware nichts anderes eingetreten als das Heruntersteigen der Men-
schen in die physische Welt, immer dunkler ware das BewuBtsein
geworden zwischen Tod und einer neuen Geburt. Die Menschen
hatten zuletzt den ZusammenschluB mit der geistigen Welt voll-
standig verloren. Nun mag es noch so sonderbar erscheinen dem-
jenigen, der auch nur noch ein klein wenig angekrankelt ist im Inne-
ren von irgendeiner Form des Materialismus, wahr ist es doch, was
ich jetzt sagen werde. Ware jetzt nichts eingetreten in der Ent-
wickelung der Menschheit, dann ware die Menschheit geistig dem
Tode verfallen. Aber es ist eine Moglichkeit der Auf hellung des Be-
wuBtseins zwischen Tod und einer neuen Geburt vorhanden, und
diese Auf hellung kann entweder durch die Einweihung selbst errun-
gen werden, oder heute schon in einem niedrigeren Grade dadurch,
daft der Mensch schon in diesem Leben teilnimmt an der geistigen
Welt, dafi er schon Erlebnisse hat, die nicht mit seinen Leibern ab-
sterben, die mit ihm verbunden bleiben in seinem ewigen Wesens-
kern, auch in der geistigen Welt. Dafur sorgten nun die Mysterien,
die ganze geistige Entwickelung, es sorgten dafur die groBen Einge-
weihten vor Christus und vor allem die Wesenheit selbst, die wir als
Christus kennen. Alle anderen Eingeweihten waren in gewisser Weise
Vorlaufer des Christus, es waren Vorausgesandte, die auf das Er-
scheinen des Christus hinwiesen.
Es soil die Erscheinung der Christus-Gestalt jetzt einmal geschil-
dert werden. Denken wir uns einen Menschen, der nie etwas gehort
hatte von dem Christus, welcher niemals die Geheimnisse des Jo-
hannes-Evangeliums in sich hatte aufnehmen konnen, der niemals
sich hatte sagen konnen: Ich will dem Christus, der da lebt und
wirkt, nachleben, seine Grundsatze will ich aufnehmen in meine We-
senheit. - Denken wir uns also, der Christus ware einem solchen
niemals nahegetreten, er wiirde jenen Schatz nicht mit in die geistige
Welt nehmen konnen, den der Mensch heute mitnehmen muB, wenn
er die Verdunkelung seines BewuBtseins vermeiden will. Dasjenige,
was der Mensch mitnimmt als Christus-Vorstellungen, das ist eine
Kraft, die das BewuBtsein nach dem Tode hell macht, die den Men-
schen errettet vor dem Schicksal, das die Menschen gehabt hatten,
wenn nicht Christus erschienen ware. Wenn Christus nicht erschienen
ware, so wiirde das Menschenwesen zwar erhalten bleiben, aber das
BewuBtsein wiirde sich nach dem Tode nicht erhellen konnen. Das
ist dasjenige, was dem Auftreten des Christus die eigentliche Bedeu-
tung gibt, daB dem Wesenskern des Menschen etwas einverleibt wird,
was eine weite Bedeutung hat. Das Ereignis von Golgatha bewahrt
den Menschen vor dem geistigen Tode, wenn er es mit seinem eigenen
Wesen identifiziert,
Wir diirfen nun nicht glauben, daB die anderen groBen Menschheits-
fiihrer nicht eine ahnliche Bedeutung hatten. Es handelt sich nicht
darum, daB ein ausschliefiliches Dogma fiir das Christentum in An-
spruch genommen werden soil. Das ware ein VerstoB gegen das wahre
Christentum, denn derjenige, der die Tatsachen kennt, der weiB,
daB auch in den alten Mysterien das Christentum gelehrt worden ist.
Und ein solches Wort, wie Augustinus es sprach, ist tief wahr:
«Was man gegenwartig die christliche ReUgion nennt, bestand schon
bei den Alten und fehlte nicht in den Anfangen des Menschenge-
schlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo an die wahre
Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christ-
lichen erhielt.» Es kommt nicht darauf an, daB man es so nennt, son-
dern daB man recht versteht die Bedeutung des Christus-Impulses.
Und wie der Christus die Gestalt war, die auftrat beim tiefsten Punkt
der Entwickelung, so war es auch bei Buddha, Hermes und den
anderen groBen Wesenheiten so, daB sie durchaus das prophetische
BewuBtsein hatten, daB der Christus kommen werde, daB er in ihnen
selber lebte.
Insbesondere konnen wir das sehen, wenn wir es an der Gestalt
des Buddha studieren, und wir miissen uns klarmachen, was er war.
Was war denn Buddha eigentlich? Wir miissen da etwas beriihren,
was nur unter Schulern der Geisteswissenschaft gesagt werden kann.
Die Menschen, auch die Theosophen, stellen sich die Geheimnisse
der Reinkarnation gewdhnlich viel zu einfach vor. Man darf sich
nicht vorstellen, daB irgendeine Seele, die heute in ihren drei Leibern
verkorpert ist, einfach in einer vorhergehenden Inkarnation sich ver-
korperte und dann wieder in einer vorhergehenden Inkarnation, der
dann wieder eine solche voranging, immer nach demselben Schema.
Die Geheimnisse liegen viel komplizierter. Trotzdem sich H. P.
Blavatskj viel Miihe gab, ihren intimen Schiilern zu zeigen, wie kom-
pliziert diese Geheimnisse liegen, wird das heute doch noch nicht
richtig verstanden. Man stellt sich einfach vor, daB eine Seele immer
wieder in einen Korper geht. So einfach liegt das nicht. Wir konnen
oftmals eine historische Gestalt nicht in ein solches Schema bringen,
wenn wir sie richtig verstehen wollen. Wir miissen da vielfach viel
komplizierter zu Werke gehen.
Wir treffen schon in der Atlantis Wesen, die um den Menschen
herum sind wie die heutigen Mitmenschen, die der Mensch dann aber
sah und kennenlernte, wenn er leibentriickt war oben in der gei-
stigen Welt. Es ist schon gesagt worden, wie er da den Thor, den
Zeus, den Wotan, den Baldur als wirkliche Genossen kennengelernt
hat. Bei Tage lebte er in der physischen Welt, aber im anderen Be-
wuBtseinszustand lernte er geistige Wesenheiten kennen, die nicht
denselben Entwickelungsgang durchmachten wie er. Der Mensch
hatte in der Urzeit der Erde auch noch nicht einen so dichten Leib
wie heute; von einem Knochengeriist war in einer bestimmten Zeit
noch keine Rede. Den adantischen Leib hat man nur bis zu einem
gewissen Grade mit physischen Augen sehen konnen. Aber es gab
Wesen, die nur soweit herunter kamen, daB sie sich durchaus nur in
einem Atherleibe inkarnierten. Dann gab es Wesen, die damals, als
die Luft noch durchsetzt war von Wasserdiinsten, sich noch verkor-
perten. Damals, als der Mensch noch in der Wasser-Nebel-Atmo-
sphare lebte, waren ihnen diese Verkorperungen noch moglich. Eine
solche Gestalt war zum Beispiel der spatere Wotan. Er sagte sich:
Wenn der Mensch sich so verkorpert in dieser lichtflussigen Materie,
dann kann ich das auch tun. - Es nahm ein solches Wesen Menschen-
gestalt an und ging in der physischen Welt herum. Aber als dann die
Erde immer dichter wurde und auch der Mensch immer dichtere
Formen annahm, da sagte sich Wotan : Nein, in diese dichte JMaterie
gehe ich nicht hinein. - Er blieb dann in unsichtbaren Welten, in
erdenentriickteren Welten. Das war uberhaupt so mit den gottlich-
geistigen Wesen.
Von da an konnten sie aber etwas anderes tun. Dafvir konnten sie
mit Menschen, die ihnen entgegenkamen, die sich von unten herauf
entwickelten, mit denen konnten sie eine Art Verbindung eingehen.
Denken wir uns das so : Der Entwickelungsgang des Menschen war
so, dafi er auf dem tiefsten Punkt der Entwickelung ankam. Bis zu
diesem Punkte gingen die Gotter in Gemeinschaft mit den Menschen
mit. Dann aber schlugen Sie einen anderen Weg ein, der fur die Men-
schen auf dem physischen Plan unsichtbar war. Aber wenn es Men-
schen gab, die ein Leben nach der Anordnung von Eingeweihten
fuhrten und die dadurch ihre feineren Leiber lauterten, dann kamen
sie den Gottern gewissermaBen entgegen; so daB der Mensch, der
im Fleisch verkorpert war, wenn er sich lauterte, das so tun konnte,
daB er imstande war, iiberschattet zu werden von einem solchen We-
sen, das nicht bis zum physischen Leibe heruntersteigen konnte. Der
physische Leib ware zu grob gewesen fur ein solches Wesen. Fur einen
solchen Menschen trat das ein, daB der Astralleib und der Ather-
leib durchsetzt wurden von einem solch hoheren Wesen, das sonst
keine Menschengestalt fur sich selber gehabt hat, das aber in ein
anderes Wesen hineinfuhr und durch ein anderes Wesen sich ver-
kiindete.
Wenn wir diese Erscheinung kennen, dann werden wir uns die
Inkarnation doch nicht so einfach vorstellen. Es kann durchaus einen
Menschen geben, der die Wiederverkorperung eines fruheren Men-
schen ist, der sich hoch entwickelt hat, der seine drei Leiber soweit
gelautert hat, daB er nun einGefaB ist einer hoheren Wesenheit. Und so
wurde Buddha ein GefaB fur Wotan. Dieselbe Wesenheit, die Wotan
genannt wurde in den germanischen Mythen, die trat als Buddha
wieder auf. Buddha und Wotan sind sogar sprachlich verwandt.
Wir konnen sagen, daB vieles von demjenigen, was die Geheim-
nisse der atlantischen Zeit waren, damit iiberging auf das, was der
Buddha verkiindigen konnte. Und damit stent es im Einklange> daB
dasjenige, was der Buddha erlebte, etwas 1st, was die Gotter erlebt
hatten in jenen geistigen Spharen, was auch die Menschen erlebt
hatten, als sie noch selbst in jenen Spharen waren. Als so die Lehre
des Wotan wieder auftrat, da war sie eine Lehre, die wenig Riicksicht
nahm auf den physischen Plan, die nur betonen muBte, daB der phy-
sische Plan eine Statte des Schmerzes ist und daB die Erlosung davon
viel bedeute - denn es sprach viel von der Wotanwesenheit im Buddha.
Deshalb haben das tiefste Verstandnis fur die Buddhalehren diejenigen
gezeigt, die Nachziigler waren aus der Atlantis. Es sind unter der
asiatischen Bevolkerung solche zuriickgeblieben, die als Rassen durch-
aus stehengeblieben sind auf der atlantischen Stufe. Natiirlich muBten
sie auBerlich mit der Erdenentwickelung fortschreiten. In den mongo-
lischen Volkern ist viel von der Atlantis zuriickgeblieben; sie sind
Nachzugler der alten Bevolkerung der Atlantis. Der stationare Zug in
der mongolischen Bevolkerung ist eine solche Erbschaft aus der At-
lantis. Daher dienen die Lehren des Buddha vorzugsweise solchen
Volkerschaften, und der Buddhismus hat groBe Fortschritte bei diesen
Volkern gemacht.
Die Welt schreitet fort, sie geht ihren Gang. Derjenige, der hin-
einschauen kann in die Weltenentwickelung, der wahlt nicht, der sagt
nicht y ich habe mehr Geschmack an diesem oder jenem, der sagt: Das
sind geistige Notwendigkeiten, welche Religion ein Volk hat. Und da-
durch, daB die europaische Bevolkerung sich in die physische Welt
verstrickte, dadurch ist es ihr unmoglich, sich hineinzufuhlen in den
Buddhismus, sich zu identiflzieren mit dem Innersten der Lehre des
Buddha. Der Buddhismus konnte niemals eine Menschheitsreligion
werden. Fur denjenigen, der sehen will, gibt es da keine Sympathie
oder Antipathie, sondern nur ein Urteilen nach den Tatsachen. Ebenso
falsch, wie es ware, aus einem Zentrum Asiens heraus, wo noch andere
Volker sitzen, das Christentum ausbreiten zu wollen, ebenso falsch
ist der Buddhismus fur die europaische Bevolkerung. Keine Religions-
anschauung ist richtig, die nicht fur die innersten Bedurfnisse der
Zeit geschaffen ist; eine solche kann niemals einen Kulturimpuls
geben. Das sind Dinge, die man begreifen muB, wenn man die Zu-
sammenhange wirklich verstehen will.
Aber man darf nicht glauben, daB die historische Erscheinung des
Buddha sich alles dessen bewufit gewesen ware, was in seiner Er-
scheinung vorlag. Wenn ich das alles auseinandersetzen wollte, brauchte
ich mehrere Stunden dazu. Wir haben die Kompliziertheit des histo-
rischen Buddha noch lange nicht erschopft. In dem Buddha lebte
noch etwas. Es ist nicht nur eine Wesenheit, die heriiberkam aus der
atlantischen Zeit, und die sich in dem verkorperte, der nebenbei audi
noch ein menschlicher Buddha war; auBer diesem war in ihm noch
etwas anderes enthalten, etwas, von dem er sagen konnte : Das kann
ich noch nicht umfassen, das ist etwas, was mich beseelt, aber ich
nehme nur daran teil. - Das ist die Christus-Wesenheit. Sie beseelte
schon die groBen Propheten. Sie war eine wohlbekannte Wesenheit in
den alteren Mysterien, und immer wies man uberall auf den hin, der
da kommen werde.
Und er kam ! Aber er kam wiederum, indem er sich fugte den histo-
rischen Notwendigkeiten, welche der Evolution zugrundeliegen. In
einem physischen Leibe hatte er sich ohne weiteres nicht verkorpern
konnen. Es war noch moglich, daB er sich wie in einer Art Unter-
bewuBtsein verkorpern konnte in dem Buddha. Aber wandelnd auf der
Erde konnte er sich nur verkorpern, wenn ein physischer Leib und
ein Atherleib und ein Astralleib besonders zubereitet waren. Der
Christus hatte die groBte Kraft der Wirkung, aber verkorpern konnte
er sich nur, wenn ein physischer Leib, Atherleib und Astralleib durch
eine andere Wesenheit vollstandig gelautert und gereinigt worden wa-
ren. Und so konnte die Verkorperung des Christus nur so geschehen,
daB eine Wesenheit auftrat, die sich so hoch entwickelt hatte. Das
war Jesus von Nazareth. Er war so hoch gekommen in seiner Ent-
wkkelung, daB er in der Lage war, wahrend seines Lebens seinen
physischen Leib, Atherleib und Astralleib so zu lautern, daB es ihm
moglich war, im dreiBigsten Jahre seines Lebens diese Leiber zu ver-
lassen, aber so, daB sie noch lebensfahig, noch brauchbar waren fur
eine hohere Wesenheit.
Oft, wenn ich dies ausgesprochen habe, daB eine hohe Stufe der
Entwickelung notwendig war, damit Jesus seine Leiber opfern konnte,
machten die Menschen einen sehr merkwiirdigen Einwand: Aber
das sei doch gar kein Opfer, was konne man sich Schoneres denken ?
Man konne doch nicht von einem groBen Opfer sprechen, wenn es
sich darum handelte, einer so hohen Wesenheit seine Leiber zu iiber-
lassen. - Ja, schon ist es auch, und es ware das Opfer nicht groB,
wenn man es so abstrahierte. Aber man mochte antworten: Man mache
es einmal so ; das Opfer wolle wohl jeder bringen, aber man wolle es
einmal probieren. - Es ist notig, ungeheure Krafte zu haben, um seine
Leiber so zu lautern, daB man sie lebensfahig verlassen kann. Um
diese Krafte zu erlangen, dazu sind die Opfer notwendig. Jesus von
Nazareth muBte schon eine auBerordentlich hohe Individualitat sein,
damit er das konnte. Das Johannes-Evangelium deutet an, wann Jesus
seinen physischen Leib, Atherleib und Astralleib verlieB und einging
in die geistige Welt und das Christus-Wesen hineinfuhr in die drei-
fache Leiblichkeit. Das geschah bei der Taufe des Jesus im Jordan.
Da geschah etwas sehr Bedeutungsvolles in der Leiblichkeit des Jesus
von Nazareth. Wiederum muB das, was ich jetzt sage, ein Greuel sein
fur ein materialistisches Gemiit. Es ging etwas Besonderes vor, selbst
in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth. Wenn wir das ver-
stehen wollen, was da vorging in dem Moment der Taufe, als der
Christus in den Jesus hineinfuhr, da miissen wir uns eines einmal
vor die Seele fuhren, was recht sonderbar erscheinen wird, aber doch
wahr ist.
Im Laufe der Menschheitsevolution haben sich einzelne Organe
nach und nach entwickelt, mehr und mehr herausgebildet. Wir ha-
ben gesehen, wie, als die Organe bis zur Huftmitte gekommen wa-
ren, bestimmte Strukturen und Funktionen im Menschen eintraten.
Es ist in diesem immer mehr Selbstandigwerden der menschlichen
Individualitat auch eine Verhartung des Knochensystems eingetreten.
Je selbstandiger der Mensch wurde, desto mehr verhartete sich auch
sein Knochensystem, desto mehr wuchs aber auch die Gewalt des
Todes. Darauf miissen wir jetzt achten, wenn wir das Folgende in
der richtigen Weise verstehen wollen. Woran liegt es denn iiber-
haupt, daB der Mensch sterben muB, daB der Leib ganz und gar ver-
west? Das liegt daran, daB im menschlichen Leibe etwas verbrannt
werden kann : die Knochen. Es hat das Feuer eine Gewalt auch iiber
die menschliche Knochensubstanz. Der Mensch hat keine Gewalt,
wenigstens keine bewuBte Gewalt iiber seine Knochen. Diese Ge-
walt liegt noch auBerhalb der Macht des Menschen. In dem Augen-
blick, in dem in der Jordantaufe der Christus in den Leib des Jesus
von Nazareth einzog, in dem Augenblick wurde das Knochensystem
dieser Wesenheit etwas ganz anderes als bei anderen Menschen. Das
war ein Fall, der sich vorher niemals und auch nachher niemals bis
auf heute ereignet hat. Es fuhr mit der Christus-Wesenheit in die
Jesus- Wesenheit etwas herein, das Macht hatte iiber die Krafte, die
Knochen verbrennen. Heute ist es noch nicht in die Willkiir des
Menschen gestellt, die Knochen aufzubauen. Diese Gewalt aber griff
bis in die Knochen hinein. Bis in die Knochen hinein griff die be-
wuBte Gewalt der Christus-Wesenheit; das gehort zum Sinn der Jo-
hannestaufe. Damit war in die Erde etwas verpflanzt, was man nennen
kann die Oberherrschaft iiber den Tod, denn mit den Knochen ist der
Tod erst in die Welt gekommen. Dadurch, daB die Gewalt iiber die
Knochen einzog in den menschlichen Leib, damit ist die Uberwindung
des Todes in die Welt gekommen. Damit wird ein tiefstes Mysterium
ausgesprochen, damit war ein Heiligstes, ein im hochsten MaBe
Heiligstes, in das Knochensystem des Jesus von Nazareth durch den
Christus eingezogen. Daher durfte es nicht angetastet werden. Daher
muBte sich das Schriftwort erfiillen: Ihr diirft ihm kein Bein zerbre-
chen. - Da hatte in die Gotteskrafte Menschengewalt eingegriffen.
Wir sehen hier in ein ganz tiefes Mysterium der Menschheitsentwik-
kelung.
Und damit kommen wir zu gleicher Zeit auf einen sehr bedeutungs-
vollen Begriff des esoterischen Christentums, der uns zeigen kann,
wie dieses Christentum mit den hochsten Wahrheiten durchtrankt ist.
Wir kommen zu dem, was uns auBerdem noch in der Taufe entgegen-
tritt. Dadurch, daB die Christus-Wesenheit von den drei Leibern Besitz
ergriff, von dem, worin fruher die Ich- Wesenheit des Jesus war, da-
durch war nun eine Wesenheit mit der Erde verkniipft, die friiher einen
Wohnplatz gehabt hat auf der Sonne. Bis zu dem Momente war sie
friiher mit der Erde verbunden gewesen, als die Sonne hinausging
aus der Erde. Der Christus ist damals mit hinausgegangen und konnte
seine Gewalt von da an nur entwickeln von auBen auf die Erde herein.
Im Momente der Taufe vereinigte sich der hohe Christus-Geist im vol-
len Sinne wieder mit der Erde. Vorher wirkte er von auBen, iiber-
schattete die Propheten und wirkte in den Mysterien. Jetzt war er in
einem physischen Menschenleibe auf der Erde selbst verkorpert. Und
wenn ein Wesen von einem fernen Punkte des Weltenalls durch Jahr-
tausende hatte heruntersehen konnen, dann wiirde ein solches Wesen,
das nicht nur die physische Erde gesehen hatte, sondern auch ihre
geistigen Stromungen, ihren Astralleib und Atherleib, bedeutungs-
volle Vorgange gesehen haben in dem Moment der Johannestaufe und
in dem Momente, wo das Blut aus den Wunden Christi floB auf Gol-
gatha. Der Astralleib der Erde wurde dadurch grundlich verandert.
Er nahm in diesem Momente etwas anderes auf, nahm andere Farben
an. Es wurde der Erde eine neue Kraft einverleibt. Das, was friiher
von auBen wirkte, wurde mit der Erde wieder verbunden, und da-
durch wird die Anziehungskraft zwischen Sonne und Erde so stark
werden, dafi sich Sonne und Erde wieder vereinigen werden, und der
Mensch mit den Sonnengeistern. Der Christus war es, der die Moglich-
keit gab, daB die Erde sich wieder vereinigen kann mit der Sonne
und dann im SchoBe der Gottheit ist.
Das ist der Vorgang, der sich vollzog, und seine Bedeutung. Dies
muBten wir vorausschicken, um verstandlich zu machen, welch Bedeu-
tungsvolles in die Erde eintrat mit dem Christus. Und wir konnen
dadurch begreifen, wie in der Tat durch die Vereinigung mit dem
Christus der Mensch etwas aufnehmen kann, wodurch das BewuBt-
sein des Menschen nach dem Tode wieder aufgehellt werden kann.
Wenn wir uns das vor Augen halten, dann werden wir auch begreifen
konnen, wie eine Evolution da ist fur die Zeit zwischen Tod und
neuer Geburt. Fragen wir nun, um wessentwillen das alles geschehen
ist eigentlich?
Erst lebte der Mensch im SchoBe der Gottheit. Dann stieg er her-
unter auf den physischen Plan. Ware er oben geblieben, er hatte nie-
mals sein heutiges SelbstbewuBtsein erlangt. Er hatte nie ein Ich
erhalten. Nur im physischen Leibe konnte er das SelbstbewuBtsein
in seiner hellen Klarheit entfachen. Es muBten auBere Gegenstande
ihm entgegentreten, er mufite sich unterscheiden konnen von den
Gegenstanden, er muBte hinuntersteigen in die physische Welt. Nur
urn des Ichs des Menschen willen ist es geschehen, daB der Mensch
heruntergestiegen ist. Der Mensch ist seinem Ich nach von den Got-
tern abstammend. Es ist heruntergestiegen aus der geistigen Welt; es
ist geschmiedet worden an den physischen Leib, damit es hell und klar
werden kann. Gerade das, was als die verhartete Materie des Menschen-
leibes aufgetreten ist, das hat dem Menschen sein selbstbewuBtes Ich
gegeben, das hat ihm moglich gemacht, sich Erkenntnis zu erwerben.
Es hat ihn aber auch geschmiedet an die Erdenmasse, an die Felsen-
masse.
Der Mensch hatte, bevor er sein Ich erlangte, physischen Leib,
Atherleib und Astralleib erlangt. Als sich in diesen drei Leibern nach
und nach das Ich entwickelte, gestaltete es diese drei Leiber um. Man
muB sich dabei klarmachen, daB an dem physischen Leibe alle hohe-
ren Glieder des Menschen arbeiten. DaB der physische Leib so ist, das
hangt davon ab, daB Atherleib, Astralleib und Ich an ihm arbeiten.
Alle Organe des physischen Leibes hangen in einer gewissen Weise
davon ab, daB auch die hoheren Glieder verandert worden sind. Die
zunickgebliebenen Wesenheiten sind zu den verschiedenen Tierfor-
men geworden, zum Beispiel zu den Vogeln, durch Dominieren des
Astralleibes. Dadurch, daB das Ich immer selbstbewuBter wurde, hat
es auch den Astralleib verandert. Es ist schon gesagt worden, daB
sich Menschen absonderten. Dasjenige, was man als apokalyptische
Tiere bezeichnet, sind Typen, bei denen dieses oder jenes hohere Glied
die Oberhand hat. Das Ich hat die Oberhand erhalten bei den Mensch-
Menschen. Nun sind alle Organe angepafit den hoheren Gliedern des
Menschen. Indem das Ich einzog in den Astralleib, diesen ganz durch-
trankte, haben sich in dem Menschen und in den Tieren, die sich
spater abzweigten, gewisse Organe gebildet. So zum Beispiel riihrt ein
bestimmtes Organ davon her, daB uberhaupt ein Ich eingezogen ist
auf der Erde. Auf dem Monde war kein Ich verkniipft mit den Wesen
der Menschheitsevolution. Gewisse Organe hangen zusammen mit
dieser Entwickelung : die Galle und die Leber. Die Galle ist der phy-
sische Ausdruck des Astralleibes. Sie ist nicht mit dem Ich verkniipft,
aber das Ich wirkt auf den Astralleib, und aus dem Astralleibe wirken
die Krafte auf die Galle.
Jetzt fassen wir das ganze Bild zusammen, welches der Eingeweihte
dem Agypter so klarmachte: Der Ich-bewuBte Mensch ist gefesselt
worden an den Erdenkorper. Stelle dir vor den Menschen, gefesselt
von den Erdenfelsen, das heiBt, gefesselt an den physischen Leib -
und in der Evolution ist etwas entstanden, was nagt an seiner Un-
sterblichkeit ! Stelle dir die Funktionen vor, welche die Leber bewirkt
haben: sie sind dadurch entstanden, daB der Leib geschmiedet wurde
an den Felsen der Erde. Da nagt der Astralleib daran.
Das ist das Bild, das in Agypten dem Schiiler gegeben wurde, und
das heriibergewandert ist nach Griechenland als die Prometheussage.
Nicht mit groben Handen muB man einen solchen Mythus anfassen.
Man darf ein solches Bild nur nicht wie einen Schmetterling des
Staubes berauben. Wir mussen den Staub an den Fliigeln lassen, wir
mussen den Tau auf der Blute lassen. Diese Bilder lassen sich nicht
zerren und qualen. Wir diirfen nicht sagen : Prometheus bedeutet dies
oder jenes ; wir mussen versuchen, die wirklichen okkulten Tatsachen
hinzustellen, und dann versuchen die Bilder zu verstehen, die ent-
standen sind aus den okkulten Tatsachen heraus und die iibergegan-
gen sind in das BewuBtsein des Menschen.
Der agyptische Eingeweihte fiihrte seinen Schiiler bis zu der Stufe,
wo er begreifen konnte die Ich-Entwickelung des Menschen. Ein sol-
ches Bild sollte seinen Geist formen. Die Tatsachen aber sollte der
Schiiler nicht mit groben Fausten anfassen, sondem das Bild sollte
licht und lebendig vor ihm stehen, und der agyptische Eingeweihte
wollte nicht banale, trockene Begriffe hineinpressen in Wahrheiten,
sondern etwas in Bildern darstellen, was er geben konnte. Vieles hat
bei der Prometheussage die Dichtung getan, hat verschonert und hat
verziert, und wir diirfen nicht mehr hineinlegen, als die okkulten Tat-
sachen sind, und dem nur kiinstlerischen Tun seine feinen Gestaltungs-
krafte lassen.
Nun wollen wir noch auf etwas anderes hindeuten. Der Mensch,
als er auf der Erde ankam, war noch nicht Ich-begabt. Bevor das Ich
in den Astralleib hineingeheimniBt worden ist, hatten andere Krafte
von dem Astralleib Besitz. Dann ist der lichtfliissige Astralleib durch-
zogen worden von dem Ich. Bevor das Ich darinnen war, waren die
astralen Krafte von den gottlich-geistigen Wesen von auBen hinein-
gesendet worden in den Menschen. Der Astralleib war auch da, aber
durchgluht von gottlich-geistigen Wesen. Rein und hell war der
Astralleib und urnnoB dasjenige, was als physischer und Atherleib als
Anlage da war. Er umfloB und durchfloB es; rein war der FluB des
Astralleibes. Mit dem Eintritt des Ich aber war der Egoismus hinein-
getreten, und verdunkelt war der Astralleib worden, verloren war der
reine GoldfluB des Astralleibes, immer mehr war er verloren, bis der
Mensch heruntergestiegen war auf den tiefsten Punkt des physischen
Planes in der griechisch-lateinischen Zeit.
Da muBten die Menschen daran denken, wieder zu gewinnen den
reinen FluB des Astralleibes, und es entstand in den Eleusinischen
Mysterien dasjenige, was man nannte : das Suchen nach der urspriing-
lichen Reinheit des Astralleibes. Den Astralleib wieder in seinem ur-
spriinglich reinen GoldfluB herzustellen, das wollten die Eleusinischen
Mysterien, das wollten auch die Agypter. Das Suchen nach dem golde-
nen FluB war eine der Proben der agyptischen Einweihungen : und
das ist uns erhalten in der wunderbaren Sage des Aufsuchens des
Goldenen Vlieses durch Jason und die Argonauten.
Wir haben die Entwickelung gesehen: Als die unteren Organe noch
in ihrer Form den Kahnen glichen, von denen wir gesprochen haben,
da hatte der astralische Leib in der Wassererde noch den goldenen
Glanz. In der Wassererde hatte der Mensch seinen golddurchleuchte-
ten Astralleib. Das Suchen nach diesem Astralleib ist dargestellt in
dem Argonautenzug. Das Suchen nach dem Goldenen Vlies miissen
wir in einer feinen, subtilen Weise zusammenbringen mit der agyp-
tischen Mythe.
AuBere historische Tatsachen sind verknupft mit geistigen Tatsa-
chen. Man darf nicht glauben, daB das bloB Symbol ist. Der Argo-
nautenzug hat wirklich stattgefunden, geradeso wie der Trojanische
Krieg stattgefunden hat. AuBere Vorgange sind Physiognomien fur
innere Vorgange; alles das sind historische Vorgange. Immer wieder
bci den griechischen Einzuweihenden hat innerlich die historische
Tatsache stattgefunden: der Zug nach dem Goldenen Vlies, die Er-
ringung des reinen Astralleibes.
Das ist dasjenige, was wir uns vor die Seele fiihren wollten, und
von wo ausgehend wir noch einiges aus den Mysterien kennenlernen
und dann finden werden, wie die agyptischen Mysterien mit dem heu-
tigen Leben zusammenhangen.
ELFTER VORTRAG
Leipzig, 13. September 1908
Wir haben an verschiedenen Punkten unseres Vortragszyklus die Tat-
sachen der nachatlantischen Entwickelung hinzustellen versucht und
angedeutet, daB in unserer Zeit eine Art Wiederholung, Wiederauf-
erstehung stattfindet der Erlebnisse, die von der Menschheit durch-
gemacht wurden wahrend der agyptisch-chaldaischen Kultur. Jetzt
wollen wir nur schematisch andeuten fur diese beiden Zeitraume, was
wir fur die anderen schon angedeutet haben. Es ist gesagt worden,
daB der indische Zeitraum sich wiederholen wird im siebenten Zeit-
raum, der persische im sechsten Zeitraum, der agyptische in unserem
Zeitraum, und daB der vierte, der griechisch-lateinische Zeitraum so-
zusagen fiir sich dasteht. Wir wollen nun schematisch andeuten, in-
dem wir durch eine Linie die agyptische und unsere Zeit verbinden,
wieso eine gewisse Auferstehung von auBeren und inneren Erlebnis-
sen zu sehen ist, indem wir unsere Zeit zur agyptischen Zeit in Be-
ziehung setzen.
Wir haben gesehen, daB geheimnisvolle Krafte bestehen in den gei-
stigen Welten, denen gewisse andere in der physischen Welt entspre-
chen, die bewirken, daB diese Wiederholungen eintreffen. So entstehen
Auferstehungen von auBeren und inneren Erlebnissen. Zwischendrin,
in der Mitte, steht fur sich der griechisch-lateinische Zeitraum, in dem
der Christus erschien auf der Erde und wo sich das Mysterium von
Golgatha vollzog. Es ist auch darauf aufmerksam gemacht worden,
daB sich nicht nur die auBeren Entwickelungsverhaltnisse auf dem
physischen Plan verandert haben, sondern daB auch die Verhaltnisse
in der geistigen Welt andere geworden sind. Ich habe darauf hinge-
wiesen, wie anders die Seele des Menschen war in der agyptischen
Zeit, als sie auf die gigantischen Pyramiden schaute, und wie anders
die Seele war, als sie wiederverkorpert war in der griechisch-lateini-
schen Zeit, und wie anders die Seele in unserer Zeit empfindet. Wir
haben gesehen, dafi nicht nur dieses stattfindet, sondern daB auch fiir
den Zeitraum zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in dem
Kamaloka und dem Devachan eine Art von Fortschritt, von Ver-
wandlung geschieht, so da6 die Seele nicht das gleiche erlebt, wenn
sie aus einem agyptischen oder aus einem griechischen oder aus einem
jetzigen Leibe in das Kamaloka oder Devachan eingeht. AuBen andert
sich die Welt des physischen Planes, aber auch im Geistigen, in der
geistigen Welt geschieht ein Fortschritt, auch da erlebt die Seele immer
wieder etwas Verschiedenes.
Nun werden wir vor alien Dingen auch vom Standpunkte dieses
Jenseits - wenn wir es so nennen wollen - einmal die gewaltige Er-
scheinung des Christus auf unserer Erde heute zu betrachten haben.
Wir werden uns heute in einer viel tieferen Weise die Frage vorlegen :
Welche Bedeutung hat das Auftreten des Christus auf unserer Erde,
welche Bedeutung hat die Erscheinung des Christus fur die verstorbe-
nen Seelen, fur das Leben auf der anderen Seite, auf der geistigen
Seite des Daseins? Dazu miissen wir verschiedenes vorausschicken,
was sich diesseits und jenseits des physischen Planes in der agyptischen
Periode fur die Seelen abgespielt hat.
Aus allem, was wir iiber die friiheren grofien Epochen der Erden-
entwickelung verfolgt haben, konnen wir entnehmen, dafi der agyp-
tisch-chaldaische Zeitraum eine Erkenntnis- und Erlebnisspiegelung
geboten hat dessen, was sich in der lemurischen Zeit abgespielt hat,
was sich abspielte auf der Erde wahrend und nach dem Herausgehen
des Mondes. Dasjenige, was die Menschen da erlebten, das erlebten
sie wie eine Erinnerung in dem, was die agyptischen Eingeweihten
den Menschen gaben. Der agyptische Eingeweihte selbst erlebte wah-
rend seiner Initiation Ereignisse, die sonst der Mensch erst erleben
kann, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet. Allerdings erlebte
der agyptische Eingeweihte das in einer anderen Art als ein ge-
wohnlicher verstorbener Mensch. Er erlebte das anders und noch
viel dazu.
Es ist nun gut, wenn wir als Bausteine dieser Betrachtungen mit
wenigen Worten das Wesen der agyptischen Einweihung bezeichnen.
Das Wesen dieser Einweihung unterscheidet sich sehr von dem Wesen
der Einweihung in der Zeit nach Christus. Denn durch dessen Er-
scheinen ist die Einweihung wesentlich verandert worden.
Wir haben gesehen, da6 die Menschen immer mehr und mehr in die
materielle Welt steigen muBten, immer mehr Interesse gewinnen muB-
ten an der physischen Welt. In demselben MaBe aber wurden die Er-
lebnisse zwischen Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt
schattenhafter, blasser. Je lebendiger das BewuBtsein der Menschen
in der physischen Welt wurde, je lieber sie da waren, je mehr sie die
Gesetze fur den physischen Plan entdeckten, desto schattenhafter
wurde ihr BewuBtsein in der geistigen Welt. Und seinen Tiefstand
hat das BewuBtsein in der geistigen Welt erlebt in der griechisch-
lateinischen Zeit. Aber bevor der Mensch ganz heruntergestiegen war
in diese materielle Tiefe, war es ihm nicht moglich, innerhalb des
physischen Leibes vollstandig das zu erleben, was man erleben mufi,
wenn man innerhalb des Zeitraumes zwischen Geburt und Tod einen
Einblick gewinnen will in die geistige Welt.
Der Einweihungsvorgang laBt sich kurz charakterisieren, und zwar
bezieht sich das auf jede, auf die vor- und nachchristliche Einweihung,
nur der SchluB ist ein veranderter. Die Einweihung ist nichts anderes,
als daB der Mensch die Fahigkeit gewinnt, in seinen hoheren Leibern
Schauorgane zu entwickeln. Der Mensch sieht heute in der Nacht
Finsternis, es ist dunkel um ihn. Das kommt daher, daB der Mensch
in seinem Astralleibe keine Wahrnehmungsorgane hat. Es miissen,
ebenso wie die Augen und Ohren als physische Wahrnehmungs-
organe sich gebildet haben, aus den hoheren Wesensgliedern iiber-
sinnliche Organe entwickelt und ihnen eingegliedert werden. Das
geschieht dadurch, daB dem Schiiler gewisse Ubungen der Medita-
tion und Konzentration gegeben werden. Diese Ubungen macht der
Mensch durch, nachdem er zunachst einen Oberblick gewonnen hat
iiber dasjenige, was von Eingeweihten als Kunde gegeben werden
kann von den geistigen Welten. Das ist immer geschehen, daB die
Schiiler dasjenige lernen muBten, was wir heute elementare Geistes-
wissenschaft nennen. Man sah viel strenger darauf, daB in einer regel-
maBigen Stufenleiter die Schiiler die Wahrheiten kennenlernen konn-
ten. Wenn eine geniigende theoretische Vorbereitung vorhanden war,
und die Schiiler reif dazu waren, wurden ihnen die Ubungen gegeben.
Diese Ubungen haben einen ganz bestimmten Zweck.
Wenn der Mensch im Tagesleben die Eindriicke der Sinne auf sich
wirken laBt, so sind diese Eindriicke allerdings so, daB sie Friichte
bringen fur das gewohnliche Leben auf dem physischen Plan. Diese
Eindriicke setzen sich fort in den Astralleib des Menschen, und dieser
ubertragt sie erst auf das Ich. Aber diese Eindriicke sind nicht solche,
daB der Mensch imstande ist, sie festzuhalten, wenn er in der Nacht
mit seinem Astralleibe und Ich aus seinem physischen und atherischen
Leibe schliipft. Was der Mensch so vom physischen Plane bekommt,
dringt nicht so stark in ihn ein, daB er es als bleibenden Eindruck
behalten kann. Dann aber, wenn der Mensch die Ubungen der Medi-
tation und Konzentration macht, dann sind diese so eingerichtet nach
jahrtausendealter Erfahrung, daB der Astralleib sie nicht verliert, son-
dern behalt, wenn er nachts aus dem physischen Leibe schliipft. Dann
bekommt der Astralleib dadurch plastische Eindriicke, die ihn gliedern
und formen, so wie die physischen Organe gegliedert worden sind.
So wird durch gewisse Zeiten hindurch durch diese Obungen an dem
Astralleibe gearbeitet. Dadurch pragen sich die iibersinnlichen Schau-
organe dem Astralleibe ein. Es wiirde nun der Mensch doch noch
lange nicht seine Schauorgane gebrauchen konnen, wenn sie sich nur
dem Astralleibe einpragen wiirden. Es muB mehr geschehen, damit
der Astralleib, wenn er in den Atherleib zuriickkehrt, dasjenige, was
in ihm sich gebildet hat, eindriickt dem Atherleibe wie Siegelabdriicke.
Erst in dem Augenblick, wo in dem Atherleibe sich abdriickt, was
in dem Astralleibe sich gebildet hat, erst dann tritt auf die Erleuch-
tung, die erst moglich macht, daB der Mensch die geistige Welt sieht,
wie er heute die physische Welt sieht.
Hier beginnt man zu begreifen dasjenige, was wir als einen Impuls
bekommen haben durch das Erscheinen Christi auf Erden. In den alten
Einweihungen war es so, daB der Astralleib nur die Kraft hatte auf
den Atherleib zu wirken dann, wenn der Atherleib herausgehoben
war aus dem physischen Leibe. Das geschah deswegen, weil in dieser
Zeit der Atherleib, verbunden mit dem physischen Leibe, zu groBen
Widerstand geleistet hatte, als daB in ihn sich eingepragt hatte das-
jenige, was der Astralleib in sich gebildet hatte. Daher wurde in den
alten Einweihungen durch einen Zeitraum von dreieinhalb Tagen der
Einzuweihende in einen todahnlichen Zustand versetzt, in dem der
physische Leib vom Atherleib verlassen war, und der Atherleib, be-
freit vom physischen Leibe, sich mit dem Astralleib verband. Und
dieser pragte nun dem Atherleibe dasjenige ein, was ihm selbst einge-
pragt worden war durch die Ubungen. Wenn dann der Hierophant
den Einzuweihenden wiedererweckte, dann war dieser ein Erleuchte-
ter, dann wuBte er, was in der geistigen Welt vorgeht, denn er hatte
wahrend der dreieinhalb Tage einen merkwiirdigen Gang getan. Er
war durch die Gefilde der geistigen Welt gefuhrt worden, er hatte
gesehen, was da vorgeht, er hatte durch die Erfahrung erlebt, was
ein anderer Mensch nur durch die Offenbarung erfahren kann. So daB
ein solcher, der eingeweiht worden war, aus seinen eigenen Erlebnis-
sen heraus Kunde geben konnte von den Wesen, die in der geistigen
Welt, jenseits des physischen Planes waren.
So war dem Menschen Kunde geworden von demjenigen, was man
erlebte in der geistigen Welt, als der Mensch noch nicht so tief her-
untergestiegen war auf den physischen Plan. Da war der Einzuwei-
hende bekanntgeworden mit der wahren Gestalt des Osiris, der Isis
und des Horus. Dasjenige, was Mythe war, sah der Eingeweihte wah-
rend dieses Ganges in die geistige Welt. Das vermochte er den ande-
ren Menschen nun zu sagen, indem er es in die Mythen und Sagen
kleidete. Er sah das alles; er sah, wie eigenartig die Wirkungen des
Osiris sich gestaltet hatten, als der Mond von der Erde sich getrennt
hatte. Er sah das Hervorgehen des Horus aus Isis und Osiris ; er sah
die vier Menschentypen, den Stiertypus, den Lowentypus, den Adler-
typus und den eigentlichen Menschentypus. Er sah auch die Schick-
sale des Menschen zwischen Tod und einer neuen Geburt. Die Sphinx
war ihm als eine wirkliche Gestalt entgegengetreten, er erlebte sie. Er
konnte sagen: Oh, ich habe gesehen die Sphinx, den Menschen, wie
er noch eine tierahnliche Gestalt hatte, und sein Atherleib, menschen-
ahnlich, nur herausragte aus dieser tierahnlichen Gestalt. - Die Sphinx
ist ein wirkliches Erlebnis gewesen fur den Eingeweihten. Er horte
auch die Frage der Sphinxi mit ihrem ratselhaften Inhalt. Er sah, wie
sich vorbereitete der Menschenleib aus der Tierheit heraus, in einer
Zeit, wo der Kopf nur atherisch angelegt war, der Atherkopf der
Sphinx. Das war eine Wahrheit fur den Eingeweihten, aber ebensogut
waren auch eine Wahrheit fiir ihn die alteren Gottergestalten, die so-
zusagen einen anderen Entwickelungsweg genommen haben.
Es ist in der vorigen Betrachtung gesagt worden, daB gewisse
Wesenheiten einen anderen Gang in der Evolution durchmachen. Die
Individualist des Wo tan geht zum Beispiel einen solch anderen Weg.
Sie geht bis 2u einer gewissen Stufe mit dem Menschen gemeinsam,
dann steigt sie aber nicht so tief herunter. Der Mensch steigt weiter
in die Materialitat herunter und wird erst spater sich wiedervereinigen
mit diesen Wesen, die ihre Evolution in der Erdenzeit vollenden.
Wir haben gesehen, wie Wotan spater nicht mehr in unserer Welt auf
der Erde umherwandelte. Solche Wesen waren aber nicht Wesen wie
Osiris und Isis. Diese waren Wesen, die noch fruher sich abgezweigt
hatten, die in einer noch hoheren Schicht, in voller Unsichtbarkeit
ihre Evolution vollendeten. Diese Gestalten machten ihre besonderen
Erlebnisse durch.
Blicken wir in das lemurische Zeitalter zuriick. Da hat sich das
Atherische nicht menschenahnlich gestaltet; der Mensch ist im Ather-
leibe noch tierahnlich, und die Gotter, die da herunterstiegen, muBten
damals sich bequemen, in derselben tierahnlichen Gestalt zu erschei-
nen, in welcher der Mensch auf der Erde vorhanden war. Will eine
Wesenheit einen bestimmten Plan betreten, so muB sie die Bedingun-
gen fur diesen Plan erfiillen. So war es auch hier der Fall. Die gott-
lichen Wesenheiten, die mit der Erde wahrend des Hinausgehens der
Sonne und des Mondes verbunden waren, die auf der Erde waren,
die muBten eine Gestalt annehmen, die damals moglich war, eine tier-
ahnliche Gestalt. Und da die agyptische Religionsanschauung gewis-
sermaBen eine Wiederholung darstellt der lemurischen Zeit, so sah der
agyptische Eingeweihte hinauf zu den Gottern, zum Beispiel Osiris
und Isis, wie auf eine tierahnliche Form. Die hoheren Gottheiten sah
er noch mit tierahnlichem Kopfe. Daher war es nur ganz richtig aus
dem okkulten Schauen heraus, wenn solche Gestalten dargestellt wur-
den nach dem, was die Eingeweihten wuBten, mit einem Sperber-
oder einem Widderkopf. Sie wurden dargestellt, die Gotter, wie sie
auf Erden wandelten, in der Gestalt, die sie hatten, als sie auf Erden
wallten. Die auBeren Abbildungen konnten nur ahnlich sein dem-
jenigen, was der Eingeweihte sah, doch war es sehr getreu wieder-
gegeben. Diese verschiedenen gottlichen Wesenheiten verwandelten
sich gar sehr. Anders waren die Gestalten in Lemurien, anders in der
Atlantis. Viel schnellere Verwandlungen machten die Wesen in jenen
Zeiten durch als jetzt. Dazumal waren sie auch noch geistvolle Ge-
stalten, und wenn man zuruckblickt auf diese Gestalten, dann erblickt
man sie in ihren drei Leibern, aber durchleuchtet und durchstrahlt
von dem astralischen und atherischen Lichte. Und das wurde recht
genau in den Bildern dargestellt. Die heutigen Menschen haben leicht
zu lachen iiber die Gestalten, die abgebildet wurden, denn sie wissen
nicht, wie realistisch sie waren.
Es gab eine Gestalt, die insbesondere Dienste leistete in der Zeit der
Menschenentwickelung, als durch die kosmisch-tellurischen Machte
der kombinierende Verstand den Menschen eingegliedert wurde. Da-
mals wurde das physische Gehirn so vorbereitet, daB der Mensch
spater die Intelligenz entwickeln konnte. Diese Fahigkeit wurde dem
Menschen eingepnanzt und zu den Taten des Gottes ... gerech-
net. Damit hing zusammen dasjenige, was dem Menschen als Intelli-
genz eingegliedert wurde. Wenn wir heute einen Menschen betrach-
ten, in dem ein scharf ausgebildetes Urteils- und Kombinationsver-
mogen vorhanden ist, wenn wir ihn heute hellseherisch betrachten, so
finden wir einen starken Ausdruck und eine Spiegelung davon in
einem griinen Glitzern und Glanzen des Astralleibes, der astralischen
Aura. Das Kombinationsvermogen zeigt sich in griinen Farbenein-
schliissen der Aura, besonders bei denen, die einen scharfen, mathe-
matischen Verstand haben. Die alten agyptischen Eingeweihten haben
den Gott, der den Menschen die Fahigkeit der Intelligenz einpflanzte,
gesehen, und sie bildeten ihn ab und bemalten ihn griin, weil sie seine
leuchtende Astral- und Athergestalt griin schimmern sahen. Das ist
heute noch die glitzernde aurische Farbe, wenn der Mensch in der
Intelligenz sich bewegt. Und es konnte viel iiber diese Zusammen-
hange studiert werden, wenn die Menschen diese wunderbare Realistik
der agyptischen Gottergestalten wirklich studieren wollten. Dadurch,
daB diese Darstellungen der Gottergestalten so realistisch und keine
willkurlichen sind, wirkten sie wie Zaubermittel; und derjenige, der
tiefer sehen konnte, wiirde sehen, wie in den Farben dieser alten Ge-
stalten Geheimnisse in hohem MaBe vorhanden sind. Man konnte da
tief hineinsehen in das Getriebe der Menschheitsentwickelung.
Wir haben gesehen, wie in der Sphinx festgehalten ist das, was die
Eingeweihten gesehen haben. Zwar ist das nicht photographisch fest-
gehalten, doch realistisch. Aber die Gestalten wandelten sich ja immer
wieder. Die Gestalt der Sphinx gibt im Bilde wieder, wie der Mensch
einmal war. Der Mensch hat sich seine heutige Gestalt selbst gestaltet.
Wir wissen, daB durch die Evolution auf der Erde verschiedene Tier-
gestalten abgespalten worden sind. Was ist iiberhaupt eine Tiergestalt?
Es ist eine Gestalt, die stehengeblieben ist, wahrend der Mensch in
der Evolution weiterschritt. Wir sehen in ihnen stehengebliebene Stu-
fen der Menschheitsentwickelung, insofern diese Stufen physisch ge-
worden sind. Im Spirituellen hat sich etwas ganz anderes abgespielt.
Was der Mensch geistig ist, hat mit den physischen Vorfahren gar
nichts zu tun. Nur das Physische hat damit zu tun. Aber der Mensch
stammt nicht von den Tieren ab, sondern die Tiergestalten sind ste-
hengeblieben. Beim Menschen aber ist die Gestalt umgewandelt zu
einer gewissen Hohe. Die Tiere sind in die Dekadenz gekommene
fruhere physische Menschengestalten.
Anders liegt die Sache fur ein anderes Evolutionsgebiet. Nicht
nur sind die physischen Gestalten der Tiere stehengeblieben, sondern
auch die Anlagen zur atherischen und astralischen Gestalt. Gerade
wie der Lowe, damals als er sich abspaltete, anders aussah als jetzt,
so werden auch gewisse seelisch-geistige Gestalten, die auf einer ge-
wissen Stufe stehenbleiben, im Laufe der Zeit anders, sie verkommen.
Ja, es ist ein Gesetz der geistigen Welt, daB dasjenige, was auf der
geistigen oder seelischen Stufe stehenbleibt, immer mehr in die Deka-
denz kommt.
Sagen wir zum Beispiel, daB, wenn die Sphinx stehenbleibt, sie dann
verkommt, eine Gestalt bekommt, die etwas wie eine Karikatur ihrer
ursprunglichen Gestalt zeigt. Die Sphinx ist daher bis auf unsere Zeit
auf dem Astralplan so erhalten geblieben. Den Menschen, der als Ein-
geweihter oder sonst irgendwie auf eine regulare Weise hinauf kommt
in die hoheren Welten, den interessieren diese dekadenten Gestalten
wenig, die da sozusagen herabgekommenes Gesindel der geistigen
Welt sind. Aber denen, die mit einer niederen Hellsehergabe aus-
geriistet herausgefiihrt werden in Ausnahmefallen in die astrale Welt,
denen treten solche dekadente Gestalten entgegen.
Dem Odipus ist die wahre Sphinx entgegengetreten, aber gestorben
ist sie auch heute nicht. Bis heute ist sie noch nicht gestorben, nur
tritt sie in anderer, besonderer Gestalt dem Menschen entgegen. Wenn
Menschen in der Landbevolkerung, die auf einer gewissen Stufe in der
Entwickelung zuruckgeblieben sind, im Sommer in der heiBen Glut
der Sonne mittags auf dem Felde ruhen und einschlafen, und etwas
bei ihnen eintritt, was man nennen konnte einen latenten Sonnenstich,
und wenn durch diese Einwirkung auf den physischen Leib sich der
Astralleib und der Atherleib aus einem Teil des physischen Leibes los-
losen, dann sind solche Menschen auf den Astralplan versetzt, und sie
sehen diesen dekadenten letzten Nachkommen der Sphinx. Man be-
nennt diese Erscheinung mit verschiedenen Namen. In einigen Ge-
genden nennt man sie die Mittagsfrau. Mancher auf dem Lande erzahlt,
daB ihm die Mittagsfrau begegnet sei. Sie ist iiberall vorhanden in den
verschiedensten Gegenden, unter den verschiedensten Namen. Sie ist
ein Nachkomme der alten Sphinx. Und wie die alte Sphinx den Men-
schen, die sie erlebten, Fragen stellte, so stellt auch die Mittagsfrau
Fragen. Man kann erzahlen horen, wie die Mittagsfrau an Menschen
herangetreten ist und nicht enden wollende Fragen gestellt hat. Diese
Fragepein ist selbst ein dekadenter Nachkomme der alten Sphinx. Die
Mittagsfrau ist aus der alten Sphinx geworden. Das alles weist darauf
hin, wie die Evolution vor sich geht, auch hinter der physischen
Welt, wie da ganze Stamme geistiger Wesenheiten herabkommen und
zuletzt nur der Schatten sind von dem, was sie urspriinglich waren.
Da sehen wir wiederum einen Zug von der Art der Zusammenhange
in der Evolution. Dies ist aus dem Grunde gesagt worden, damit man
sieht, wie mannigfaltig die Evolution iiberhaupt ist.
Nun miissen wir aber, um alles richtig zu verstehen, dessen geden-
ken, daB der Mensch im Laufe der Zeit demjenigen, was er sich mit-
gebracht hatte zu Beginn der Erdenentwickelung als seinen physischen
Leib, Atherleib und Astralleib, eingegliedert hat das vierte GHed, das
Ich. Ich habe gezeigt, wie dieses Ich den Astralleib durchsetzt, ihn so
fur sich in Anspruch nimmt, daB es die Herrschaft ausiibt, die friiher
hohere geistige Wesenheiten ausiibten. Es ist eine Tat der hoheren
Wesen, daB dieses Ich eingepflanzt wurde dem Astralleib. Wenn die
Evolution dann im Sinne gewisser hoher Wesenheiten weitergegangen
ware, so ware es zu einer anderen Evolution gekommen als zu der,
welche wirklich stattgefunden hat. Es sind aber damals gewisse Wesen
stehengeblieben. Sie waren nicht fahig dazu geworden, daran mitzu-
arbeiten, das Ich in den Astralleib einzupflanzen.
Der Mensch bestand, als er die Erde betrat, aus dem physischen
Leibe, dem Atherleibe und dem Astralleib und bildete diese weiter
aus. Nun wurde ihm von gewissen erhabenen Wesen, die vorzugs-
weise auf der Sonne und dem Monde ihren Wohnsitz hatten, von die-
sen Wesen wurde ihm die Ichheit zuteil. Es wirkten sozusagen diese
Wesen an dem Ich mit. Es gab aber gewisse andere Wesen, die wah-
rend der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung sich nicht soweit
hinaufgeschwungen hatten, daB sie bei dieser Eingliederung des Ichs
hatten mitwirken konnen. Sie konnten nur das, was sie auf dem Monde
gelernt hatten. Sie muBten sich darauf beschranken, an dem Astralleib
des Menschen zu arbeiten, so daB dem Menschen etwas eingegliedert
wurde in den Astralleib, was nicht zu seinem Edelsten gehorte, was
nicht von den erhabenen hoheren Wesen, sondern von den verspate-
ten, zuriickgebliebenen Eindringlingen gekommen ist. Hatten diese
Wesen das auf dem Monde gemacht, so wurde das ein Hochstes ge-
wesen sein. Dadurch aber, daB sie es auf der Erde als Nachziigler
machten, dadurch gliederten sie dem Astralleib etwas ein, was ihn
niedriger stellte, als er sonst hatte werden konnen. Er wurde mit In-
stinkten und Leidenschaften und mit dem Egoismus begabt.
Das miissen wir beachten, daB auf den Menschen von zwei Seiten
gewirkt wurde, daB der Mensch auch Einschlage erhielt in den Astral-
leib, durch welche dieser erniedrigt wurde. So etwas, was auf den
Astralleib wirkt, wirkt aber nicht nur bloB auf den Astralleib. Im
Erdenmenschen ist es so, daB die Wirkung auf den Astralleib fort-
gesetzt wird durch diesen selbst auf den Atherleib und dieser die Wir-
kung fortsetzt auf den physischen Leib. Der Astralleib wirkt iiberall
bin, und so wirken jene Geister durch den Astralleib auf den Ather-
leib und den physischen Leib. Wenn diese geistigen Wesen nicht solche
Wirkung hatten ausiiben konnen, dann wiirde im Menschenleben das
nicht aufgetreten sein, was dazumal in den Menschen kam. Das ist eine
gesteigerte Selbstheit des Menschen, ein gesteigertes Ich-Gefuhl. Was
dies im Atherleib bewirkte, das ist alles dasjenige, was an Trubung
des Urteils, an Irrtumsmoglichkeit entstand. Alles dasjenige, was vom
Astralleib im physischen Leibe also bewirkt wurde, das ist die Grund-
lage von dem, was als Krankheit entstand. Das ist die geistige Ursache
der Krankheiten des Menschen; bei den Tieren ist das Krankwerden
etwas anderes.
Wir sehen, wie in den Menschen die Krankheit verpflanzt wird.
Krankheit hangt zusammen mit den Ursachen, die hier angedeutet
worden sind. Und da der physische und der atherische Leib mit den
Vererbungstatsachen zusammenhangen, so geht durch die Ver-
erbungslinie das Prinzip der Krankheit. Es soli hier noch einmal be-
tont werden, daB wir unterscheiden miissen von dem, was innere
Krankheiten sind, dasjenige, was auBere Verletzungen sind. Wenn
sich ein Mensch iiberfahren laBt, so hat das damit nichts zu tun. Auch
gewisse innere Krankheiten konnen mit auBerlichen Ursachen zusam-
menhangen. Wenn der Mensch irgend etwas iBt, das den Magen ver-
stimmt, so ist das natiirlich auch etwas AuBerliches. Bevor im Laufe
der Entwickelung jene Wesen EinfluB gewannen auf den Menschen,
war er so organisiert, daB er in viel starkerem MaBe als heute reagierte
auf das Schlechte, w T as auf ihn von auBen einwirkte. In demselben
MaBe aber, als sie an EinfluB gewannen, verlor er das, was er an In-
stinkten besaB fur das Nichtrichtige. Es war der Mensch vorher in sei-
ner ganzen Organisation noch so, daB er feine Instinkte hatte fur das-
jenige, was fur ihn nicht richtig war, so daB, wenn irgend etwas in
den Magen hinein wollte, was heute darinnenbleibt und dann Unheil
anrichtet, daB dem einfach durch die Instinkte der Eintritt verweigert
wurde. Riickblickend kommen wir immer mehr in Zeiten, in denen
der Mensch in einem feinen Zusammenhange stand mit Kraften seiner
Umgebung, und wo der Mensch in feiner Weise reagierte auf die
Krafte seiner Umgebung. Aber immer unsicherer und unfahiger wurde
der Mensch, das zuriickzuweisen, was ihm nicht dienlich ist.
Nun hangt das noch mit etwas anderem zusammen. Es hangt zu-
sammen damit, daB, je innerlicher der Mensch wurde, drauBen in der
Welt auch etwas geschah : daB nach auBen dasjenige entstand, was wir
als die anderen drei Naturreiche kennen. Die drei Reiche um uns sind
erst allmahlich entstanden. Zuerst war nur der Mensch vorhanden.
Dann gesellte sich dazu das Tierreich, dann das Pflanzenreich und
dann erst das Mineralreich. Wenn wir auf die Urerde zuriickblicken
wiirden, als die Sonne noch mit ihr vereinigt war, wir wiirden einen
Menschen finden, in dem noch alle StofFe der physischen Welt ein-
und ausgehen. Da lebte der Mensch noch im SchoBe der Gotter, da
vertragt der Mensch sozusagen noch alles. Dann muBte er zuriicklas-
sen dasjenige, was als Tierreich abgesetzt ist. Wurde er das mitgenom-
men haben, dann hatte er sich uberhaupt nicht hoher entwickeln kon-
nen. Er muBte das Tierreich und spater auch die Pnanzen heraus-
stoBen. Was drauBen in den Tieren und Pflanzen ist, ist nichts ande-
res als Temperamente, Leidenschaften, gewisse Eigenschaften der
Menschen, die sie heraussetzen muBten. Und als der Mensch seine
Knochen bildete, setzte er heraus die mineralische Welt. Der Mensch
konnte nach einiger Zeit schauen auf die Umgebung und sagen : Frii-
her konnte ich euch vertragen, friiher zogt ihr in mir ein und aus, wie
jetzt die Luft. Als ich noch lebte in der Wassererde, da konnte ich
euch vertragen, ich verarbeitete euch. Jetzt seid ihr drauBen, ich kann
euch nicht mehr vertragen, nicht mehr verarbeiten. - Als den Men-
schen die Haut umschloB, als er ein abgeschlossenes Sonderwesen
wurde, sah er in demselben MaBe um sich herum die Reiche.
Nehmen wir an, es ware so weitergegangen, dann hatten diese We-
sen nicht an dem Menschen gewirkt, dann ware etwas anderes nicht
gekommen. Solange der Mensch gesund ist, solange wird er in einem
normalen Verhaltnis zur AuBenwelt stehen. Wenn er nun gestorte
Krafte in seinem Inneren hat, dann miissen diese zunickgetrieben wer-
den von den Kraften, die der Mensch hat. Sind dazu seine Krafte zu
schwach, dann muB ihm etwas eingefloBt werden gegen das, wogegen
er selbst nicht den Normalwiderstand findet, sondern wogegen er
etwas von auBen aufnehmen muB. Es muB ihm dann etwas einge-
pflanzt werden, damit der Widerstand aufgerufen wird, den er leistete,
als noch die Krafte von drauBen bei ihm aus- und einzogen. Es kann
notig sein, wenn der Mensch krank ist, daB ihm zum Beispiel Krafte
eines Metalles eingefloBt werden. Darum ist die Berechtigung da, dem
Menschen Metalle, Pflanzensafte und dergleichen einzunoBen, etwas
als Heilmittel zu verwenden, mit dem er fruher in Zusammenhang war.
In der Zeit, als die agyptischen Eingeweihten zuriickschauen konn-
ten auf den ganzen Verlauf der Weltentwickelung, da haben sie ge-
nau gewuBt, wie die einzelnen Organe des menschlichen Korpers mit
den Stoffen drauBen korrespondierten, welche Pflanzen, welche Me-
talle dem Kranken eingefloBt werden muBten, und es wird einmal
ein gewaltiger Schatz okkulter Weisheit gehoben werden auf dem
Gebiete der Medizin, den die Menschheit fruher gehabt hat. Heute
wird nicht nur viel gepfuscht auf dem Felde der Medizin, sondern
auch da sehr viel verfehlt, wo in einseitiger Weise dem oder jenem
besondere Heilkrafte zugeschrieben werden. Der wahre Okkultist
wird nie einseitig sein. Wie oft kommt es vor, daB man Bestrebungen
abschutteln muB, die einen KompromiB bilden wollen mit der Geistes-
wissenschaft. Die Geisteswissenschaft kann nicht eine einseitige Me-
thode unterstiitzen, sie will vielmehr die Allseitigkeit der Forschung
begriinden. Es ist einseitig zu sagen : Weg mit alien Giften ! - Solche,
die das sagen, kennen nicht die wahren Heilkrafte. Natiirlich wird
heute Unfug getrieben, denn die Fachleute konnen meist nicht die
ganzen Zusammenhange durchschauen. Und eine gewisse Tyrannis in
der medizinischen Wissenschaft schlieBt das aus, was vom Okkultis-
mus ausgehen kann. Wenn man keine Feldziige gegen die altesten
Gebiete der Medizin fuhren wurde, gegen die MetalleinfloBung, dann
konnte eine Reform eintreten. Mit der modernen Experimentiererei
wird nichts gefunden, was wirklich standhalt gegeniiber den altbe-
wahrten Heilmitteln, die nur laienhafter Unverstand so schrofF be-
kampfen kann, wie das oftmals geschieht. Gerade die alten agyptischen
Eingeweihten waren groB in diesen Geheimnissen. Sie konnten einen
Einblick bekommen in wirkliche Zusammenhange der Entwickelung.
Und wenn heute gewisse Mediziner in einem gewissen herablassenden
Tone von der agyptischen Heilkunde sprechen, so kann man sehr
bald an diesem Tone bemerken, daB sie gerade nichts davon wissen.
Hiermit ist einiges angedeutet, was man von der agyptischen Ein-
weihung wissen muB.
Solche Dinge waren es, die iibergingen ins VolksbewuBtsein. Nun
miissen wir bedenken, daB dieselben Seelen, die heute in unseren
Leibern sind, auch inkarniert waren in jener alten Zeit. Denken wir,
daB dieselben Seelen gesehen haben alle die Abbilder, die die Einge-
weihten gemacht hatten von dem, was sie wuBten durch Schauen in
der geistigen Welt. Wir wissen, daB dasjenige, was die Seele von
Inkarnation zu Inkarnation aufnimmt, immer wieder irgendwie Friich-
te tragt. Wenn auch der Mensch sich nicht erinnern kann, es ist
doch so, daB dasjenige, was heute in der Seele lebt, deswegen in
ihr lebt, weil es frxiher hineingelegt worden ist. Die Seele ist ge-
formt worden diesseits und jenseits des physischen Lebens. Wenn sie
war zwischen Geburt und Tod, wenn sie war zwischen Tod und einer
neuen Geburt, agyptische Vorstellungen haben gewirkt: daher sind
heutige Vorstellungen aus ihnen entstanden. Heute entwickeln sich
bestimmte Vorstellungen aus den agyptischen Vorstellungen heraus.
Nicht aus auBeren Griinden ist entstanden dasjenige, was man heute
Darwinismus nennt. Dieselben Seelen sind es, die in Agypten die
Bilder der tierischen Gestalten der Vorfahren des Menschen erhalten
haben. Alle die Anschauungen sind wieder erwacht, nur ist der Mensch
noch tiefer herabgestiegen in die materielle Welt. Er erinnert sich
daran, daB ihm gesagt worden ist: Unsere Vorfahren waren Tierge-
stalten - aber er erinnert sich nicht, daB das Gotter waren. Das ist
der psychologische Grund, weshalb der Darwinismus auftauchte. Die
Gottergestalten treten in materialistischer Form auf. So besteht ein
intimer geistiger Zusammenhang zwischen der alten und der neuen,
der dritten und der funften Kulturperiode.
Nun ist das nicht etwa das alleinige Schicksal unserer Zeit, daB
der Mensch auf materielle Art sieht, was er friiher im Geistigen,
Spirituellen gesehen hat. Das ware das Schicksal, wenn nicht in der
Zwischenzeit der Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung ein-
getreten ware. Dieses hat nicht nur fur das Leben auf dem phy-
sischen Plan eine Bedeutung gehabt. Wir wollen uns heute vor die
Seele fuhren, was fiir eine Bedeutung die Ereignisse von Palastina
fur die andere Seite des Lebens hatten, wo auch nach dem Tode die
Seelen der alten Agypter waren. Hier auf dem physischen Plan hat
sich das zugetragen, was schon besprochen worden ist. Aber die drei
Jahre der Wirksamkeit des Christus wie das Ereignis von Golgatha
und die Taufe im Jordan sind ebenso von Bedeutung gewesen fur
die Seelen, die auf der Erde verkorpert waren, wie fiir die, welche
sich in dem Zustand zwischen Tod und neuer Geburt befanden.
Wir erinnern uns an die Tatsache, daB der auBere physische Aus-
druck fiir das Ich das Blut ist. Dasjenige, was physisch in den Kraf-
ten des Blutes wirkt, das ist der physische Ausdruck des Ich. Nun
war im Laufe der Evolution ein zu starkes MaB von Egoismus ge-
kommen, das heiBt, daB sich die Ichheit zu stark einpragte dem
Blute. Und dieses «Zuviel» an Egoismus, das muB aus der Mensch-
heit wieder heraus, wenn der Menschheit die Spiritualitat wieder-
gegeben werden soil. Auf Golgatha ist der Impuls gegeben worden
zu dieser Herausbeforderung des Egoismus. Und in demselben Augen-
blicke, in welchem das Blut des Erlosers rann auf Golgatha, in dem-
selben Augenblicke gingen noch andere Vorgange vor sich in der
geistigen Welt. Das Blut des Erlosers rann herab in der materiellen
Welt, in die geistige Welt aber ging hiniiber, was zuviel an iiber-
schussigem Egoismus da war. Der iiberschiissige Egoismus muBte aus
der Welt schwinden, und auf Golgatha wurde dazu der Impuls ge-
geben. Dazu kommt, daB an Stelle des Egoismus in die jetzige Mensch-
heit tritt die allgemeine Menschenliebe.
Aber was war dieses Ereignis von Golgatha? Dieses Ereignis eines
dreieinhalb Tage dauernden Todes auf dem physischen Plan? Es war
dasjenige auf den physischen Plan herausgetragen, was auch in der
geistigen Entwickelung erlebt hatte derjenige, der eingeweiht wurde.
Dreieinhalb Tage war er da tot. Derjenige, der diesen symbolischen
Tod durchgemacht hatte, der konnte der Menschheit sagen: Es gibt
eine Besiegung des Todes. Es gibt ein Ewiges in der Welt. - Be-
siegt war der Tod durch die Eingeweihten, und sie fiihlten sich als
Besieger des Todes. Das Ereignis von Golgatha bedeutet, daB das-
jenige, was sich oft in den Mysterien alter Zeiten abgespielt hat,
einmal historisches Ereignis wurde: die Besiegung des To<des durch
den Geist, daB das jetzt auf den physischen Plan, hinaus in die
Welt getragen war. Wenn wir dies auf die Seele wirken lassen, so
verspiiren wir das, was mit dem Mysterium von Golgatha geschah,
das Neue, als ein Bild der alten Einweihung. Historisch in die Welt
getreten verspiiren wir das einzigartige Ereignis.
Und das war die Folge davon? Was vermochte der Eingeweihte?
Er vermochte zu seinen Mitmenschen aus seinen Erlebnissen heraus
zu sagen : Ich weiB es, daB es eine geistige Welt gibt, daB man in der
geistigen Welt leben kann. Ich habe dreieinhalb Tage in ihr gelebt
und bringe euch von dort Kunde. Ich bringe euch die Gaben der
geistigen Welt. - Nutzlich und zum Heile der Menschheit waren diese
Gaben. Umgekehrt konnte der jenige, der als ein Einzuweihender in
der physischen Welt gelebt hatte, nichts ahnliches den Toten bringen.
Er konnte driiben den Toten nur sagen: Alles dasjenige, was auf
dem physischen Plan geschieht, ist so, daB der Mensch erlost werden
sollte. - So war es, wenn die alten Eingeweihten in der geistigen
Welt mit den Toten verkehrten, denen sie nur die Lehre geben konn-
ten : Leiden ist das Leben, nur die Erlosung ist das Heil.
So lehrte noch der Buddha. So lehrte bei den Lebendigen, so lehrte
bei den Toten der Eingeweihte. Aber durch das Ereignis von Gol-
gatha ist der Tod besiegt worden in der physischen Welt, und fur
die Verstorbenen, die in der geistigen Welt sind, bedeutet das etwas.
Diejenigen, welche den Christus in ihr Inneres aufnehmen, erhellen
wieder das schattenhafte Leben im Devachan. Je mehr der Mensch
hier erlebt von dem Christus, desto heller wird es driiben in der
geistigen Welt. Nachdem das Blut geflossen ist aus den Wunden
des Erlosers - das ist etwas, was zu den Mysterien des Christentums
gehort -, ist der Christus-Geist heruntergestiegen zu den Toten. Das
ist eines der tiefsten Mysterien der Menschheit. Christus stieg hin-
unter zu den Toten und sagte ihnen: Driiben ist etwas geschehen,
das nicht so ist, daB man von ihm auch sagen miiBte: dasjenige, was
driiben geschieht, ist nicht soviel wie das, was hiiben hier geschieht.
Dasjenige, was der Mensch mitbringt in das geistige Reich, in An-
lehnung an dieses Ereigms, das 1st eine Gabe, die mitgebracht werden
kann aus der physischen Welt in die geistige Welt. - Das ist die
Kunde, die Christus den Toten brachte in den dreieinhalb Tagen; er
stieg herab zu den Toten, um sie zu erlosen.
In der alten Einweihung konnte man sagen : Die Fruchte des Gei-
stigen ernten wir im Physischen! Jetzt war ein Ereignis eingetreten
in der physischen Welt, das seine Fruchte brachte und wirkte in der
geistigen Welt. Und man kann sagen: Nicht umsonst hat der Mensch
den Abstieg vollendet zum physischen Plan. Er hat ihn vollendet,
damit hier in der physischen Welt Fruchte gezogen werden konnen
fur die geistige Welt.
DaB die Fruchte gezogen werden konnen, geschah durch Christus,
der da war bei den Lebenden und bei den Toten, der einen Impuls
gegeben hat, so intensiv und so machtig, da6 er alle Welt erschuttert
hat.
ZWOLFTER vortrag
Leipzig, 14. September 1908
Um unsere Aufgabe zu vollenden, soweit sie beabsichtigt war, haben
wir jetzt ein wenig in demselben Sinne den Charakter unserer Zeit
zu studieren, wie wir den Charakter der verflossenen vier nachatlan-
tischen Zeitraume studiert haben bis zum Erscheinen des Christen-
tums. Wir haben gesehen, wie sich nach der atlantischen Katastrophe
entwickelt hat der alte urindische Zeitraum, der urpersische Zeitraum,
der agyptisch-chaldaische Zeitraum. Und wir haben bei der Charak-
teristik des vierten Zeitraumes, des griechisch-lateinischen, gesehen,
da6 in einer gewissen Beziehung da der Mensch in den physischen
Plan hineinarbeitete und daB da das Hineinarbeiten des Menschen
in die physische Welt einen Tiefpunkt erreicht hatte.
Der Grund, warum diese Zeit, die wir auf der einen Seite einen
Tiefstand der Menschheitsentwickelung nennen, auf der anderen Seite
so anziehend, so sympathisch ist fur den heutigen Betrachter, ist
der, daB dieser Tiefstand der Ausgangspunkt fur viele bedeutsame
Ereignisse der heutigen Kulturepoche wurde. Wir haben gesehen, wie
in dieser Zeit der griechisch-lateinischen Kultur eine Ehe zwischen
Geist und Materie eingegangen worden war in der griechischen Kunst.
Wir haben gesehen, daB der griechische Tempel ein Bauwerk war, in
dem der Gott wohnen konnte, und der Mensch konnte sich sagen:
Ich habe die Materie soweit gebracht, daB die Materie fur mich ein
Abdruck des Geistes ist, daB ich in jedem Teile etwas von diesem
Geiste spuren kann. So ist es mit alien griechischen Kunstwerken.
So ist es mit allem, was wir vom Leben der Griechen zu erzahlen
haben. Und diese Welt der Kunstschopfungen, in die der Geist einge-
pflanzt war, machte die Materie so ungeheuer anziehend, daB bei uns
in Mitteleuropa der groBe Goethe die Vereinigung seiner selbst mit
dieser Kulturepoche in der Helena-Tragodie im «Faust» darzustellen
suchte.
Wenn nun die Kultur in der Folgezeit den Fortgang in derselben
Richtung genommen haben wiirde, was wurde die Folge gewesen
sein? Wir konnen das durch eine einfache Skizze verdeutlichen. Im
griechisch-lateinischen Kulturzeitraum ist der Mensch am tiefsten her-
untergestiegen, aber so, daB er in keinem Stiick Materie den Geist
verloren hatte. Es war in alien Schopfungen dieser Zeit der Geist in
der Materie verkorpert. Betrachten wir eine griechische Gottergestalt,
so erblicken wir iiberall, wie der griechische Schopfergenius dem
auBeren StofFe eingepragt hat das Geistige. Der Grieche hatte zwar
die Materie sich erobert, aber den Geist nicht dabei verloren. Der
normale Fortgang der Kultur ware nun in der Folge gewesen, daB
man unter das Niveau heruntergestiegen ware, unter die Materie her-
untergetaucht ware, so daB der Geist geworden ware zum Sklaven der
Materie.
Wir brauchen nur einen unbefangenen Blick auf die Umgebung, die
um uns ist, zu richten, und wir werden erkennen, daB auf der einen
Seite in der Tat das geschehen ist. Der Ausdruck dieses Niederstieges
ist der Materialismus. Es ist wahr, daB sich in keinem Zeitraum der
Mensch die Materie mehr erobert hat als in unserer Zeit, aber nur zur
Befriedigung leiblicher Bedurfnisse. Wir brauchen bloB zu betrachten,
mit welch primitiven Mitteln die gigantischen Pyramiden aufgebaut
worden sind und brauchen das nur zu vergleichen mit dem Schwung
und dem Hochflug, den der agyptische Geist in die Geheimnisse des
Weltendaseins nehmen konnte. Wir brauchen bloB daran zu denken,
in welch tiefstem Sinne fur die Agypter ihre Gotterbilder Abdriicke,
Abbilder waren von demjenigen, was im Kosmos und auf Erden in
der Vergangenheit vorgegangen war. Derjenige, der in Agypten da-
mals hineinschauen konnte in die geistige Welt, der lebte in dem,
was unsichtbar geworden ist in der atlantischen Zeit, was aber Tat-
sache der Erdenentwickelung war in der lemurischen Zeit. Und der-
jenige, der nicht Eingeweihter wurde, der zum Volke gehorte, der
konnte mit seiner ganzen Empfindung, mit seiner ganzen Seele Anteil
nehmen an diesen geistigen Welten. Doch prirnkiv waren die Mittel,
mit denen man auBerlich auf dem physischen Plan arbeiten muBte.
Vergleichen wir das mit unserer Zeit. Wir brauchen nur die heutigen
zahlreichen Lobreden zu lesen von unseren Zeitgenossen, die iiber
die groBen Fortschritte unserer Zeit handeln. Es braucht ja von seiten
der Geisteswissenschaft gar nichts dagegen eingewendet zu werden.
Immer mehr erreicht der Mensch durch die Eroberung der Elemente.
Aber betrachten wir die Sache von einer anderen Seite.
Sehen wir hin auf weit zuriickliegende Zeiten, wo die Menschen
mit einfachen Reibsteinen das Korn der Erde zerrieben und daneben
in ungeheure Hohen des geistigen Lebens hinaufschauen konnten.
Von den Hohen, in die da geschaut wurde, davon hat die Mensch-
heit heute in ihrer Mehrzahl gar keine Ahnung. Gar keine Ahnung
hat sie von dem, was ein chaldaischer Eingeweihter erlebte, wenn er
in seiner Art die Sterne, Tiere, Pflanzen, Mineralien im Zusammen-
hang mit dem Menschen sah, wenn er die Heilkrafte erkannte. Die
agyptischen Priesterweisen waren Menschen, denen die heutigen Arzte
nicht das Wasser reichen konnen. In diese Hohen des geistigen Lebens
konnen sich die heutigen Menschen nicht hineinleben. Erst die Gei-
steswissenschaft wird in der Lage sein, einen Begriff zu bilden von
demjenigen, was die alten chaldaisch-agyptischen Eingeweihten sahen.
Dasjenige, was zum Beispiel heute als Auslegung der Inschriften ge-
geben wird, in denen tiefe Mysterien lagen, das ist nur eine Kari-
katur gegenuber der alten Bedeutung. So finden wir in alten Zeiten
wenig Macht der Menschen iiber die Mittel zur Arbeit auf dem phy-
sischen Plan, dagegen gewaltige Krafte in bezug auf die geistige
Welt.
Und immer defer steigt der Mensch in die Materie, immer mehr
verwendet er die Geisteskrafte, um den physischen Plan zu erobern.
Ist es nicht etwa so, dafi man sagen konnte, der menschliche Geist
wird ein Sklave des physischen Plans? Und in gewisser Weise steigt
er noch unter den physischen Plan herunter. Wenn der heutige Mensch
ungeheure Geisteskrafte verwendet hat, um das DampfschifT, die
Eisenbahn, das Telephon zu bilden, wozu braucht er diese? Welche
Unsumme von Geist ist dadurch abgezogen worden von dem Leben
fur die hoheren Welten! Der Geisteswissenschafter ist aber vollstandig
damit einverstanden, er will nicht Kritik an unserer Zeit iiben, weil
er weifi, dafi es notig war, den physischen Plan zu erobern, aber dabei
bleibt es doch wahr, daft der Geist in die physische Welt herunter-
getaucht ist. Bedeutet es fur den Geist irgend etwas Besonderes, Be-
deutenderes, irgend etwas mehr, wenn man anstatt daB man selbst
Korner mit Reibsteinen zerreibt, wenn man heute mit dem Telephon
nach Hamburg spricht, um dort zu bestellen, was man braucht, damit
es per Dampfschiff von Amerika gesendet werden kann? Welch un-
geheure Geisteskraft ist darauf verwendet worden, wenn heute eine
Dampfschifrverbindung mit Amerika und mit vielen anderen fernen
Landern besteht ! Wir fragen uns, wenn wir so eine Verbindung zwi-
schen alien Erdteilen hergestellt haben, ist es nicht nur zur Befriedigung
des materiellen Lebens, unserer korperlichen Bedurfnisse, fur die eine
Unsumme von Geist verwendet worden ist? Und da alles verteilt ist
in der Welt, so ist dem Menschen nicht viel Geisteskraft iibrigge-
blieben auGer der, welche er verwendet hat fur die materielle Welt,
um hinaufzusteigen in die geistige Welt. Der Geist ist der Sklave
der Materie geworden. Hat der Grieche in seinen Kunstwerken den
Geist verkorpert gesehen, heute ist der Geist tief heruntergestiegen,
und wir haben ein Zeugnis dafiir in den vielen technischen und ma-
schinellen Einrichtungen unserer Industrie, welche nur den materiel-
len Bediirfnissen dienen. Und nun fragen wir uns, ist es wirklich ge-
schehen, daB der Mensch zu tief hinuntergestiegen ist?
Es ware geschehen, und es ware so gekommen, daB der Mensch
in der Zukunft die groBten, gewaltigsten Eroberungen gemacht hatte
auf dem physischen Plan, wenn nicht das eingetreten ware, wovon
wir in der vorigen Betrachtung gesprochen haben. Auf dem Tief-
punkt der Menschheksentwickelung wurde der Menschheit durch den
Christus-Impuls etwas einverleibt, was ihr den AnstoB zu einem neuen
Aufstieg gab. Das Eintreten des Christus-Impulses in die Mensch-
heitsentwickelung bildet die andere Seite der Kultur fortan. Er hat
den Weg gezeigt zur Uberwindung der Materie. Er brachte die Kraft,
durch welche der Tod iiberwunden werden kann. Dadurch hat er der
Menschheit weiter die Moglichkeit geboten, wieder hinauf sich zu
erheben tiber das Niveau des physischen Plans. Es muBte dieser ge-
waltigste Impuls gegeben werden, ein Impuls, der so wkkungsvoll
wurde, daB die Materie in so grandioser Weise iiberwunden ward,
wie das dargestellt worden ist im Johannes-Evangelium, in der Taufe
im Jordan und im Mysterium von Golgatha.
Christus Jesus, der vorherverkiindet worden war von den Prophe-
ten, hat den gewaltigsten Impuls der ganzen Menschheitsevolution
gegeben. So muBte sich erst der Mensch trennen von den spirituellen
Welten, um erst wieder an diese anzukniipfen mit der Christus-Wesen-
heit. Aber wir konnen das noch nicht vollstandig verstehen, wenn
wir nicht noch tiefer eindringen in die Zusammenhange der ganzen
Menschheitsentwickelung .
Wir haben darauf hinzuweisen, daB das, was wir die Erscheinung
des Christus auf der Erde nennen, ein Ereignis ist, das nur auf dem
Tiefpunkt, als der Mensch soweit gesunken war, eintreten konnte.
Der griechisch-lateinische Zeitraum steht mitten drinnen in den sieben
nachatlantischen Epochen. Kein anderer Zeitpunkt ware der richtige
gewesen. Wo der Mensch Personlichkeit wurde, da muBte auch zu
seiner Rettung der Gott Personlichkeit werden, um ihm die Moglich-
keit zu geben, wieder hinaufzusteigen. Wir haben gesehen, daB der
Romer erst im romischen Biirgertum seiner Personlichkeit sich be-
wuBt wurde. Friiher hatte der Mensch doch noch in den Hohen der
geistigen Welt gelebt; jetzt war er ganz heruntergestiegen bis zum
physischen Plan. Und nun muBte er durch den Gott selbst wieder
hinaufgefiihrt werden.
Tiefer miissen wir uns noch einlassen auf den dritten, den funften
und den mittleren Zeitraum. Wir diirfen nicht in schulmaBiger Weise
agyptische Mythologie treiben, aber wir miissen die charakteristischen
Punkte hervorheben, welche uns tiefer hineinfuhren in das Gefuhls-
und Empfindungsleben der alten Agypter, um uns dann zu fragen,
wie dieses in unserer Zeit wieder aufleuchtet. Da miissen wir etwas
bedenken.
Wir haben gesehen, wie alle die gewaltigen Bilder von der Sphinx,
von der Isis und dem Osiris in den agyptischen Mythen und Myste-
rien Erinnerungen an alte Menschheitszustande waren. Alles das war
wie eine Spiegelung in den Seelen, eine Spiegelung alter Vorgange
der Erde. Der Mensch sah zuriick in seine uralte Vergangenheit,
sah seinen Ursprung. Das geistige Dasein seiner Vorfahren, seiner
Vater konnte der Eingeweihte wieder erleben. Wir haben gesehen,
wie der Mensch sich heraufentwickelt hat urspriinglich aus einer
Gruppenseelenhaftigkeit. Wir konnten darauf hinweisen, wie diese
Gruppenseelen in den vier Gestalten der apokalyptischen Tiere er-
halten geblieben sind. Der Mensch entwickelte sich auch aus einer
solchen Gruppenseelenhaftigkeit heraus, aber so, daB er nach und nach
seinen Korper verfeinert hat und zur Entwickelung der Individualitat
gekommen ist. Wir konnen das historisch verfolgen. Lesen wir die
«Germania» des Tacitus. In den Zeiten, die da geschildert werden,
die fur die germanischen Gegenden die Zustande in dem ersten Jahr-
hunderte nach Christus wiedergeben, finden wir, wie das BewuBtsein
des einzelnen vielmehr noch im GemeinsamkeitsbewuBtsein aufgeht,
wie noch der Stammesgeist herrscht, wie der Cherusker zum Beispiel
sich noch als Giied seines Stammes fiihlte. Dieses BewuBtsein ist noch
so stark vorhanden, daB der einzelne fur einen anderen derselben
Gruppe Rache nimmt. Es findet in der Sitte der Blutrache seinen
Ausdruck. Da war also noch eine Art Gruppenseelenhaftigkeit vor-
handen. Diese Gruppenseelenhaftigkeit hat sich bis in spate nach-
atlantische Zeiten erhalten. Alles das sind aber nur Nachklange. In
der letzten Zeit der Atlantis verschwand im allgemeinen das Gruppen-
bewuBtsein im wesentlichen. Nur die Nachzugler haben wir eben ge-
schildert. In Wahrheit wuBten damals die Menschen nichts mehr von
der Gruppenseele. In der atlantischen Zeit aber wuBte der Mensch
noch davon. Da sagte er noch nicht «Ich» von sich. Dieses Gefiihl
der Gruppenseelenhaftigkeit iibertrug sich dann nur in etwas auf die
folgenden Generationen.
So sonderbar das scheinen mag, es ist so, daB das Gedachtnis in
alteren Zeiten eine ganz andere Bedeutung und Kraft hatte. Was ist
heute denn das Gedachtnis? Denken Sie einmal nach, ob Sie sich
noch erinnern an einzelne Vorgange ihrer ersten Kindheit? Es wird
nur wenig sein. Weiter als bis zur Kindheit geht es aber nicht. An
nichts werden Sie sich erinnern, was vor Ihrer Geburt liegt. So war
es damals noch nicht in der atlantischen Zeit. Auch noch in der
ersten nachatlantischen Zeit erinnerte sich der Mensch an dasjenige,
was sein Vater, GroBvater, UrgroBvater erlebt hatten. Und es hatte
gar keinen Sinn davon zu sprechen, daB zwischen Geburt und Tod
ein Ich ist. Da ging das in der Erinnerung bis in die Jahrhunderte
zuriick. Soweit das Blut herunterfloB von dem Urahnen au£ die
Nachkommen, so weit reichte das Ich. Das Gruppen-Ich ist damals
nun nicht raumlich ausgebreitet iiber die Zeitgenossen zu denken,
sondern hinaufgehend in die Generationen. Deshalb wird der heu-
tige Mensch nie verstehen, was als Nachklang davon in den alten Patri-
archenerzahlungen gegeben ist: daB Noah, Abraham und so wei-
ter so alt geworden sind. Sie zahlten ihre Vorfahren durch mehrere
Generationen hinauf noch zu ihrem Ich. Davon kann sich der heu-
tige Mensch keinen Begriff mehr machen. Es hatte in diesen Zeiten
keinen Sinn gehabt, einen einzelnen Menschen zwischen Geburt und
Tod zu benennen. Es setzte sich das Gedachtnis in der ganzen Ahnen-
reihe aufwarts durch Jahrhunderte hindurch fort. Soweit der Mensch
sich erinnerte durch Jahrhunderte hindurch, soweit gab man ihm
seinen Namen. Adam war sozusagen das Ich, das mit dem Blute durch
die Generationen floB. Erst wenn man diese realen Tatsachen kennt,
dann weiB man, wie es mit solchen Dingen steht. In dieser Gene-
rationenreihe fuhlte sich der Mensch geborgen. Das ist in der Bibel
gemeint, wenn es heifit «Ich und der Vater Abraham sind eins».
Wenn das der Bekenner des Alten Testaments sagte, dann fuhlte
er sich erst recht als Mensch innerhalb der Generationenreihe. Auch
noch bei den ersten nachatlantischen Menschen, selbst bei den Agyp-
tern, war dieses BewuBtsein vorhanden. Man fuhlte die Gemeinsam-
keit des Blutes. Und das bewirkte auch fur das geistige Leben etwas
Besonderes.
Wenn heute der Mensch stirbt, so hat er ein Leben in Kamaloka,
an das sich ein verhaltnismaBig langes Devachanleben anschlieBt. Das
aber ist schon eine Folge des Christus-Impulses. Das gab es damals in
den vorchristlichen Zeiten nicht, damals fuhlte sich der Mensch ge-
bunden bis in die Stammvaterzeit. Heute muB sich der Mensch in
Kamaloka abgewohnen die Begierden und Wiinsche, an die er in der
physischen Welt sich gewohnt hatte; davon hangt die Dauer dieses
Zustandes ab. Der Mensch hangt an seinem Dasein zwischen Geburt
und Tod; in alten Zeiten hing man noch an viel mehr. Da hing man
mit dem physischen Plan so zusammen, daB man sich als ein Glied der
ganzen physischen Generationenreihe fuhlte. Da hatte man in Kama-
loka nicht blofi das Hangen an dem individuellen physischen Dasein
durchzumachen, man muBte wirklich durchlaufen in Kamaloka all das,
was zusammenhangt mit den Generationen bis zum Urahn hinauf . Man
durchlebte dieses riickwarts. Das hatte das zur Folge, was als tiefe
Wahrheit dem Ausspruche zugrunde liegt: Sich geborgen fuhlen in
Abrahams SchoB. - Der Mensch fiihlte: Nach dem Tode geht es hin-
auf durch die ganze Reihe der Ahnen. Und der Weg, den man da
durchzumachen hatte, wurde genannt: Der Weg zu den Vatern. -
Erst wenn der Mensch diesen Weg durchgemacht hatte, erst dann
konnte er hinaufgehen in die geistigen Welten, dann erst konnte er
den Gotterweg gehen. Es machte die Seele damals den Vaterweg und
den Gotterweg durch.
Nun haben sich die Kulturen ja nicht so schroff abgelost. Das We-
sen der indischen Kultur ist ja geblieben, aber es hat sich geandert.
Es ist geblieben neben den folgenden Kulturen. In der der agyptischen
gleichzeitigen Fortsetzung der indischen Kultur ist auch etwas Ahn-
Hches aufgetaucht. Heute verwechselt man so leicht dasjenige, was
spater und dasjenige, was fruher ist. Daher ist so stark betont worden,
daB ich nur Andeutungen aus der alleraltesten Zeit machte. Unter
anderem haben nun die Inder auch aufgenommen die Anschauung von
dem Vaterweg und dem Gotterweg.
Je mehr der Mensch nun eingeweiht worden ist, je mehr er sich
frei gemacht hat von dem Hangen an der Heimat und an den Vatern,
je mehr er heimatlos geworden war, desto langer wurde der Gotter-
weg, desto kiirzer der Vaterweg. Derjenige, der mit alien Fasern an
den Vatern hing, hatte einen langen Vaterweg, einen kurzen Gotter-
weg. In der Terminologie des Orients nannte man den Vaterweg
Pitriyana und den Gotterweg Devayana. Wenn wir heute den Aus-
druck Devachan gebrauchen, so sollen wir uns klar sein, daB das nur
ein Ausdruck ist, den wir gebrauchen muBten. Ein alter Vedantist
wurde uns einfach auslachen, wenn wir ihm mit Darstellungen kamen,
die wir geben vom Devachan. Es ist nicht so leicht, sich in die orien-
talische Denk- und Anschauungsweise Mneinzufinden. Wir mussen
manchmal gegen diejenigen, die vorgeben, die orientalischen Wahr-
heiten zu geben, diese Wahrheiten geradezu in Schutz nehmen. Gar
mancher, der heute irgendwelche Darstellungen als sogenannte indi-
sche Lehre erhalt, hat kein BewuBtsein davon, daB er eine recht kon-
fuse Lehre erhalt. Die heutige Geisteswissenschaft braucht doch kei-
nen Anspruch darauf zu machen, eine orientalisch-indische Lehre zu
sein. In gewissen Kreisen liebt man zwar das, was recht weit, zum
Beispiel aus Amerika herkommt. Aber die Wahrheit ist iiberall zu
Hause. Die antiquarische Forschung gehort den Gelehrten, aber Gei-
steswissenschaft ist Leben. Die geisteswissenschaftliche Wahrheit kann
jeden Augenblick erforscht werden und iiberall. Das miissen wir uns
vor die Seele halten.
Nun war bei den alten Agyptern dasjenige, was wir eben anfuhr-
ten, nicht nur Theorie, sondern auch Praxis. Praktisch war auch das,
was in den groBen Mysterien der Agypter gelehrt wurde. Es hatte
damit eine besondere Bewandtnis, die wir bei tieferem Eindringen
in dieselben noch kennenlernen werden. Die Mysterien der alten
Agypter erstrebten etwas ganz Besonderes. Heute kann der Mensch
leicht daniber lacheln, wenn ihm gesagt wird, daB der Pharao in einer
bestimmten Zeit eine Art Eingeweihter war, wenn ihm erzahlt wird,
wie der Agypter stand zu seinem Pharao, wie er stand zu seinen Staats-
einrichtungen. Fur den europaischen Gelehrten der Gegenwart ist es
ganz besonders lacherlich, wenn sich der Pharao den Namen «Sohn
des Horus» oder sogar «Horus» selbst beilegte. Sonderbar erscheint
uns heute, nicht wahr, wie der Mensch als Gott verehrt werden kann ;
etwas Abstruseres kann man sich ja nicht denken. Der heutige Mensch
kennt eben den Pharao und seine Mission nicht. Man weifi eben nicht,
was die Pharao-Einweihung wirklich war. Heute sieht man in einem
Volke nur eine Gruppe von Menschen, die man zahlen kann. Ein Volk
ist dem heutigen Menschen ein wesenloses Abstraktum, Realitat ist
einzig eine gewisse Summe von Menschen, die ein gewisses Gebiet er-
fullen. Das ist das «Volk» nicht fur denjenigen, der auf dem Stand-
punkte des Okkultismus steht. Wie der Finger als einzelnes Glied zum
ganzen Leibe gehort, so gehoren die einzelnen Menschen des Volkes
zu einer Volksseele. Sie sind sozusagen in sie eingebettet, nur ist die
Volksseele nicht physisch, sie ist nur als Athergestalt real. Sie ist eine
absolute Realitat: der Eingeweihte kann sich mit dieser Seele unter-
halten. Sie ist sogar viel realer fur ihn als die einzelnen Individualitaten
eines Volkes, viel realer als ein einzelner Mensch. Fur den Okkultisten
gelten auch die geistigen Erfahrungen, da ist die Volksseele etwas
durchaus Reales. Betrachten wir einmal ganz schematisch diesen Zu-
sammenhang der Volksseele mit den Individuen.
Wenn wir die einzelnen Individuen als kleine Kreise denken, die
einzelnen Iche, so sind diese nur fur die auBere physische Betrachtung
Einzelwesen. Wer geistig sie betrachtet, der sieht diese einzelnen Indi-
vidualitaten eingebettet wie in einen atherischen Nebel, und das ist
die Verkorperung der Volksseele. Nun denkt, tut, fuhlt und will der
einzelne Mensch etwas. Er strahlt seine Gefiihle und Gedanken in die
gemeinsame Volksseele hinein. Diese wird gefarbt von dieser Aus-
strahlung. Dadurch wird die Volksseele durchsetzt von den Gedanken
und Gefiihlen der einzelnen Menschen. Und wenn wir absehen vom
physischen Menschen und nur seinen Atherleib und Astralleib be-
trachten, und dann den Astralleib eines ganzen Volkes betrachten,
dann sehen wir, daB der Astralleib eines ganzen Volkes seine Farben-
schattierungen von den einzelnen Menschen erhalt.
Das wuBte der alte agyptische Eingeweihte, aber er wuBte noch
etwas mehr. Der alte Agypter fragte sich, wenn er diese Volkssub-
stanz betrachtete: Was lebt denn eigentlich in der Volksseele? - Was
sah er darin? Er sah in seiner Volksseele die Wiederverkorperung der
Isis. Er sah, wie sie gewandelt war einst unter den Menschen selbst.
Die Isis wirkte in der Volksseele. Er sah in ihr dieselben Wirkungen
wie die vom Monde ausgehenden: diese Krafte wirkten in der Volks-
seele. Und dasjenige, was der Agypter als Osiris sah, wirkte in den
individuellen geistigen Strahlen; darin erkannte er die Osiriswirkung.
Die Isis aber sah er in dieser Volksseele.
Osiris war also fur den physischen Plan nicht sichtbar. Osiris war
gestorben fur den physischen Plan. Nur wenn der Mensch gestorben
war, wurde Osiris ihm wieder vor Augen gestellt. Daher lesen wir
im agyptischen Totenbuche, wie der Agypter fuhlte, er werde im Tode
mit Osiris vereint, er werde selbst ein Osiris. Osiris und Isis wirkten
zusammen im Staat und in dem einzelnen Menschen als seinen Glie-
dern.
Nun betrachten wir den Pharao wieder und bedenken, daB das fur
ihn eine Realitat war. Es bekarn der einzelne Pharao vor der Initia-
tion einen Unterricht, damit er das nkht nur mit dem Verstande be-
griff, sondern damit fur ihn das eine Wahrheit, eine Realitat wurde.
Er muBte soweit gebracht werden, daB er sich sagen konnte: Will ich
regieren das Volk, so muB ich hinopfern von meiner Geistigkeit einen
Teil, muB einen Teil meines Astralleibes, einen Teil meines Atherleibes
ausldschen. In mir miissen wirken das Osiris- und das Isisprinzip. Ich
personlich darf nichts wollen: wenn ich etwas spreche, muB Osiris
sprechen; wenn ich etwas tue, muB Osiris es tun; wenn ich die Hand
bewege, muB Isis und Osiris wirken. Darstellen muB ich den Sohn
der Isis und des Osiris, den Horus.
Initiation ist keine Gelehrsamkeit. Aber so etwas zu konnen, sich
so hinopfern zu konnen wie der Pharao, das hangt mit der Initiation
zusammen. Denn, was er hinopferte von sich, das konnte ausgefiillt
werden mit Teilen der Volksseele. Der Teil, dessen sich der Pharao
begab, den er hinopferte, dieser Teil gab ihm gerade Macht. Denn die
berechtigte Macht entsteht nicht dadurch, daB man die Personlichkeit
als eigene Personlichkeit erhoht, sondern die berechtigte Macht ent-
steht dadurch, daB man in sich aufnimmt, was iiberragt die Grenzen
der Personlichkeit: eine hohere geistige Macht. Der Pharao hatte in
sich aufgenommen eine solche Macht, und die wurde reprasentiert
nach aufien durch die Urausschlange.
So haben wir wiederum in ein Mysterium hineingeschaut. Wir haben
etwas viel Hoheres gesehen, als gegeben wird heute als Erklarungen,
wenn man heute von den Pharaogestalten spricht.
Wenn nun der Agypter solche Gefiihle hegte, woran muBte ihm da
im besonderen liegen? Es muBte ihm daran liegen, daB die Volksseele
so stark wie moglich wurde, daB sie moglichst reich an guten Kraften
wurde, daB sie nicht vermindert wurde. Mit dem, was die Menschen
durch die Blutsverwandtschaft hatten, mit dem konnten die agypti-
schen Eingeweihten nicht rechnen. Aber dasjenige, was als geistige
Giiter die Vorvater gesammelt hatten, das sollte Gut werden der ein-
zelnen Seele. Das wird uns angedeutet im Totengericht da, wo der
Mensch den zweiundvierzig Totenrichtern gegeniibergestellt wird. Da
werden abgewogen die Taten der einzelnen. Wer sind die zweiund-
vierzig Totenrichter? Es sind die Ahnen. Man hatte den Glauben, daB
das Leben des Menschen sich verwoben habe mit dem von zweiund-
vierzig Ahnen. Driiben sollte er sich vor ihnen verantworten, ob er
wirklich aufgenommen hatte, was sie ihm geistig geboten hatten. So
war das, was die agyptischen Mysterienlehren enthielten, etwas, was
praktisch werden sollte fur das Leben, was aber auch verwertet wer-
den sollte fur die Zeit jenseits des Todes, fur das Leben zwischen
Tod und einer neuen Geburt. In der agyptischen Epoche hatte sich
der Mensch schon verstrickt mit der physischen Welt. Zugleich aber
muBte er aufschauen zu seinen Ahnen in der anderen Welt und muBte
das von ihnen Ererbte in der physischen Welt kultivieren. Durch dies
Interesse wurde er an den physischen Plan gefesselt, indem er mit-
wirken muBte an dem, was die Vater gewirkt hatten.
Nun nriissen wir bedenken, daB die heutigen Seelen Wiederverkor-
perungen der alten agyptischen Seelen sind. Was bedeutet nun das,
was damals geschah, den heute lebenden Seelen, die es in ihrer agyp-
tischen Inkarnation erlebt haben? Alles was damals die Seele erlebt hat
zwischen Tod und einer neuen Geburt, alles dasjenige hat sich ver-
woben mit der Seele, ist in dieser Seele und ist wiedererstanden in
dem Zeitraume, der der unsrige, der funfte ist, der die Friichte des
dritten Zeitraumes wiederbringt, die in den Neigungen, in den Ideen
auftreten der heutigen Zeit, die ihre Ursache haben in der alten agyp-
tischen Welt. Heute kommen wieder heraus alle Ideen, die damals
keimartig in die Seelen hineingelegt worden sind. Deshalb ist es leicht
einzusehen, daB dasjenige, was die Menschen sich heute erobern auf
dem physischen Plan, nichts weiter ist als eine Vergroberung des Hin-
auslegens des Interesses auf den physischen Plan, wie es im alten
Agypten vorhanden war, nur sind heute die Menschen noch tiefer in
die Materie verstrickt worden. Wir haben schon in der Mumiflzierung
der Toten eine Ursache gesehen dessen, was als materielle Auffassung
auf dem physischen Plan ausgelebt wird.
Denken wir uns eine Seele der damaligen Zeit. Denken wir uns eine
Seele, die damals als Schiiler eines alten Eingeweihten gelebt hat.
Ein solcher Schiiler hat den geistigen Blick hinaufgelenkt bekommen
durch wirkliche Anschauung zu dem Kosmos. Wie im Monde Osiris
und Isis wandelten, das war geistige Anschauung fur ihn geworden.
Alles war durchtrankt von geistig-gottlichen Wesenheiten. Das hat er
in seine Seele aufgenommen. Er wird wieder verkorpert im vierten
und funften Zeitraum. Im funften Zeitraum erlebt ein solcher Mensch
das alles wieder. Es kommt ihm als eine Erinnerung zuriick. Was ge-
schieht nun damit? Zu allem, was da in der Sternenwelt lebt, blickte
der Schtiler auf. Dieser Aufblick lebt wieder auf in irgendeinem Men-
schen des funften Zeitraums. Er erinnert sich an das, was er damals
gesehen und gehort hat. Er kann es nicht wiedererkennen, weil es
eine materielle Farbung bekommen hat. Das Geistige ist es nicht mehr,
was er sieht, aber die materiell-mechanischen Beziehungen entstehen
wieder, und er schafft sich den Gedanken in materialistischer Form
als Erinnerung wieder. Wo er fruher gesehen hatte gottliche Wesen-
heiten, Isis und Osiris, da sieht er jetzt nur noch abstrakte Krafte
ohne das geistige Band. Diese geistigen Beziehungen erscheinen ihm
wieder in Gedankenform. Es ersteht alles wieder, aber in materieller
Gestalt.
Wenden wir das auf eine bestimmte Seele an, die damals einen Ein-
blick erhielt in die groBen kosmischen Zusammenhange ; denken wir
uns, es ersteht dasjenige, was fruher in Agypten geistig gesehen wor-
den ist, vor dieser Seele. Es ersteht heute wieder in dieser Seele, im
funften nachatlantischen Zeitraum : und wir haben die Seele des Koper-
nikus. Das kopernikanische Weltsystem ist so entstanden als eine Er-
innerungsanschauung an die geistigen Erlebnisse im alten Agypten.
Ebenso steht es mit dem Weltsystem Keplers. Diese Menschen haben
aus ihrer Erinnerung diese groBen Gesetze wiedergeboren aus dem,
was sie in der agyptischen Zeit erlebt hatten. Und nun denken wir
daran, wie so etwas in der Seele als eine leise Erinnerung auflebt,
denken wir daran, daB dasjenige, was eigentlich ein solcher Geist
denkt, im alten Agypten in spiritueller Form von ihm erlebt worden
ist. Was kann uns ein solcher Geist dann sagen? DaB es ihm ist, wie
wenn er zuriickblickte ins alte Agypterland. Es ist so, wie wenn er
das in neuer Gestalt nun wiederbringt, wenn ein solcher Geist sagt:
«Nunmehr aber, nachdem mir seit anderthalb Jahren das erste Mor-
genrot, seit wenigen Monaten der voile Tag, seit wenigen Tagen end-
lich die reine Sonne der wundervollsten Betrachtungen aufgegangen,
halt mich nichts mehr zuriick; ich will schwarmen in heiliger Glut;
ich will die Menschenkinder hohnen mit dem einfachen Gestandnis,
daB ich die goldenen GefaBe der Agypter entwende, urn meinem Gott
ein Gezelt daraus zu bauen, weit entfernt von Agyptens Grenzen.»
1st es nicht wie eine wirkliche Erinnerung, die der Wahrheit ent-
spricht? Und diesen Ausspruch hat Kepler getan. Bei ihm finden wir
auch den Ausspruch: «Es pocht die alte Erinnerung an mein Herz.»
So wunderbar hangen die Dinge in der Menschheitsevolution zusam-
men. In so manchen sinnvollen, ratselhaften Ausspruch kommt Licht
und Bedeutung, wenn man die geistigen Zusammenhange verspiirt.
Dann erst wird das Leben groB und gewaltig, dann fuhlen die Men-
schen sich hinein in ein groBes Ganzes, wenn sie verstehen, daB der
einzelne nur eine individuelle Ausgestaltung des durch die Welt zie-
henden Spirituellen ist.
Ich habe auch schon einmal darauf aufmerksam gemacht, daB es eine
materialistische Vergroberung dessen ist, was die Agypter als Gotter
dargestellt haben in Tiergestalt, was auferstanden ist in unserer Zeit
als Darwinismus. So konnte ich auch zeigen, daB, wenn man richtig
Paracelsus versteht, man erkennen kann, daB seine Heilkunde ein Wie-
derauf leben dessen ist, was in den Tempeln des alten Agyptens gelehrt
wurde. Betrachten wir einen solchen Geist, wie Paracelsus war. Einen
merkwurdigen Ausspruch finden wir bei ihm. Wer sich hineinvertieft
in Paracelsus, der weiB, welch hoher Geist in ihm lebte. Er hat einen
merkwurdigen Ausspruch getan, er sagte: In vielem habe er vieles
gelernt, am wenigsten zwar habe er auf Akademien gelernt, er habe
aber auf seinem Zuge durch die Lander viel von dem Volke und aus
alten Traditionen gelernt. - Es entzieht sich uns die Moglichkeit, auf
Beispiele nur hinzuweisen, wie tiefe Wahrheiten in unserem Volke
noch vorhanden sind, die gar nicht mehr verstanden werden, die
Paracelsus aber verwerten konnte. Er sagte, er habe ein Buch gefun-
den mit tiefen medizinischen Wahrheiten. Und welches Buch nennt
er da? Die Bibell Er meint damit nicht nur das Alte, im wesentlichen
meint er das Neue Testament. Man muB nur die Bibel lesen konnen,
um das darin zu finden, was Paracelsus darin fand. Und was wurde
aus der Medizin des Paracelsus ? Wahr ist es, sie ist eine alte Erinne-
rung an die alte agyptische Heilmethode. Dadurch aber, daB er die
Geheimnisse des Christentums aufnahm, den Impuls nach oben, sind
seine Werke von spiritueller Weisheit durchdrungen worden, sie sind
durchchristet worden. Das ist der Gang in die Zukunft. Das ist das-
jenige, was alle tun muBten, welche den Riickweg immer mehr bahnen
wollen aus dem Fall in die Materie in der neuesten Zeit. Es gibt da
eine Moglichkeit, die groBen materiellen Fortschritte nicht zu unter-
schatzen. Es gibt aber auch die Moglichkeit, das Spirituelle in sie ein-
flieBen zu lassen.
Wer heute studiert, was die materielle Wissenschaft bieten kann,
wer in die materielle Wissenschaft hinuntersteigt und nicht zu bequem
ist, sich in sie zu vertiefen, der tut auch als Geisteswissenschafter gut
daran. Viel kann man lernen von den rein materialistischen Forschern.
Wir kdnnen dasjenige, was wir da finden, durchdringen mit dem rei-
nen Geist, den die Geistes wissenschaft bieten kann. Wenn wir so alles
durchdringen mit dem Spirituellen, dann ist das richtig verstandenes
Christentum. Es ist nichts anderes als eine Verleumdung der Geistes-
wissenschaft, wenn die Menschen sagen, sie sei eine phantastische
Weltanschauung. Sie kann stehen ganz fest und sicher auf dem Boden
aller Realitat. Und es ware nur ein elementarster Anfang der Geistes-
wissenschaft, wenn man sich vertiefen wollte in ein schematisches Dar-
stellen der hoheren Welten. Nicht so sehr darauf kommt es an, daB
der Geisteswissenschafter die Dinge bloB weiB und auswendig lernt
die geisteswissenschaftlichen Begriffe. Darauf kommt es nicht allein
an. Sondern darauf kommt es an, daB die Lehren und Anschauungen
iiber die hoheren Welten fruchtbar werden im Menschen, daB in alles,
in das alltagliche Leben hineingetragen werden die wahren geistes-
wissenschaftlichen Lehren.
Nicht darauf kommt es an, daB man predigt von der allgemeinen
Bruderliebe. Es ist am besten, so wenig wie moglich davon zu reden.
Es ist mit einer solchen Phrase so, wie wenn man zum Ofen sagt:
Lieber Ofen, deine Aufgabe ist, das Zimmer zu warmen. Erfiille deine
Aufgabe. - So ist es mit den Lehren, die durch solche Phrasen ge-
geben werden. Es kommt auf die Mittel an. Der Ofen bleibt kalt, wenn
ich ihm bloB sage, er solle warm sein. Er wird warm, wenn er Heiz-
material hat. Der Mensch bleibt audi kalt bei Ermahnungen. Was ist
aber Heizmaterial fur den modernen Menschen? Die Einzeltatsachen
der spirituellen Lehren sind Heizmaterial fur den Menschen. Man darf
nicht bequem sein und bei der «allgemeinen Bruderschaft» stehen-
bleiben. Heizmaterial muB den Menschen gegeben werden. Die Brii-
derlichkeit ergibt sich dann schon von selbst. Wie die Pflanzen ihre
Bluten der Sonne entgegenstrecken, so miissen wir alle aufschauen
zur Sonne des spirituellen Lebens.
Es kommt darauf an, daB wir solche Dinge, in die wir hineinge-
schaut haben, nicht nur als theoretische Lehren aufnehmen, sondern
daB sie Kraft werden in unseren Seelen. Fiir jeden Menschen, auf
jedem Posten im praktischen Leben konnen sie Impulse geben zu dem,
was er zu schaffen hat. Die Menschen, die heute mit einem gewissen
Hohn auf die Geisteswissenschaft herabschauen, die fiihlen sich erha-
ben uber die «phantastischen» Lehren der Geisteswissenschaft. Sie
finden darin « nicht zu beweisende Behauptungen» und sagen, man
solle sich halten an die Tatsachen. - Es konnte leicht, wenn der Gei-
steswissenschafter nicht stark, sondern kleinmutig gemacht wiirde
durch das Leben in der Geisteswissenschaft, es konnte leicht gesche-
hen, daB er beirrt wiirde in seiner Sicherheit und Energie, wenn er
sieht, wie gerade diejenigen, welche die Geisteswissenschaft verstehen
sollten, wie gerade die sie absolut nicht begreifen.
Unsere Zeit blickt so leicht herab auf das, was die Agypter ihre
Gotter genannt haben. «Wesenlose Abstraktion», sagt man. Der mo-
derne Mensch ist aber viel aberglaubischer. Er hangt an ganz ande-
ren Gottern, die fur ihn Autoritat sind. Weil er gerade nicht die Knie
beugt vor ihnen, merkt er nicht, was fur einen Aberglauben er treibt.
Meine lieben Freunde, wenn wir so wieder zusammengewesen sind,
sollen wir immer eingedenk sein, daB, wenn wir auseinandergehen,
wir nicht nur mitnehmen sollen eine Summe von Wahrheiten, sondern
daB wir mitnehmen sollen einen Gesamteindruck, einen Empfindungs-
eindruck, der am richtigsten die Form annimmt, die der Geisteswis-
senschafter als Willensimpuls kennt: daB er die Geisteswissenschaft
hineintragen will in das Leben und durch nichts in seiner Sicherheit
sich beirren lassen will.
Stellen wir uns ein Bild vor die Seele. Man hort so oft: Ach diese
Geistsucher! Die setzen sich da zusammen in ihre Loge, da treiben
sie allerlei phantastisches Zeug. Darauf kann sich der Mensch, der auf
der Hohe der heutigen Zeit steht, nicht einlassen. - Die Anhanger
der Geisteswissenschaft nehmen sich heute manchmal aus wie eine ver-
achtete Klasse von Menschen, wie ungebildet und ungelehrt. Braucht
uns daraus Kleinmut zu ersprieBen? Nein! Wir wollen ein Bild uns
vor die Seele fuhren und die Gefuhle, die sich daran kniipfen, wek-
ken. Wir erinnern uns an Ahnliches in verflossenen Zeiten, wir er-
innern uns, wie im alten Rom etwas ganz Ahnliches geschah. Wir
sehen, wie das erste Christentum sich ausbreitet gerade im alten Rom
in einer ganz verachteten Klasse von Menschen. Wir schauen heute
mit berechtigtem Entziicken zum Beispiel auf das Kolosseum, das das
kaiserliche Rom erbaut hat. Wir konnen aber auch auf die Leute, die
sich damals auf der Hohe der Zeit dunkten, den Blick werfen, wie
sie in dem Zirkus saBen und zuschauten, wie die Christen auf der
Arena verbrannt wurden und wie Weihrauch angezundet wurde, da-
mit der Geruch der verbrannten Leichen nicht hinaufsteige.
Und jetzt richten wir den Blick auf die Reihe der Verachteten. Sie
lebten in den Katakomben, in unterirdischen Gangen. Da muBte sich
verkriechen das sich eben ausbreitende Christentum. Da unten errich-
teten die ersten Christen Altare auf den Grabern ihrer Toten. Da unten
hatten sie ihre wunderbaren Zeichen, ihre Heiligtiimer. Wir werden
von einer sonderbaren Stimmung ergrifFen, wenn wir heute durch die
Katakomben schreiten, durch das unterirdische, verachtete Rom. Die
Christen wuBten, was ihnen vorbehalten war. Verachtet war das, was
der erste Keim des Christus-Impulses war, auf der Erde eingeschlos-
sen in die unterirdischen Katakomben. Was ist von dem kaiserlichen
Rom geblieben? Das ist von der Erde verschwunden. Aber was da-
mals in den Katakomben lebte, ist erhoben worden.
Mogen heute die, die sich zu Tragern einer spirituellen Weltan-
schauung machen wollen, mogen sie die Sicherheit der ersten Christen
erhalten. Mogen die Vertreter der Geisteswissenschaft leben, verachtet
von der zeitgenossischen Gelehrsamkeit, mogen sie aber wissen, daB
sie eben arbeiten fur das, was bluhen und gedeihen wird in der Zu-
kunft. Mogen sie ertragen lernen alles Widerwartige der Gegenwart.
Wir arbeiten in die Zukunft hinein. Das kann man auch in Beschei-
denheit und auch in Sicherheit, ohne Oberhebung fiihlen, stark gegen
die MiBverstandnisse in unserer Zeit.
Mit solchen Gefuhlen versuchen wir das, was vor unsere Seele
getreten ist, zum Bleibenden zu machen. Nehmen wir es mit hinaus
als Kraft, und wirken wir briiderlich untereinander im rechten Sinne
weiter !
An die
Mitglieder der
Theosophischen Gesellschaft (Adyar.)
YV/ir erlauben uns Ihnen mitzuteilen, daB Herr Dr. Rudolf Steiner in
**' der Zeit vom 2.— 14. September ds. J. in Leipzig eine Reihe von
Vortragen halten wird iiber das Thema:
„flegyptische Mythen und Mysterien
im
Verhaltnis zu den wirkenden Geistes-
— kraften der GegenWart" — — =
und laden die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) freund-
lich zur Teilnahme ein.
Die Vortrage finden jeweils abends piinktlich 8 Uhr im Kiinstler-
haus, BosestraBe 9 statt. Durch Veranstaltung eines geselligen Bei-
sammenseins mit musikalischen Darbietungen in der Wohnung eines Mit-
gliedes, wozu Einladungen ergehen werden, soli den Oasten und den
Mitgliedern Oelegenheit gegeben werden, einander kennen zu lernen.
Zwei Nachmittage sind zur Fragebeantwortung vorgesehen, da an die
Vortrage eine Diskussion nicht mehr angeschlossen wird.
176
Karten fur den ganzen Vortragszyklus zu Mark 10— werden ab
1. Juni ds. J. ausgegeben gegen Voreinsendung des Betrags an Frau Else
Dannenberg, Leipzig, PromenadenstraBe 9 L AuBerdem stehen Freunden
der Gesellschaft Einzelkarten a M. 1.— - pro Vortrag zur Verfugung. AHe
weiteren Auskunfte erteilt gerne Frau E. Wolfram, Leipzig, SteinstraBe 13 1
In der Hoffnung, recht viele unserer Freunde bei uns begriiBen zu
diirfen, bitten wir uns Anmeldungen so bald als moglich zukommen zu
lassen.
Mit theosophischem GruB!
Leipzig, Ende Mai 1908. Der Zweig Leipzig.
SteinstraBe 13, part.
177
HINWEISE
7,u dieser Ausgabe
Der vorliegende Vortragszyklus wurde von Rudolf Steiner im Zweig Leipzig der
damaligen Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten; eingela-
den waren alle Mitglieder (siehe Einladung Seiten 176/177). Da der Zweig Leipzig
von Elise Wolfram geleitet wurde, die sich besonders stark fur Mythologien
interessierte, selbst Vortrage hielt und Schriften publizierte, darf angenommen
werden, dafi sie um das Thema gebeten hatte. Allerdings hatte vier Wochen vorher
bereits in Stuttgart ein Vortragszyklus unter ahnlichem Titel stattgefunden:
«Welt, Erde und Mensch, deren Wesen und Entwickelung, sowie ihre Spiegelung
zwischen agyptischem Mythos und gegenwartiger Kultur» (GA 105), iiber dessen
Zustandekommen ebenfalls niclits naheres bekannt ist. Beide Zyklen waren in Nr.
VII (September 1908) der «Mitteilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion
der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar)» angekiindigt worden.
Textunterlagen: Rudolf Steiners frei gehaltene Vortrage wurden von stenogra-
phisch geschulten Freunden mehr oder weniger gut mitgeschrieben. Bei der hier
vorliegenden Vortragsreihe mufi ausdriicklich darauf aufmerksam gemacht wer-
den, daft die Nachschriften liickenhaft sind. Die erste Buchausgabe (Dornach
1931) brachte schon einige Erganzungen aus einer anderen Nachschrift als
derjenigen, auf Grund welcher die Ausgabe im Zyklenformat (Berlin 1911)
erfolgte. Einige besonders mangelhafte Stellen sind in den folgenden Hinweisen
vermerkt.
Rudolf Steiner selbst konnte den zu seinen Lebzeiten erschienenen Manu-
skriptdruck (Berlin 1911) infolge seiner totalen Uberbeanspruchung durch stan-
dige Vortragsreisen nicht selbst durchsehen. Die Herausgabe besorgte in seinem
Auftrag Marie von Sivers (Marie Steiner). Sie gab auch die erste Buchausgabe
(Dornach 1931) heraus, der sie Inhaltsangaben beifugte, die fur die spateren
Auflagen innerhalb der Gesamtausgabe teilweise erweitert wurden. Auch sind
Hinweise und ein Namenregister erstellt worden.
Der Titel des Bandes wurde fur die 5. Auflage 1992 entsprechend dem von Rudolf
Steiner fur den Vortragszyklus gegebenen erganzt.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (G A) werden in den Hinweisen mit der
Bibliographie-Nummer angegeben.
Zu Seite
11 Goethe . . . «Geheimnisse»: Ein Fragment (1784-1786). Siehe hierzu Rudolf Steiners
Vortrag in Koln, 25. Dezember 1907 «Die Geheimnisse. Ein Weihnachts- und
Ostergedicht von Goethe», Einzelausgabe, und in «Natur- und Geistwesen - ihr
Wirken in unserer sichtbaren Welt», GA 98.
15 Sammlungen des Veda: «Veda», d. h. heiliges «Wissen», nennt sich die Gesamtheit der
altesten in der Sanskritsprache abgefalken religidsen Schriften der Hindus, denen ein
uberirdischer Ursprung zugeschrieben wird. Es handelt sich um eine umfangreiche
Literatur, die lange Zeit nur mundlich weitergegeben wurde. Die vedischen Uberliefe-
rungen gliedern sich hauptsachlich in 1. die Sanhitas, 2. die Brahmanas und 3. die
Aranyakas und Upanishads. Die Sanhitas sind «Sammlungen» von Liedern, Opfer-
formeln und Zauberspruchen. Man unterscheidet vier derartige Sammlungen, die man
allgemein vereinfacht die «vier Veden» nennt.
15ff. Zaratbustra: Gemeint ist der eigentliche oder erste Zarathustra. Im offentlichen
Vortrag xiber «Zarathustra», Berlin, 19. Januar 1911 in «Antworten der Geisteswis-
senschaft auf die grofien Fragen des Daseins», GA 60, fiihrt Rudolf Steiner aus:
«Griechische Geschichtsschreiber wiesen immer wieder darauf hin, dafi man Zara-
thustra weit hinauszuversetzen hat, etwa 5000 bis 6000 Jahre weit hinter den Tro-
janischen Krieg.»
15 Homer, 9. Jahrhundert v. Chr.
Aschylos, 525-456 v. Chr.
Sophokles, 497/496-406 v. Chr.
17 Raffael Santi, 1483-1520-
18 das Wort «Ich bin, das da war . . .»: Inschrift auf dem Standbild der Gottin zu Sais.
22 Karl der Grojie, 724-814.
29 Gnostiker . . . Pleroma: Siehe hierzu die naheren Darstelhmgen Rudolf Steiners im
Vortrag Dornach 15. Juli 1923 in «Drei Perspektiven der Anthroposophie. Kultur-
phanomene, geisteswissenschaftlich betrachtet», GA 225.
40 Manu: Theosophisch-indische Bezeichnung fur den grofien Eingeweihten, der die
Volkerstamme aus der Atlantis nach Osten fiihrte. Siehe hierzu die naheren Darstel-
hmgen in «Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wiederver-
korperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Menschheit», GA 109.
53 als die Griechen . . . nach Indien drangen: Vergleiche Hinweis zu Seite 64.
Alexander der Grofie, 356-323 v. Chr.; zog im Friihjahr 327 nach Indien.
57 meine «Theosophie»: «Theosophie. Einfuhrung in ubersinnliche Welterkenntnis und
Menschenbestimmung» (1904) GA 9.
58 Kama, Kama-Manas, Manas: Theosophische Bezeichnungen. Kama ist der Astral-
leib; Kama-Manas das sogenannte niedere Manas, die Verstandesseele; Manas, das
sogenannte hohere Manas, wird in Rudolf Steiners «Theosophie» die «geisterfullte
BewuEtseinsseele» oder «Geistselbst» genannt.
58 wie dem Prana die Budhi . . . entspricht: In den beiden ersten Ausgaben stent «wie dem
Kama die Budhi entspricht», was auf einem Horfehler der Nachschreiber beruht.
59 Veda-Zitat: Rigveda I, 164, 45.
Veda-Zitat: Rigveda I, 164, 37.
60 Sokrates, 470-399 v. Chr.
Plato, 427-347 v. Chr.
64 Dieses Bild, das Brahman der Inder (. . .), das den Griecben erschien wie Herakles: An
der Stelle der Piinktchen (. . .) ist eine in fruheren Ausgaben abgedruckte, nur
mangelhaft uberlieferte Stelle iiber Ich und Brahma weggelassen worden, offenbar ein
Hinweis auf den beriihmten Satz: Aham Brahma asmi = Ich bin Brahma. Siehe hierzu
«Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die B ruder
Christi», 3., 6., 7. Vortrag, GA 113.
84 Veda-Zitat: Rigveda X, 27, 15-16.
91 Homer: 9. Jahrhundert v. Chr.
93 O Solon, Solon . . .: Zitat aus Platons «Timaios», 22 B/22 C.
106/107 der Ritus, der erwdhnt wird bei Tacitus: Tacitus Publius, 55 bis etwa 116,
romischer Geschichtsschreiber. Germania, Cap. XI.
117 Hermes Trismegistos: Siehe hierzu Rudolf Steiners Vortrag iiber «Hermes» in
«Antworten der Geisteswissenschaft auf die grofien Fragen des Daseins», GA 60.
121 Hammurabi, 1955-1913 v. Chr.
127/128 Ausspruch eines Eingeweihten: Aus Homers «Odyssee», XI. Gesang, V.
488^91.
129 Augustinus, 354-430. Zitat aus: «Retractationes», L., I. Capt. XIII, 3.
130 Die Menschen, auch die Tbeosopben, stellen sich die Geheimnisse der Reinkarnation
gewohnlich viel zu einfacb vor: Siehe hierzu die Darstellungen in «Das Prinzip der
spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wiederverkdrperungsfragen», GA
109.
130 H. P. Blavatsky, 1831-1891. Griindete 1875 die Theosophische Gesellschaft.
147 des Gottes . . .: In den beiden ersten Ausgaben heifit es gemafi Nachschrift «des Gottes
Manu», wobei es sich um einen Horfehler handeln mufi. Der richtige Name konnte
bisher nicht ermittelt werden.
163 Tacitus: Vergleiche Hinweis zu Seite 106/ 107.
165 wenn wir . . . den Ausdruck Devacban gebrauchen: Die Stelle ist in der Nachschrift
ungeniigend und fehlerhaft. Daher wurde ein in den fruheren Ausgaben enthaltener
mifiverstandlicher Satz hier weggelassen. Sachlich ist Devachan eine Bezeichnung, die
ebenso wie Devayana auf die hoheren Geistgebiete hinweist. Sprachlich dagegen ist
Devachan ein tibetanisches Wort, das als Ubersetzung fur das indische sukhavati, den
Namen von Indra's Himmel oder Paradies, gepragt wurde. Devayana ist rein indisch
und bedeutet Gotter- (deva) Weg (yana).
170 Nikolaus Kopernikus, 1473-1543.
Johannes Kepler, 1571-1630. Das Zitat ist aus der Vorrede zum funften Buch von
«Harmonices mundi».
171 Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim), 1493-1541.
NAMENREGISTER
(* = ohne Nennung im Text)
Abraham 164, 165
Adam 164
Aschylos 15
Ahura Mazdao (Ormuzd) 35, 1 14, 1 15
Alexander der Grofie 53
Apollo 39, 94, 97
Argonauten 139
Athene 39, 119
Augustinus 129
Baldur 39, 130
Blavatsky, Helena Petrovna 130
Bocklin, Arnold 119
Brahma 35, 49, 53, 58, 64, 84
Buddha 129-133, 156
Darwin, Charles 154, 171
Georg, Heiliger 72
Goethe, Johann Wolfgang von 11, 158
Hammurabi 121
Hera 39
Herakles 53, 64
Hermes Trismegistos 117,129
Hertha (Nerthus) 107
Homer 15, 91, 127*
Horus 19, 35, 38, 83, 84, 86, 104, 145,
166, 168
Jahve (Jehova) 29, 72, 77, 79
Jason 139
Jesus 19, 133-135
Johannes, Evangelist 134, 161
Johannes der Taufer 136
Isis 18, 19, 35, 38, 82-86, 93, 95,
103-105, 109, 112, 113, 145, 146, 162,
167, 168, 170
Karl der Grofie 22
Kepler, Johannes 170,171
Kopernikus, Nikolaus 170
Manu 40,41,54, 56
Mars 39
Michael 72
Nerthus (Hertha) 107
Noah 164
Ormuzd (Ahura Mazdao) 35, 38, 114,
115
Osiris 35, 38, 74, 79-86, 92-97, 103, 104,
108, 109, 112, 113, 145, 146, 162, 167-170
Paracelsus 171, 172
Pharao 166, 168
Plato 60
Polyphem 92
Prometheus 138
Raffael Santi 1 7
Rishi 54,56,59,62,113,114,117
Seth (Typhon) 74, 79, 83, 85
Siegfried 72
Sokrates 60
Solon 93
Sophokles 15
Tacitus Publius 107,163
Thor 39
Thoth 117
Typhon (Seth) 74, 79, 80, 83, 85, 86
Wotan 39, 130, 131
Zarathustra 15, 16, 50, 114
Zeus 39, 119, 130
UBER DIE VORTRAGSN ACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf-
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen)
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vor-
tragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man-
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am
liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miindlich gespro-
chenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck
der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu
korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mit-
glieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem
Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will,
der mu$ das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis-
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem
Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie -
allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde.
Neben dieser Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da-
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heme zu iibergeben hat, trat
nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mit-
gliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen,
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen
liber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mit-
glieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie be-
kannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf
dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltimg dieser internen Vortrage
war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die
Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be-
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt. Die
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die
Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke
nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hin-
genommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vor-
lagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Ink alt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils-
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus
der Geist-Welt sich findet.